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"Die Vernetzung der Welt"

Wie Google die Welt sieht

Uwe Sievers ist Journalist, Dozent und Autor in Berlin.
"Die Vernetzung der Welt" - das Buch der Google-Manager offenbart Ziele und Strategien des Konzerns.
Foto: Rowohlt Verlag

Wenn Google Manager schreiben: "Die Nutzer geben mehr von sich preis, als sie ahnen", dann sollte das nachdenklich stimmen. Dieser Datenstrom sei für Behörden und Unternehmen ein Geschenk, meinen Eric Schmidt und Jared Cohen. Ex-CEO Schmidt und Cohen, Chef von Googles Thinktank, setzen sich in ihrem Buch "Die Vernetzung der Welt" mit der Zukunft des digitalen Zeitalters und den gesellschaftlichen Konsequenzen auseinander. "Die Online-Identität wird in Zukunft das wertvollste Gut der Bürger sein", lautet eine These der beiden Google-Führungskräfte. Sie fordern daher, dass in Zukunft "Eltern ihre Kinder zuerst über Privatsphäre und Datenschutz aufklären, bevor sie mit ihnen über Sex sprechen."

Anders als Cohen und Schmidt nahelegen, war Google bisher allerdings eher Teil des Problems, als der Lösung. Für seine Sammelwut persönlicher Daten erhielt das Unternehmen kürzlich den wenig begehrten Big Brother Award der Datenschutzvereinigung Digitalcourage. Da durch die Verknüpfung der Nutzerdaten umfassende Persönlichkeitsprofile entstehen, bildete die EU sogar eine Task Force um gegen Google zu ermitteln. Nun jedoch mahnen Schmidt und Cohen: "Wenn wir uns nicht für unsere Privatsphäre einsetzen, werden wir sie verlieren". Mit Widersprüchen hat man bei Google scheinbar wenige Probleme.

Mit Aggressivität wachsen

In ihrem Buch geben sich Cohen und Schmidt als Weltverbesserer, die ihr Ziel durch den Einsatz neuer Technologien erreichen wollen. Dabei setzen sie auf die Macht der Internet-Giganten: "Wir sind überzeugt, dass Portale wie Google, Facebook, Amazon oder Apple weitaus mächtiger sind, als die meisten Menschen ahnen". Diese wirtschaftlich konstituierte Macht basiere auf der Fähigkeit, mit einer Geschwindigkeit, Effizienz und Aggressivität zu wachsen, wie es sonst nur biologische Viren vermögen würden. Das verändere nicht nur die gesellschaftlichen Spielregeln, sondern auch Werte und Normen. Neue Formen kollektiven Handelns würden daher ebenso notwendig, wie neue gesellschaftliche Regeln und das "in einem Feld bei dem keine Gesetzgebung mithalten kann". Die diesbezüglichen Vorstellungen der Autoren bleiben allerdings abstrakt.

Die Google Manager fragen nach der zukünftigen Rolle des Staates. Das Internet sehen sie als "größten unregulierten Raum der Welt" und damit als "das größte Anarchismusexperiment aller Zeiten". Sie kommen zu dem Schluss, "dass Staaten und Institutionen einen Teil ihrer Macht verlieren werden". Ob daraus jedoch ein Machtzuwachs für die Bürger erwächst, wie die Autoren meinen, oder eher für die Internet-Giganten, bleibt abzuwarten.

Politischer Einfluss

Die politische Bühne ist für die beiden Autoren nicht neu: Während Schmidt als Berater von US-Präsident Obama fungierte, wirkte Cohen als Berater von US-Außenministerin Hillary Clinton und Condoleeza Rice. Nun vertreten sie Googles Interessen und im Buch wird deutlich, welche politische Rolle dem Giganten inzwischen zukommt. Die Autoren berichten von zahlreichen Gesprächen mit Regierungsvertretern verschiedener Länder. Nach Krisen, Katastrophen und Umstürzen ging es in diesen Gesprächen um die Rolle der Kommunikationsinfrastruktur für den Wiederaufbau. Die Autoren widmen diesem Thema ein eigenes Kapitel. Darin betonen sie die Bedeutung dieser Technologie für die politische Entwicklung der betroffenen Länder. Letztlich geht es dabei aber um Kundengewinnung: Länder erschließen heißt für Google zugleich neue Kunden gewinnen. Die politische Sicht der Google Manager wird von der Unternehmersicht bestimmt.

Wer von dem Buch sensationelle Enthüllungen erwartet, wird enttäuscht sein. Eine Beleuchtung der inneren Abläufe des Konzerns, wie sie etwa für Apple von Steve Jobs in seiner Biografie gegeben wurde, nehmen die Autoren nicht vor. Dafür kann das Buch mit interessanten Einblicken in die Denkweise der Google-Lenker aufwarten. Obwohl Schmidt und Cohen tief in der Technologiebranche verwurzelt sind, sehen sie Technologie nicht als Allheilmittel: Weder würden zukünftig menschliche Fähigkeiten überflüssig, noch "wird die virtuelle Welt die bestehende Weltordnung überholen oder erneuern".

Die Daten zum Buch

Eric Schmidt, Jared Cohen: Die Vernetzung der Welt. Ein Blick in unsere Zukunft

Rowohlt Verlag, Reinbek 2013

ISBN 9783498064228

Gebunden, 448 Seiten, 24,95 EUR

Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer.