Wenn der rote Faden fehlt

Warum Bewerber scheitern

14.07.2012 | von 
Karen Funk
Schreibt und bearbeitet Karrierethemen - sowohl für die Website als auch für das Heft der COMPUTERWOCHE. IT-Arbeitsmarkt, Recruiting, Freiberufler, Aus- und Weiterbildung, IT-Gehälter, Work-Life-Balance, Employer Branding und und und.  Wenn sie nicht gerade Projekte wie den "CIO des Jahres" betreut. Hofft auf mehr Frauen in der IT.
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Wer in seiner Bewerbung nur auf Fakten und allgemeine Lebenslaufdaten setzt, kommt häufig nicht über das Vorstellungsgespräch hinaus.

Martin P. hatte alles richtig gemacht: Studium der internationalen Betriebswirtschaftslehre mit erfolgreichem Auslandssemester und passendem Praktikum während des Auslandsaufenthaltes. Auch in Deutschland hat er einige Praktika absolviert. Als er sich aber für seinen ersten Job bewarb, ließ der der erhoffte, adäquate Berufseinstieg zunächst auf sich warten.

Seine Zielrichtung war ganz klar: Er wollte als Human-Resources-Referent starten und bewarb sich folgerichtig auf meist operativ ausgerichtete Einstiegspositionen für Absolventen. Da er nicht umziehen und auch nicht viel reisen wollte, bewarb er sich bei mittelständischen und Großunternehmen.

Birgit Zimmer-Wagner bietet mit ihrer Agentur Bewerber Consult Karriereberatung und Coaching für Ein-, Um- und Aufsteiger.
Birgit Zimmer-Wagner bietet mit ihrer Agentur Bewerber Consult Karriereberatung und Coaching für Ein-, Um- und Aufsteiger.

Erstaunt wandte er nach sechs Monaten Suchdauer an die Karriere- und Bewerbungsberatung Bewerber Consult. Birgit Zimmer-Wagner, die seit über zehn Jahren die Beratungsagentur mit ihrem Mann leitet, berichtet, Martin P. habe zwar Vorstellungsgespräche bekommen, aber keiner habe ihn einstellen wollen. Sein Kommentar: "Das kann ich nicht nachvollziehen."

Roter Faden - fachlich und persönlich

Bei genauerer Analyse seiner Bewerberdokumentation und seiner sehr offenen, kommunikativen Persönlichkeit, trat das Problem laut Zimmer-Wagner deutlich zu Tage: er hatte im Ausland in der Beratung gearbeitet, mit regelmäßigem Kundenkontakt. Und das sehr erfolgreich. Seine Masterarbeit hatte er über strategisches, internationales HR-Management geschrieben.

Da wunderten sich die Arbeitgeber, weshalb er sich für operatives Abarbeiten "allgemeiner Vorgänge, die auch ein Industriekaufmann erledigen kann, überhaupt beworben hat. Traut er sich nichts zu oder will er möglichst wenig arbeiten?", habe es ein Personaler auf Nachfrage zusammengefasst.

Die Bescheidenheitsfalle

Martin P. war in die Bescheidenheitsfalle getappt, der "rote Faden" in der Bewerbung fehlte, er traute sich weniger zu, als die einstellenden Unternehmen aus seinem Profil heraus lasen.

Die Fakten und allgemeinen Lebenslaufdaten allein hatten nicht gereicht, um den künftigen Arbeitgeber von seiner Eignung für die ausgeschriebene Position zu überzeugen, analysiert die Expertin. Ein durchgehendes Grundmotiv oder ein leitender Gedanke sei daher ein wichtiger Baustein jeder Bewerbung, die es dem Personaler ermögliche, Motivationen zu erkennen. Jeder Bewerber habe individuelle Stärken und Fachkenntnisse, die sein ganz eigenes Bild ausmachen und eine Karriereplanung jenseits der Masse ermöglichen, ist Zimmer-Wagner überzeugt. Anders formuliert: Kann der Bewerber seine Motivation und Eignung für eine Position klar dokumentieren und argumentieren, steht einem stetigen Aufstieg oder kontinuierlicher beruflicher Karriereentwicklung nichts im Wege. Vor allem wenn er selbst weiß, warum er wo hin will.

Es gehe aber nicht nur um die rein fachliche Rolle, den fachlichen roten Faden, sondern auch um persönliche Stärken und Erwartungen des Bewerbers. Gerade die erste Stelle nach dem Studium ist in vielerlei Hinsicht eine Weichenstellung.

Zurück zu Martin P.: Im Einzelcoaching schärfte Zimmer-Wagner sein Profil und erarbeitete mit ihm den roten Faden, das heißt die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Stationen, erkennbare Entwicklungslinien, eine klare Leistungsmotivation. Seine Bedenken, dass er "nur noch unterwegs ist" in der Beratung, ließen sich zerstreuen, denn als strategisch orientierter Junior-Consultant war das Reisen zweitrangig.

"Sparringpartner" und Feedback

Am Ende der Beratung resümierte Martin P.: "Ich habe diesen roten Faden so selbst nicht erkannt und habe mich innerhalb der Coaching-Gespräche auch persönlich entwickeln und auseinander setzen müssen, hin zu mehr Verantwortungsbereitschaft." Nach drei Monaten erhielt Zimmer-Wagner ein weiteres Feedback: "Der Job entspricht genau dem, was ich mir vorgestellt habe, ich habe vor allem einen adäquaten Karriereeinstieg gefunden, was sich auch im Gehalt widerspiegelt."

Erfolgreiche Bewerber müssen fachlich und persönlich stimmig rüberkommen.
Erfolgreiche Bewerber müssen fachlich und persönlich stimmig rüberkommen.
Foto: Picture-Factory - Fotolia.com

Die Bewerberberaterin berichtet von einem weiteren ähnlich gelagerten Fall: Eine Managerin, die etliche Stationen in internationalen Unternehmen vorzuweisen hatte, war ratlos, warum ihre Bewerbungen auf Top-Positionen nicht erfolgreich waren. Der rote Faden war vorhanden: Er ergab sich aus den Projekten und den unterschiedlichen Karrierestationen. Sie war "immer die getriebene, die nicht abwartete, sondern statt dessen lieber die Firma wechselte", wie sie selbst im zweiten Beratungsgespräch erkannte.

Für eine Position im Top-Management suchten viele Arbeitgeber aber eine Kandidatin, die auch mindestens einmal einen internen Aufstieg bewältigt hatte, abwarten konnte, Zähigkeit mitbrachte, auch gegen interne Widerstände heikle Themen durchsetzen konnte. Diese Fähigkeit traute man ihr nicht zu.

Also musste die Managerin ihren speziellen Karriereweg, ihre Wechsel, den skeptischen Arbeitgebern erklären: Für sie sei es wichtiger, viele unterschiedliche Sichtweisen kennen gelernt und erfolgreich gemeistert zu haben, als alles stoisch abzuarbeiten. Zimmer-Wagner: "Fachlich fehlte ihr nichts, da konnte sie glänzen, persönlich lernte sie, ihren persönlichen roten Faden als Stärke zu sehen."

Selbstbewusstes Selbstmarketing

Umsetzen konnte Sie die Vorteile dann in den Vorstellungsgesprächen, so die Personalexpertin weiter: Die Managerin habe die potenziellen Arbeitgeber vor die Frage gestellt, ob sie eine Führungskraft wollen, die alles aussitzt und am Ende nach der hohen Abfindung schielt. Oder ob es um sachliche Ergebnisse gehe und man sich nach einigen Jahren auch fair trennen könne, wenn man feststellen sollte, dass "die Chemie nicht mehr stimmt".

Sie erhielt nach diesem eher provokanten Selbstmarketing kurzfristig einige Absagen aber auch lukrative Angebote.

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