Fünf Gründe

Warum Symantec Blue Coat kauft

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Stolze 4,65 Milliarden Dollar lässt sich Symantec den Web-Sicherheitsspezialisten Blue Coat kosten. Die Übernahme, die im dritten Quartal 2016 abgeschlossen sein soll, hilft dem IT-Security-Pionier neue Märkte zu erobern.

Symantec hatte im April 2016 angekündigt, nach einem neuen CEO zu suchen. Zuvor musste nach schwachen Geschäftszahlen der bisherige Chef Michael Brown gehen. Als Interims-President und Chief Operating Officer (COO) wurde Ajei Gopal präsentiert. Nun soll mit dem Kauf von Blue Coat dessen CEO Greg Clark neuer Symantec-Chef werden.

Die Übernahme ergänzt Symantecs Threat-Monitoring-Portfolio um weitere Lösungen für Cloud-Sicherheit und die Überwachung von Netzwerken. Symantec hat seine Wurzeln im PC-basierten Geschäft mit Antivirus-Lösungen. Das Unternehmen verfolgt aber das Ziel, Kunden eine vollständige Angebotspalette von der Endpoint-Kontrolle bis hin zu E-Mail-, Web-, Netzwerk- und Server-Sicherheit zu bieten. Hier soll Blue Coat mit seinen rund 15.000 Unternehmenskunden weltweit und seinem Fokus auf Web-Sicherheit einen großen Beitrag leisten.

Blieb als Symantec-Chef glücklos: Michael A. Brown.
Blieb als Symantec-Chef glücklos: Michael A. Brown.
Foto: Symantec

Das kombinierte Unternehmen mit seinem Sitz im kalifornischen Mountain View wird mehr als 3000 Softwareingenieure und Forscher beschäftigen. Außerdem betreibt es weltweit neun Threat Response Centers. Der addierte Umsatz dürfte 2016 rund 4,4 Milliarden Dollar betragen, knapp zwei Drittel davon gehen auf Security-Lösungen zurück.

Für Symantec gibt es jede Menge gute Gründe, sich ein Unternehmen wie Blue Coat einzuverleiben. Wir haben sie zusammengefasst:

1. Symantec droht abgehängt zu werden

Symantec war viele Jahre lang ein führender Anbieter von Antiviren-Produkten. Doch der PC-Markt ist eingebrochen, zudem sind die Cyberangriffe raffinierter und heimtückischer geworden. Vor zwei Jahren hatte sogar ein Symantec-Manager öffentlich eingeräumt, dass der Markt für Antivirus "tot" sei. Heute gefährden Risiken wie Zero-Day-Exploits und Erpressung via Ransomware die Unternehmen. Antivirus-Produkte reichen als Antwort auf diesen Trend nicht mehr aus.

Whitepaper: Die Kosten von Datenverlusten

Die weltweit durchgeführte Ponemon-Studie "Cost of a Data Breach 2016" zeigt: Datenpannen verursachen immer höhere Ausgaben für Unternehmen. So wuchsen die Kosten, die ein Unternehmen nach jedem gestohlenen oder verlorenen Datensatz tragen muss, von 154 Dollar im Jahr 2015 auf 158 Dollar im Jahr 2016. Und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Lesen Sie in diesem Report die detaillierten und aktualisierten Ergebnisse für das Jahr 2016.

Komplizierter ist die Lage zudem durch das starke Aufkommen mobiler Endgeräte und Cloud Computing geworden. Cyberattacken können heute jedes Gerät treffen, das mit dem Internet verbunden ist. Hinzu kommt, dass inzwischen ganze Geschäftsmodelle auf dem Web basieren, so dass ein erfolgreicher Angriff Unternehmen in ihrer Existenz gefährden kann. Symantec wird von Unternehmenskunden nur ernst genommen, wenn es alle Arten von Attacken bekämpfen kann. Hier sind die Produkte von Blue Coat wichtig, ergänzen sie doch die PC-, E-Mail- und Data-Center-Lösungen von Symantec um Netzwerk- und Cloud-basierte Sicherheitslösungen.

2. Geringe Überschneidung der Produktpaletten

Symantec hat sich stark auf das Thema Endpoint-Security konzentriert, während sich Blue Coat mit der Netzwerkseite beschäftigte und beispielsweise ein Spezialist für die sichere Vermittlung verschlüsselter Daten ist. Die Produkte beider Anbieter überschneiden sich relativ wenig, meint der IDC-Analyst Chris Christiansen. Bündeln die Anbieter nun ihre Kräfte, könnte dabei eine der breitesten Produktpaletten im Markt herauskommen.

Sowohl Symantec als auch Blue Coat sammeln jeden Tag Unmengen an Daten über aktuelle Bedrohungen. Symantec scannt Milliarden von E-Mails und beobachtet Millionen von PCs, Blue Coat monitort über sichere Gateways Tausende von Cloud-basierten Anwendungen und mehr als eine Milliarde Web-Requests. Kombinieren beide ihre Ressourcen, sollten sie in der Lage sein, besser zu verstehen, wie Malware ihre breite Kundenbasis attackiert.

3. Mehr gute Spezialisten an Bord

Was banal klingen mag, ist im Security-Markt essenziell: Wer hier eine führende Rolle spielen will, braucht die besten IT-Spezialisten im Markt. Gemeinsam werden die Unternehmen 3000 Software-Ingenieure und Forscher beschäftigen, um das Rennen gegen die "Bad Guys" aufzunehmen. Konzerne, die heute acht bis zehn Security-Anbieter beauftragen, um Endgeräte und Netze sauber zu halten, sollen sich künftig im "One-stop-Shop" von Symantec bedienen können. "Schon bald werden sich die Kunden ganz auf Symantec verlassen können, um ihre wichtigsten Herausforderungen in Sachen Cybersicherheit zu adressieren", sagte Interims-Chef Ajei Gopal vor der Presse.

4. Neue Produkte + neue Kunden = mehr Umsätze

Symantec ist es in den vergangenen Jahren nicht gelungen, aus den teils gravierende Sicherheitsvorfällen in etlichen Unternehmen Kapital zu schlagen. Der Umsatz des Softwareanbieters lag im vierten Fiskalquartal 2016 (Ende: 31 März 2016) mit 873 Millionen Dollar um drei Prozent unter dem des Vorjahres. Die Einnahmen im Gesamtjahr waren mit 3,6 Milliarden Dollar sogar um neun Prozent unter denen von 2015 geblieben.

Mit der Übernahme könnte die Trendwende eingeleitet werden, da sich beste Cross-selling-Optionen ergeben müssten: Symantec verkauft seine Endpoint-Security-Lösungen an die rund 15.000 Unternehmenskunden von Blue Coat, und Blue Coat adressiert Teile der rund 370.000 Business-Kunden von Symantec. "Wenn Symantec auch nur eine kleine zusätzliche Menge an Produkten an seine gewaltige Kundenbasis verkaufen kann, werden sie substanziell wachsen", prohezeit IDC-Analyst Christiansen.

5. Ein neuer CEO könnte Symantec wiederbeleben

Ein nicht unwichtiger Betsandteil des Deals ist die Personalie Greg Clark: der derzeitige CEO von Blue Coat soll der neue Boss von Symantec werden - der vierte übrigens seit 2012. Er findet ein bereits teilweise bestelltes Feld vor: Symantec hatte im Januar 2016 seine auf Speicher- und Netz-Management-Systeme spezialisierte Unternehmenssparte Veritas Information Management für 7,4 Milliarden Dollar an eine Gruppe von Investoren unter der Führung der Carlyle Group verkauft.

Blue Coat hatte zuletzt einen Börsengang angestrebt, der mit der Übernahme durch Symantec nun hinfällig geworden ist. Analysten berichten, der Übernahmepreis entspreche weitgehend dem, was bei einem IPO zu erwarten gewesen wäre. Clark dürfte hoch motiviert sein, den IT-Security-Giganten zurück zu alter Stärke zu führen.

Finanziell steht der Deal auf soliden Beinen: Symantec finanziert die Übernahme teilweise aus eigenen Barmitteln, gleichzeitig nimmt das Unternehmen 2,8 Milliarden Dollar neue Schulden auf. Die Private-Equity-Gesellschaft Silver Lake Partners, die an Symantec beteiligt ist, will Wandelanleihen erwerben und so ihr Investment von 500 Millionen auf eine Milliarde Dollar aufstocken. Auch Bain Capital, größter Aktionäre von Blue Coat, will mit 750 Millionen Dollar an dem fusionierten Unternehmen beteiligt bleiben.