100 Millionen Dollar Venture Capital für Mirantis

Wahnsinn oder Business Logik?

22.10.2014
Dr. Carlo Velten schreibt als Experte zu den Themen Cloud-Platforms und -Developers, Enterprise Cloud Management und Digital Business. Dr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen.
Vor rund 10 Jahren schwappte die erste Venture Capital- und Finanzierungswelle durch die Open Source-Community. Linux machte sich auf, in die Unternehmensrechenzentren vorzudringen. So wurde schon 2004 Suse an Novell verkauft. Jetzt erhält Mirantis mit 100 Millionen Dollar eine rekordverdächtige Summe.
Vor rund 25 Jahren begann die "Freie Software" als eine kleine Gruppe von Programmierern, die sich gegen die Kommerzialisierung ihrer Arbeit sträubten. Heute treiben Open Source-Programme große Teile des Internets an und machen den Größen der Softwareindustrie ernste Konkurrenz. (Bundeszentrale für polotische Bildung)
Vor rund 25 Jahren begann die "Freie Software" als eine kleine Gruppe von Programmierern, die sich gegen die Kommerzialisierung ihrer Arbeit sträubten. Heute treiben Open Source-Programme große Teile des Internets an und machen den Größen der Softwareindustrie ernste Konkurrenz. (Bundeszentrale für polotische Bildung)
Foto: Momius/Fotolia.com

Das Open Source-Datenbank Startup MySQL erhielt 2003 in einer zweiten Finanzierungsrunde 20 Millionen Dollar von Index Ventures, Benchmark und anderen VC-Investoren. Eine damals rekordverdächtige Summe. Es folgte eine Vielzahl an weiteren Deals. Danach wurde es relativ ruhig im Marktsegment für Open Source-Startups. Zwar gab es immer wieder kleinere Erfolge - aber keine großen Durchbrüche mehr.

Nur knapp am "1 Billion Dollar Club" vorbei

Und nun OpenStack! Wie es scheint, haben nicht nur IT-Marketingfachleute und IT-Analysten das offene, IaaS Management Framework ins Herz geschlossen, sondern nun auch die Investoren. 100 Millionen US Dollar hat das US Startup Mirantis bei seinen Investoren eingesammelt. Da die publikumswirksame 1-Milliarden-Grenze in den Presse-Statements nicht genannt wurde, kann man davon ausgehen, dass die Unternehmensbewertung wohl darunter lag. Geht man weiter davon aus, dass weniger als 20 Prozent von Mirantis in dieser Finanzierungsrunde veräußert wurden, so liegt die Bewertung für den OpenStack Distributions- und Integrationsanbieter bei über 500 Millionen Dollar. Rechnet man noch einen "OpenStack-Hype-Bonus" oben drauf, liegen wir wohl eher bei 600-700 Millionen Unternehmenswert, den die Investoren Mirantis zurechnen.

OpenStack-basierte Cloud - keine Fata Morgana, sondern echtes Business

Wahnsinn und viel zu hoch mögen manche Branchenbeobachter meinen! Nach Aussagen von Mirantis CEO Adrian Ionel allerdings wächst das Neugeschäft seit kurzem nicht mehr mit 1 Million Dollar pro Monat, sondern 1 Million pro Woche. Auf dieser Basis würde Mirantis in 2015 dann zwischen 50-60 Millionen Dollar Umsatz generieren. Da nimmt sich die Finanzierung gar nicht mehr so groß aus. Bedenkt man, dass nicht nur viele CIOs und RZ-Leiter sukzessive beginnen, sich mit OpenStack zu beschäftigen, sondern schon viele IT Service Provider und Telekommunikationsanbieter ihre Cloud-Infrastrukturen auf OpenStack aufbauen oder sogar umrüsten, so wird klar, dass sich hier ein enormer Markt entwickelt. Erfahrene OpenStack-Architekten und Administratoren sind derzeit allerdings Mangelware. Nur wenige lokale IT-Anbieter und Dienstleister sind aktives Mitglied der OpenStack-Community und können auf echte Projekterfahrung mit OpenStack zurückblicken. Hier sind derzeit Spezialisten gefragt.

Offene Cloud Plattform auch für deutsche CIOs interessant

Doch OpenStack ist nicht nur in den USA ein Thema. Wie eine aktuelle Studie von Crisp Research unter über 700 IT-Entscheidern in der DACH-Region gezeigt hat (offizielle Vorstellung am 30.10.2014), bescha?ftigen sich bereits 29 Prozent aller Cloud-Anwender aktiv mit der neuen Technologie. Der Wunsch nach Standardisierung in komplexen und hybriden Cloud-Umgebungen ist einer der wesentlichen Treiber für CIOs und RZ-Leiter. Nachdem es Cloud-Technologieanbieter und Cloud Service Provider in den letzten 5 Jahren nicht geschafft haben, sich im Rahmen von Industrieverbänden und Normierungsgremien auf einheitliche Cloud-Standards zu einigen, übernimmt OpenStack nun diese Rolle als kommender "de facto"-Standard.

Und derzeit sieht es wohl so aus, als ob sich keine Alternative findet. Und das ist auch gut so. Denn OpenStack hat - trotz Kinderkrankheiten - alles was die Anwender brauchen. Eine offene Architektur, gut dokumentierte APIs, breiten Anbieter-Support und eine hoch engagierte Community. Auch die Ankündigungen der IT-Anbieter der letzten Wochen sprechen eine deutliche Sprache im Hinblick auf den langfristigen Support der Open Source-Plattform:

OpenStack - Gut für die Anwender

Neue Technologien sind anfangs immer gewöhnungsbedürftig. Es erfordert Zeit und Energie sich mit Ihnen vertraut zu machen. Dieses Investment kann sich aber lohnen. Denn am Ende winkt die Möglichkeit Cloud-Umgebungen deutlich kostengünstiger und vor allem standardisiert in eigenen und/oder Provider-Umgebungen zu betreiben und dabei Herr der Lage zu bleiben. Denn mit einem haben europäische und vor allem deutsche CIOs Recht - es kommt vor allem auf den "Level of control" an, den man über seine Cloud-Umgebungen und die darin gespeicherten und verarbeiteten Daten hat. Blumige Aussagen der Anbieter helfen niemand weiter. Hier kann OpenStack für viele Anwender einen echten Beitrag zur Konzeption zukunftssicherer Cloud-Architekturen spielen. (bw)