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In 140 Zeichen

Twitter - aus der Nische in die Breite

29.06.2012
Twitter wird in Deutschland immer attraktiver - inzwischen nutzen 4,4 Millionen Menschen den 140-Zeichen-Dienst. Freunde und Promis ziehen die Neu-Zwitscherer auf die Internetplattform, aber auch Großereignisse wie die Fußball-EM.
Foto: Statista

Lady Gaga, Cristiano Ronaldo, Peter Altmaier: Viele Promis und Politiker nutzen nahezu täglich Twitter und teilen der Welt da draußen mit, was sie beschäftigt. Doch die Online-Gesellschaft ändert sich: Die 140-Zeichen-Nachrichten im Netz zwitschern zunehmend auch Menschen wie du und ich. Um 37 Prozent stiegen die deutschen Nutzer-Zahlen im Mai im Vergleich zum Vorjahr. Twitter mausert sich vom Medium für Freaks und Neugierige zum breiten Kommunikationskanal, meinen Experten. Vor allem zu Großereignissen, wie der Fußball-EM, steigt die Zwitscher-Dichte.

Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielt, ist nicht nur die Fernseh-Welt aus dem Häuschen. Auf Twitter drehen sich die zehn häufigsten Begriffe dann ausschließlich um den Fußball, hat der Programmierer und Twitter-Experte Thomas Pfeiffer beobachtet. "Beim EM-Spiel Deutschland gegen die Niederlande war "Müllabfuhr" unter den Top 10." Der Grund: Tweets wie "Orange ist bei uns nur die Müllabfuhr."

4,4 Millionen Deutsche gehen inzwischen auf Twitter, hat der Messungsdienstleister Comscore ermittelt. Das sind 1,2 Millionen mehr als noch im Jahr zuvor - Zahlen, die den neuen Deutschland-Chef Rowan Barnett freuen dürften. Weltweit hatte Twitter im März etwa 140 Millionen aktive Nutzer.

Foto: Statista

"Großereignisse, wie Fußball-Meisterschaften oder eine Bundestagswahl, sind für Twitter ein Segen", meint Pfeiffer. Ein Zeichen dafür ist Ex-Fußball-Nationaltorhüter Oliver Kahn. Er bekam zu Beginn der Europameisterschaft live im Fernsehen seinen Twitter-Account @OliverKahn eingerichtet. Sein erster noch hoffnungsvoller Tweet: "wir werden #europameister!!!" Und auch Sportfunktionär Franz Beckenbauer hat mit seinen 66 Jahren das Zwitschern für sich entdeckt und auf einen Schlag über 10.000 Follower für sich gewonnen.

Angefangen hatte alles im Jahr 2006 mit Marketing-Experten, Medienprofis und Politikern. "Für viele war Twitter ein neuer Schub für die Imagepflege", sagt der Soziologe Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut Hamburg. Die Plattform sei reizvoll, weil sich so die Selbstdarstellung kontrollieren lasse - und Botschaften ohne Werbung und vorbei an Journalisten ermögliche.

Inzwischen wollen sich auch immer mehr Privatleute eine "eigene persönliche Öffentlichkeit" zu schaffen, wie es Schmidt nennt. Sie nehmen sich die Accounts ihrer Lieblingspromis oder ihrer Freunde als Vorbild und probieren das Zwitschern aus. "Sie twittern über Fußball oder über den Tatort von der Couch aus", sagt Pfeiffer. Ein Grund für die höheren Nutzerzahlen.

Neun Nutzer-Typen bei Twitter

Der PR-Twitterer: Marketing-Profis und Unternehmenssprecher zählten zu den ersten Nutzern von Twitter. "Zu ihrem Berufsbild gehört es, in der Öffentlichkeit Dinge zu erzählen", sagt Twitter-Experte und Buchautor Thomas Pfeiffer. Die PR-Twitterer nutzen den Kurznachrichtendienst als weltweite Werbe-Plattform - vom Schokoriegel bis zum Lampen-Hersteller.

Der Medienprofi-Twitterer: Auch Medienprofis tummeln sich seit Beginn bei Twitter - aus Neugierde und um mit dem neuen Medium zu experimentieren. Der Autor, Blogger und Strategieberater Sascha Lobo beispielsweise hat als @saschalobo seither über 5000 Tweets rund um das Thema Internet verschickt.

Der Journalisten-Twitterer: Für Journalisten und Redaktionen ist Twitter eine willkommene Plattform, um auf ihre Nachrichten und Geschichten hinzuweisen - und ein Mittel zur Recherche. Meist verlinken sie auf ihre Webseiten, manchmal suchen sie zwitschernd nach Stimmen. Für das ZDF twittert unter anderem @ZDFlogin und fragt zum Beispiel: "Was haltet ihr von einem europäischen Finanzminister?"

Der Politiker-Twitterer: Politiker haben Twitter schon früh als Medium entdeckt - auch um ihre Botschaften an Journalisten vorbei zu verbreiten. "Bei Twitter haben Politiker eine größere Kontrolle über ihre Selbstdarstellung", sagt Soziologe Jan-Hinrik Schmidt. Berühmtes Beispiel: Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) @peteraltmaier twittert und twittert und twittert.

Der Künstler-oder-Sportler-Twitterer: Prominente kommen inzwischen in Scharen zu Twitter und geben Einblicke in ihr Leben. Und kaum zwitschern sie, haben sie tausende Follower - meist weil sie eben prominent sind. 26 Millionen Follower hat Sängerin Lady Gaga @ladygaga: Weltrekord. Bei Twitter hat sie einen Jet-Lag oder geht zum Friseur. Fußball-Star Cristiano Ronaldo @Cristiano bedankt sich nach einem Spiel bei seiner Mannschaft, und elf Millionen lesen mit.

Der Privat-Twitterer: Privatleute sind ein Grund, warum es immer mehr Twitter-Nutzer gibt, meint Experte Pfeiffer. "Sie twittern über Fußball oder über den Tatort von der Couch aus." Meist erreichen diese privaten Tweets nicht die ganze Welt, sondern vor allem Freunde und Bekannte. Viele haben die Promi-Twitterer als Vorbild.

Das Twitter-Gewächs: Mit die herausragendsten Twitterer sind solche, die mit ihren Gedanken, Gedichten und Geschichten tausende faszinieren. Eigentlich sind diese Twitter-Gewächse ganz normale Bürger, aber in der Twitter-Welt sind sie kleine Berühmtheiten. @HappySchnitzel zum Beispiel twittert wortakrobatisch über ihren Weingenuss, Sonnenuntergänge und Wattebäusche.

Die Stalker: Stalker-Accounts sind die lebenden Leichen bei Twitter. Deren Besitzer nutzen Twitter zwar exzessiv und folgen hunderten Twitterern. Selbst haben sie aber erst einen oder zwei Tweets verschickt - oder noch gar keinen. Denn den Stalkern geht es nur um eines: Informationsbeschaffung.

Die Spammer: Allseits unbeliebt, folgen die Spammer scheinbar wahllos irgendwelchen Twitterern und senden so ihre Botschaften: Penisverlängerung, Viagra, Partnervermittlung. Ganz wie die Spam-E-Mails auch. Nach kurzer Zeit verschwinden die Accounts wieder.

Die privaten Twitterer wollen mit ihren Tweets allerdings nicht die ganze Welt erreichen, meint der Experte. Sondern eher ihre Freunde und Bekannte - wie ein halb-öffentliches Online-Tagebuch. (dpa/tc)

Infografiken:
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/223174/umfrage/unique-visitors-von-twittercom-in-deutschland/
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/173771/umfrage/besucherzahlen-sozialer-netzwerke-in-deutschland/

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