Web

 

Urheberrechtskriege sind für die Musikindustrie nicht zu gewinnen

28.01.2008
Von pte pte
Allmählich dämmert es den Verantwortlichen der Musikindustrie, dass sie die vergangenen Jahre in die falsche Richtung gesegelt sind. Während der überfälligen Wende kommt der Wind von vorn.

"Die Musikindustrie 1.0 ist vorbei, man kann sagen, sie ist tot. Jedes Unternehmen, das glaubt, es kann Business as usual machen, macht sich lächerlich", verkündete der frühere EMI-Vizepräsident Ted Cohen zum Auftakt der weltgrößten Musikmesse Midem, die vom 27. bis 31. Januar in Cannes stattfindet. Die Branche stehe vor einem grundlegenden Wandel. "Es geht nicht mehr darum, Musik zu schützen, wir müssen Geld damit machen", fordert Cohen. In diesem Zusammenhang sei es ein notwendiger Schritt, dass sich die großen Labels und Firmen vom Digital Rights Management (DRM) nach und nach verabschieden. Auch der Urheberrechts- und Cyberlaw-Experte Lawrence Lessig, der dieses Jahr erstmals von der Musikindustrie zur Messe eingeladen worden war, sprach sich in seiner Rede für ein generelles Umdenken aus. Besonders wichtig sei eine Ausbalancierung der unterschiedlichen Interessen und Aufgeschlossenheit gegenüber alternativen Ansätzen wie etwa dem Creative-Commons-Projekt.

"Es geht nicht darum, die Leute zu verklagen, sondern sie zu bedienen", erklärt Cohen. Der bisherige Weg vieler Unternehmen innerhalb der Musikbranche, Urheberrechtsverstöße streng zu bestrafen, sei nicht zeitgemäß. Es ginge nicht mehr darum, einen bestimmten Umsatz pro verkaufter Einheit zu erzielen, sondern darum, einen Anteil der Ausgaben für Musik zu bekommen. "Musik ist nicht entwertet, sie wird neu bewertet", meint Cohen und gibt für die Industrie eine Strategieempfehlung für die Zukunft ab. Demnach werde diese künftig vor allem deshalb gebraucht werden, um gute Musik für die Nutzer im Netz auffindbar zu machen. Aufgrund des ständig anwachsenden Angebots an Titeln im Internet werde ein derartiger Dienst immer gefragter.

"Ohne bessere Lizenzierungsmöglichkeiten für Peer-to-Peer-Dienste und eine Reform des Urheberrechts geht es nicht mehr", erklärte auch der Gründer der Creative-Commons-Bewegung, Lawrence Lessig. Mit einem Urheberrecht aus dem 19. Jahrhundert könne man heute nicht mehr wirtschaften. "Creative Commons ist kein Feind des Urheberrechts", stellt Lessig fest. Der alternative Lizenzansatz sei vielmehr der Versuch eines ausbalancierten Urheberrechts, für den sich die Künstler selbst entscheiden könnten. Die übertriebenen Forderungen und "Urheberrechtskriege" der Unterhaltungsindustrie hätten in den vergangenen Jahren zu einer Radikalisierung geführt. Die Industrie müsse erkennen, dass es keine Möglichkeiten gibt, die Technik einer massenhaften Verbreitung von Musik über das Internet abzustellen. "Man kann sie allenfalls kriminalisieren", meint Lessig. Ein derartig geführter Krieg sei für die Industrie aber nicht zu gewinnen. Urheber, die sich zur Verwertung ihrer Werke für Creative-Commons-Lizenzen entscheiden, können inzwischen aber durchaus auch kommerzielle Lizenzen vergeben. Eine Vereinbarung beider Ansätze war bislang am Widerstand der Verwertungsgesellschaften gescheitert. (pte)