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WiFi-Branche droht neuer Streit um Standards

11.10.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Das Enhanced Wireless Consortium aus 27 Hightech-Unternehmen arbeitet an neuen Standards, um die Datenübertragung in drahtlosen Netzen zu beschleunigen. Die Raten sollen sich von aktuell 54 Mbit pro Sekunde auf etwa 200 Mbit/s vervierfachen. Damit soll es künftig möglich sein, auch große Datenmengen wie beispielsweise digitale Video-Dateien ohne Kabelverbindung zwischen verschiedenen Geräten auszutauschen.

Dieses an sich löbliche Ziel könnte jedoch laut einem Bericht des "Wall Street Journal" für Streit innerhalb der weltweiten WiFi-Branche sorgen. So verwaltete bislang das Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) alle Standardisierungsbestrebungen. Allerdings verlief dieser Prozess in der Vergangenheit meist zögerlich und langsam (siehe auch: "Streit um die nächste WiFi-Generation"). Vor allem die unterschiedlichen Techniken der verschiedenen Anbieter behinderten eine Einigung. Dem Bericht zufolge haben die Kartellbehörden die Branche bereits im Visier, um wettbewerbsverzerrende Praktiken in den Standardisierungsprozessen aufzudecken (siehe auch: "EU-Kommission will Wireless-Markt harmonisieren")

Das Enhanced Wireless Consortium, zu dessen Treibern Firmen wie Intel, Broadcom, Atheros und Marvell gehören, die insgesamt über 80 Prozent der Halbleiterprodukte für die WiFi-Industrie fertigen, weist derartige Verdächtigungen von sich. Man hoffe, mit der eigenen Initiative den Entwicklungsprozess zu beschleunigen. Ziel sei nicht, Wettbewerber aus dem Markt zu drängen, sondern den Kunden technische Vorteile anzubieten. Außerdem sei die Allianz zuversichtlich, dass das IEEE die vorgeschlagenen Spezifikationen annehmen werde.

Allerdings sollen einige der genannten Hersteller dem Bericht zufolge auch vor einem Alleingang nicht zurückschrecken. Notfalls werde man die Spezifikationen auch ohne Unterstützung des IEEE einsetzen, heißt es. Damit drohen jedoch inkompatible Geräte zum Nachteil der Anwender, warnen Branchenbeobachter. Sollte sich die Industrie in verschiedene Lager aufspalten, seien verwirrte und verunsicherte Kunden das einzige Resultat.

Derweil geht hinter den Kulissen das Kräftemessen weiter. Während die neue Allianz Branchengrößen wie Sony und Cisco auf seiner Seite weiß, gehen andere Unternehmen vorerst auf Distanz. So versicherte Nokia-Manager Nico van Waes, der TK-Ausrüster werde sich nicht an einem proprietären Konsortium beteiligen. Allerdings hoffe er, die Ergebnisse würden offen gelegt und vom IEEE berücksichtigt. Auch Vertreter von Motorola erklärten, sie zögen ein unabhängiges Standardisierungsgremium wie das IEEE einem industriegetriebenen Ansatz vor.

Wie der Konflikt ausgeht, ist derzeit nicht absehbar. Im November will das IEEE eigene Spezifikationen für neue Drahtlostechniken vorstellen. Die Reaktion der Halbleiter-Lobby bleibt abzuwarten. (ba)