Telearbeit Büro und Heim im Wechsel

13.09.2007
Von Anja Dilk 
Teleworker sind motivierter, loyaler und arbeiten meist effizienter als viele, die tagtäglich im Firmentrott mittraben.
Die Zahl der Mitarbeiter, die Telearbeit von zu Hause aus praktizieren, ist wesentlich kleiner als die der mobilen Beschäftigten, die von überall aus arbeiten.
Die Zahl der Mitarbeiter, die Telearbeit von zu Hause aus praktizieren, ist wesentlich kleiner als die der mobilen Beschäftigten, die von überall aus arbeiten.

Sie genießen die kurzen Wege und die Nähe zur Familie. Sie arbeiten flexibel und packen um so kräftiger an. Vor zehn Jahren noch galten sie als Exoten: Menschen, die nicht nur in der Firma, sondern auch von zu Hause aus arbeiten. Heute gibt es Telearbeiter überall in der Republik. Gerade in der IT-Branche locken Unternehmen gerne gute Mitarbeiter mit dieser Arbeitsform. Nur der Name Telearbeit ist etwas aus der Mode gekommen. "Denn er impliziert die Vorstellung von festgelegten Arbeitsformen, die es mittlerweile in vielen Bereichen ohnehin nicht mehr gibt", sagt Michael Jaeckel, Professor für Soziologie an der Universität Trier. "Die starre Trennung von Arbeitsplatz und privatem Raum zum Beispiel löst sich auf. Das Arbeiten an verschiedenen Orten wird immer selbstverständlicher." Dass Mobilität und Arbeiten zusammengehören habe sich "veralltäglicht". Konsequent sprechen manche Unternehmen und Arbeitsmarktsoziologen lieber von "mobilen Arbeitern".

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Firmen haben dazugelernt

Die enorme Verbreitung der IT hat diese mobile, flexible Arbeit überhaupt erst ermöglicht. Die Infrastruktur hat sich in den vergangenen zehn Jahren gewaltig verbessert, gut ein Drittel der Beschäftigten hat von außen Zugriff auf die Unternehmensnetzwerke. Viele arbeiten ohnehin ab und an von zu Hause - informell, so Karsten Gareis, Projekt-Manager bei Empirica in Bonn, einem Forschungsinstitut für neue Arbeitsformen. Er beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Telearbeit. "Die Diskussion ist praxisnäher geworden. Inzwischen weiß man, dass es nicht darum gehen kann, den Arbeitsplatz ganz nach zu Hause zu verlegen. Meist ist es organisations- und personaltechnisch sinnvoller, maximal zwei Tage vom Home-Office aus zu arbeiten." Zum einen kann der erhöhte Abstimmungsbedarf zusätzliche Organisationskosten verursachen. Zum anderen können viele Aufgaben nicht auf Distanz bearbeitet werden etwa wenn es um Arbeiten in und mit einer Gruppe oder Ad-hoc-Lösungen geht.

Allerdings haben die Unternehmen inzwischen dazugelernt. Meist ist die Anbindung der Telearbeiter gut organisiert. Und viele davon wählen diese Arbeitsform ohnehin nur für eine Lebensphase, zum Beispiel um Beruf und Familienleben besser unter einen Hut bringen zu können. Das lohnt sich auch aus Arbeitgebersicht: "Zahlreiche Studien zeigen: Telearbeiter sind produktiver", so Empirica-Experte Gareis. "Und sie stehen für das Unternehmen eher auch außerhalb der Kernarbeitszeiten bereit." Ein Telearbeiter akzeptiere es bereitwilliger, wenn er spät abends noch eine Mail vom Chef bekommt. Schließlich sind seine Heimarbeitszeiten flexibel.

Hier allerdings kann die wohltuende Flexibilität für den Mitarbeiter zum Bumerang werden. Wenn ihm beispielsweise immer mehr Aufgaben zugeschoben werden. "Man sollte sich unbedingt auf feste Spielregeln verständigen", rät Soziologe Jaeckel, "sonst kann die Telearbeit zur Tortur werden." Cornelia Brandt von Verdi-innotec empfiehlt Telearbeitern, schriftliche Zusatzvereinbarungen und klare Zeitregelungen mit der Firma zu treffen, Haftungsfragen zu klären und Ausstattung mit Arbeitsmitteln einzufordern. (Kostenloses Beratungstelefon: 01805/245678).

Sind die Erwartungen gegenseitig geklärt, kann Telearbeit eine bereichernde Arbeitsform für Unternehmen und Mitarbeiter sein. Die CW hat drei Heimarbeiter nach ihren Erfahrungen gefragt.

Ageliki Ikonomidis, 42 Jahre, Technische Redakteurin für Softwareprodukte bei Comet Computer, München

Es arbeitet sich gut von zu Hause, findet Ageliki Ikonomidis. Ihr Arbeitsplatz geht nach Süden. Er ist so ruhig, wie man es von einem kleinen Ort vor den Toren Münchens erwarten kann. In den hohen Bäumen vorm Fenster klettern Eichhörnchen um die Wette. Ab und an fährt ein Auto vorbei. Vom Balkon im dritten Stock des Mehrfamilienhauses hat die technische Redakteurin einen herrlichen Blick über den Ort. "Bei schönem Wetter mache ich einen Teil meiner Arbeit gerne draußen", sagt Ikonomidis.

Ageliki Ikonomidis hat sich konsequent für die Arbeit von zu Hause entschieden, obwohl sie fest angestellt ist. Seit 2000 arbeitet die alleinerziehende Mutter, wenn das Projekt es zulässt, von ihrem Home-Office im Würmtal für das Softwareunternehmen Comet Computer. Meist ist das der größte Teil ihrer Arbeitszeit. Für Ikonomidis war das Modell nach ihrer Scheidung perfekt. "So kann ich alles besser unter einen Hut bringen." Eine Frage zu den Hausaufgaben? Kein Problem. Mittagszeit? Rasch rauscht Ikonomidis an den Herd und bereitet ein Mahl. Oder: Wenn ihre Tochter anruft, muss sie eben nicht schnell abwimmeln, sondern ist da. Greifbar, ohne Umstände.

Das andere: "Im Home-Office arbeite ich viel effizienter, vor allem, wenn ich die technische Dokumentation mache." Für eine Einzelkämpferin, die gerne vor sich hinbosselt, ist die Abgeschiedenheit genau das Richtige. Den geordneten Rahmen eines Büros braucht sie nicht. Hat sie einen Durchhänger, erledigt sie zwischendurch ein paar Besorgungen. Dafür kann es sein, dass sie auch mal bis Mitternacht in die Tasten haut. Und wenn ein Kundentermin oder eine Teambesprechung ansteht, macht es wieder Spaß, in die Business-Kluft zu steigen und loszufahren.

Monatlicher Stundenbericht

Nicht, dass Ikonomidis selbst auf die Idee gekommen wäre, so zu arbeiten. Es war das Unternehmen, das ihr im persönlichen Gespräch diese Arbeitsform anbot. Die Möglichkeit zur Telearbeit gehört zum Comet-Konzept, zur Firmenkultur. Viele machen davon Gebrauch, die meisten arbeiten abwechselnd im Büro und zu Hause. Je nach Bedarf. Systematisch werden sie eingebunden. Bei der Monatsbesprechung ist die Teilnahme ebenso Pflicht wie bei Geburtstagsfeiern. Eine Koordinationsstelle im Büro versendet Rund-Mails bei wichtigen Ereignissen, der Rest läuft über tägliche Telefonate und Mails mit den Kollegen. Und: Alle Mitarbeiter müssen eine monatliche Stundenaufstellung machen: Was wurde von wann bis wann getan? Eine Stunde Telefonate, zwei Stunden Korrekturen, fünf Stunden Texte erstellt für Projekt xy. Als Kontrolle empfindet Ikonomidis das nicht. "Es ist gut, wenn die Arbeit eine durchstrukturierte Basis hat. Und die Monatsaufstellungen brauchen wir ohnehin für die Abrechnung mit den Projektpartnern."

Eine Schwierigkeit hat Telearbeit schon: Man muss aufpassen, dass der Job nicht allzu bestimmend wird. Stets läuft der PC zu Hause, die Gedanken an die Arbeit abzustellen fällt schwerer. "Aber das macht nichts", sagt Ikonomidis. "Ich liebe meine Arbeit, genieße die Vorzüge und gebe umso mehr mein Bestes."

Helga Sporer-Hahn, 39 Jahre, Head of Corporate Relations bei Fujitsu-Siemens Computers

Der Traum von einem Leben im Süden. Das Rauschen des Meeres, die warmen Strahlen der Sonne auf der Haut, fröhliches Kinderlachen. Sobald Helga Sporer-Hahn und ihr Mann in ihrem Ferienhaus im italienischen San Remo saßen, ließen sie diese Gedanken nicht los. Wie schön müsste das sein. Vielleicht ein gangbarer Weg in der Elternzeit?

Wenn die 39-Jährige heute am Rechner sitzt, über Geschäftsberichten und Broschüren grübelt, reicht ihr Blick weit über die Olivenbäume, in der Ferne glitzert die Sonne auf der See, Wellen klatschen an den Strand. Um 15.30 Uhr wirft sich Helga Sporer-Hahn die Tasche über die Schulter, holt ihre Kinder von der Kita ab und fährt mit ihnen ans Meer hinunter. Strandspaziergänge, wehende Sommerkleider, Sandburgen.

In Elternzeit ist die Marketing-Expertin bei Fujitsu-Siemens Computers deshalb noch lange nicht. Als sie vor dreieinhalb Jahren mit ihrer ersten Tochter schwanger war, reagierte das Unternehmen prompt: "Wir können unmöglich auf Sie verzichten." Sporer-Hahn dachte nach. Und schlug vor: "Wenn ich Telearbeit machen kann, bleibe ich." Acht Wochen nach der Geburt arbeitete die junge Mutter wieder Vollzeit am Geschäftsbericht für die Firma. Mal in der Münchner Zentrale, vor allem aber von zu Hause aus. Je nach Bedarf.

Arbeit in San Remo

Inzwischen hat sich der Pendelschwung zwischen ihren "zwei Leben", wie Sporer-Hahn sagt, eingetaktet. Etwa ein Drittel der Arbeitszeit verbringt sie in der Münchner Niederlassung. Lange Arbeitstage, an denen sie vor allem Informationen sammelt und sich mit Kollegen austauscht. Vier bis sechs Meetings sind an solchen Tagen nicht ungewöhnlich. Die anderen zwei Drittel arbeitet sie von ihrem Haus in San Remo. Tage, an denen sie konzentriert abarbeitet. So viel es geht. Damit sie auch in dieser Zeit den Anschluss an die Debatten in den Firmenfluren nicht verliert, gibt es wöchentliche Team-Meetings per Telefonkonferenz, virtuelle Treffen bei Bedarf. Solange die Marketing-Frau in München unterwegs ist, übernimmt ihr Mann, ein Freiberufler, in Italien die Kinder.

Sicher, oft ist das Hin und Her zwischen zwei Standorten ungeheuer anstrengend. Dennoch: Helga Sporer-Hahn möchte ihre zwei Leben nicht mehr missen. Das Münchner mit dem alten Freundeskreis, dem umtriebigen Unternehmensalltag, dem bayerischen Zungenschlag. Das italienische mit dem neuen Freundeskreis, dem guten Wetter und der besseren Kinderbetreuung. Natürlich, manches, was "zwischen den Zeilen" auf den Firmenfluren besprochen wird, bekommt sie erst später mit. Als ein Problem empfindet sie das nicht: "Unser Unternehmen ist ohnehin auf viele Standorte verteilt. Einige Abteilungskollegen sitzen in München, andere in Düsseldorf oder Augsburg. Wir sind an Kommunikation über Entfernung gewöhnt." Sogar Desksharing ist verbreitet.

Sporer-Hahn lächelt. "Dass es bei Fujitsu-Siemens Computers möglich ist, so zu arbeiten, bindet einen gewaltig" Auch deshalb arbeitet sie schon so lange für dieses Unternehmen.

Arne Wien, 36 Jahre, Informatiker bei BMW

Als Arne Wien vor acht Jahren beim Autobauer BMW anfing, hatte er vieles im Kopf nur keine Telearbeit. Der junge Informatiker wollte das feine Geäst des Unternehmens genau kennen lernen, sich hineinstürzen in die Arbeitsprozesse, Organisationsabläufe erkunden, die Zusammenarbeit mit dem Team Tag für Tag erproben. Bis ihm ein Kollege erzählte: "Ich mache Telearbeit. Nicht jeden Tag, aber ein-, zweimal pro Woche sitze ich zu Hause am Rechner." Arne Wien horchte auf. Zwei Tage von daheim arbeiten, das wäre eine gewaltige Erleichterung. Die zwei Stunden Fahrt, die er täglich von Landshut nach München pendelte, würde er sparen. Hätte mehr Zeit für seine Familie, Erledigungen, für sich.

Erhöhte Flexibilität

Heute ist die Arbeit im Home-Office für den 36-Jährigen Alltag. Zwei Tage in der Woche zieht er sich mit dem Firmenlaptop in sein kleines Arbeitszimmer zurück, das Telefon steht auf Weiterleitung, die Tür ist geschlossen. Mit ein paar Klicks wählt er sich in das Firmennetzwerk ein, geschützt über eine verschlüsselte Verbindung. In seiner Stadtwohnung kann sich Arne Wien gut konzentrieren. Konzepte schreiben, Texte lesen, ungestört telefonieren, Telefonkonferenzen bestreiten - dafür hat er hier mehr Ruhe als im Großraumbüro in der Firma. Wenn er eine Pause braucht, holt er sich rasch einen Kaffee aus der Küche zwei Schritte weiter. Wenn ein Arzttermin ansteht, kann er problemlos für zwei Stunden das Haus verlassen. Dann stellt er auf Handy um oder meldet sich per Mail bei den Kollegen ab. Und arbeitet etwas länger in den Abend hinein. Zwar wohnt Arne Wien mittlerweile mit seiner Familie in München, mit langen Fahrzeiten hat er nicht mehr zu kämpfen. Die Telearbeit würde er deshalb noch lange nicht aufgeben: "Ich bin wesentlich flexibler."

Bessere Terminplanung nötig

Telearbeit ist bei BMW keine Ausnahme mehr. In Wiens Abteilung, zuständig für die Endanwenderprozesse beim Automobilriesen, arbeiten 80 Prozent der Mitarbeiter einen Teil ihrer Zeit vom Home-Office aus. Beschäftigte auf allen Hierarchieebenen sind dabei, auch Wiens Chef. "Unsere Arbeit ist sehr gut dafür geeignet. PC und Telefon - mehr brauchen wir nicht." Kein Wunder, dass mehr als die Hälfte der etwa 5500 BMW-Telearbeiter in Entwicklung, Planung oder Produktion tätig sind. Freilich muss jeder Telearbeitsplatz einzeln genehmigt werden, für manche Aufgaben passt es mehr, für andere weniger. Seit mehr als zehn Jahren bietet BMW diese Arbeitsform an. Doch es braucht seine Zeit, bis sich das Modell in den Abteilungen durchgesetzt hat. Es ist ein "kultureller Prozess", sagt Wien.

Auch weil die Arbeitswoche von Mitarbeitern, die mal vor Ort, mal zu Hause am Rechner sitzen, anders organisiert sein muss. Termine müssen mehr geplant, Projektarbeit mit dem Team detaillierter abgestimmt werden. Längst sind für den Informatiker die wöchentlichen Team-Meetings Routine, auf denen die aktuellen Themen besprochen werden. Den persönlichen Kontakt zu den Kollegen pflegt Wien umso intensiver in den drei Arbeitstagen, in denen er in die Firma kommt: "Das klappt hervorragend." Wenn er von zu Hause aus die Kollegen anklingelt, merken sie meist nicht einmal, von wo der Anruf kommt. "Wir haben viel mit Kollegen zu tun, die in einem anderen Gebäude sitzen, persönlich sieht man sich da auch sonst nicht." Ohnehin: Welche Rolle spielt es schon, von wo ein Mitarbeiter anpackt? "Bei uns zählen die Zielvereinbarungen, die wir jährlich in den Jahresgesprächen festlegen. Die Leistung entscheidet, und nicht, von wo wir arbeiten oder wie viele Stunden wir da sind."

Dass Telearbeit zur Karrierebremse werden könnte, glaubt der Münchner daher nicht. Auch nicht außerhalb von BMW. "Wenn ein renommiertes Unternehmen wie die BMW Group auf diese Weise mit einem arbeiten will, ist das ein gewaltiger Vertrauensbeweis. Das zählt sicher auch für andere." (hk)