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Steve Jobs läutet das nächste iMac-Zeitalter ein

07.01.2002
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SAN FRANCISCO (COMPUTERWOCHE) - Auch wenn sich über Geschmack bekanntlich trefflich streiten lässt: Ohne Zweifel ist Apples Chefdesigner Jonathan Ive mit dem neuen Flatpanel-iMac erneut ein großer Wurf gelungen. Mit bis zu 800 Megahertz schnellen G4-Prozessoren, Nvidia-Grafik und "Superdrive"-CD/DVD-Brenner stimmen auch die inneren Werte der zweiten Generation.

Steve Jobs dürfte innerlich vor Zorn geraucht haben, als er im Moscone Center in San Francisco am Montagmorgen die Keynote-Bühne der Macworld Expo betrat: Ausgerechnet sein geliebtes "Time Magazine", wegen dessen Erstverkaufstag die Ansprache eigens um einen Tag vorverlegt worden war, hatte schon am Vorabend auf seiner kanadischen Website den Aufmacherartikel zum neuen iMac samt Bildern und Preisen ins Netz gestellt - aller sorgsamen Geheimhaltung der zweijährigen Entwicklung zum Trotz.

Der Apple-Chef ließ sich aber äußerlich nichts anmerken und begann seinen Vortrag zunächst mit dem üblichen Update zum Status Quo. 125.000 "iPod"-Audioplayer hat der Hersteller seit Einführung des Geräts verkauft, 800.000 Kunden frequentierten bereits die mittlerweile 27 Filialen der neuen "Applestore"-Ladenkette in den USA, und der US-Bundesstaat Maine stattet Lehrer und Schüler der oberen Highschool-Klassen mit jeder Menge "iBook"-Portables aus - laut Jobs der mit 36.000 Einheiten bislang größte Einzelauftrag in der Geschichte des US-Bildungsmarkts. "One done, 49 to go", scherzte der CEO in Bezug auf die verbleibenden Bundesstaaten.

Danach rückte Mac OS X in den Mittelpunkt. Apple hält das neue Unix-basierte Betriebssystem inzwischen für so ausgereift, dass alle neuen Macs es ab sofort standardmäßig booten werden - das "klassische" Mac OS 9.x wird aber natürlich weiterhin mitgeliefert und lässt sich ebenfalls als Default vorgeben. Jobs bat dann eine Reihe von Vertretern der Softwareindustrie auf die Bühne, die ihre Commitments zu OS X abgeben durften. Den Anfang machte Adobes Executive Vice President Shantanu Narayen, der "After Effects 5.5", "Illustrator 10", "Indesign 2" (inzwischen Release Candidate), "Golive 6" sowie "Livemotion 2" im Gepäck hatte. Eine Anwendung, auf die die Anwendergemeinde sehnlichst wartet, nämlich "Photoshop 7", zeigte Narayen allerdings nur als Beta und machte auch keine Angaben zum Zeitpunkt der Verfügbarkeit.

Anschließend gaben sich Palms COO (Chief Operating Officer) Todd Bradley mit der neuen Desktop-Software für OS X inklusive "Hotsync"-Datenabgleich, Apples Marketing-Leiter Mike Evangelist mit einer ausführlichen Demo der Videoschnittsoftware "Final Cut Pro 3" und ihrer Echtzeiteffekte und -farbkorrektur, Wolfram-Research-Mitgründer Theodore Grey mit "Mathematica", Aspyr-President Mike Rogers mit einer Vorschau auf ein neues Harry-Potter-Adventure sowie last but not least Animatics-Leiter Dan Gregoire von Lucasfilm mit einer Customer Success Story (Maya/After Effects als Preproduction-Tools für Star Wars "Episode II") die Maus in die Hand.

In der Folge ging es dann um das von Apple seit einiger Zeit beschworene "Digital Hub", mithin den Macintosh als Herzstück des digitalen Haushalts. Zunächst widmete sich Steve Jobs ausführlich dem Thema Software. Mit "iMovie", "iDVD" und "iTunes" bedient der Hersteller bereits seit einiger Zeit Besitzer digitaler Camcorder, DVD- und digitaler Audioplayer. Eine neues viertes Produkt namens "iPhoto" soll nun auch Digitalfotografen glücklich machen. Getreu dem Motto "Save, Organize, Share" offeriert die Software unter einer intuitiven Oberfläche zahlreiche Features, will allerdings klassischen Bildbearbeitungsprogrammen wie "Photoshop" keine Konkurrenz machen.

Vielmehr soll iPhoto das Hantieren mit digitalen Fotos vereinfachen. Zu den Highlights des Programms zählt sicher der Browser mit stufenlos regelbarer Vergrößerung - so lassen sich auch große Sammlungen schnell durchforsten. Ausgewählte Bilder kann der Benutzer beispielsweise als Diashow mit eigener Musik oder mit wenigen Mausklicks als "iTools"-Webseite exportieren. Klassische Abzüge von Kodak sowie richtige leinengebundene Fotoalben lassen sich direkt aus der Software sogar mit einem einzigen Mausklick ordern (dazu greift Apple auf die vor einiger Zeit von Amazon.com in Lizenz genommene "One-Click"-Bestellung zurück). Inwieweit diese Services auch außerhalb der USA zur Verfügung stehen, ist noch nicht bekannt. Fest steht aber, dass iPhoto selbst keine müde Mark kostet und ab sofort auf den Apple-Servern zum Download bereit liegt.

Schließlich ging es um das Thema Hardware. Hier verkündete Steve Jobs zunächst einige Neuerungen beim Consumer-Portable "iBook". Dessen kleinste Konfiguration mit 500-Megahertz-CPU kostet ab sofort nur noch 1623 Euro. Das 600-Megahertz-Modell ist nur noch mit Combo-Drive (CD-RW/DVD) für 2087 Euro zu haben. Hinzu gesellt sich ab sofort eine neue Variante, die statt des bisherigen 12,1-Zoll-Displays über einen größeren Bildschirm mit 14,1 Zoll Diagonale verfügt. Entsprechend größer fällt natürlich auch das Gehäuse aus.

Die neuen iBook-Konfigurationen im Detail:

500 MHz G3, 12,1-Zoll-Display, 128 MB Speicher, CD-Brenner, Preis 1622,84 Euro;

600 MHz G3, 12,1-Zoll-Display, 128 MB Speicher, CD-RW/DVD-ROM, Preis 2086,84 Euro;

600 MHz G3, 14,1-Zoll-Display, 256 MB Speicher, CD-RW/DVD-ROM, Preis 2550,84 Euro.

Zu guter Letzt stand endlich das eigentliche Highlight der Veranstaltung im Mittelpunkt, nämlich der komplett neu gestaltete iMac. Dessen Vorgänger hat Apple in den vergangenen drei Jahren laut Jobs sechs Millionen mal verkauft. Dass eine Runderneuerung fällig würde, zeichnete sich aber bereits seit geraumer Zeit ab, wollte der Hersteller weiterhin konkurrenzfähig bleiben. Beim Redesign habe man ein offenes Ohr für die Wünsche der Anwender gehabt, so Jobs. Auf den Plätzen eins bis drei von deren Wunschliste hätten drei Dinge gestanden, nämlich erstens ein Flachbildschirm, zweitens ein G4-Prozessor und drittens das Superdrive-Laufwerk. Und alle drei Wünsche würden nun auf einen Schlag erfüllt (die CD/DVD-Brenner-Kombination gibt es allerdings nur im Topmodell).

Der neue iMac ist in drei unterschiedlichen Konfigurationen zu haben (die bisherigen Einstiegsgeräte mit Röhrenmonitor und 500/600 MHz G3 bleiben dem Vernehmen nach zunächst weiterhin im Programm):

700 MHz G4, 128 MB Speicher, 40-GB-Festplatte, CD-Brenner, 1854,84 Euro, lieferbar ab März 2002;

700 MHz G4, 256 MB Speicher, 40-GB-Festplatte, CD-RW/DVD-ROM, 2086,84 Euro, lieferbar ab Februar 2002;

800 Megahertz G4, 256 MB Speicher, 60-GB-Platte, Superdrive (CD/DVD-Brenner), Preis 2550,84 Euro, lieferbar ab Ende Januar.

Die ersten 1000 Stück hat laut Jobs die Biotechnik-Firma Genentech übrigens bereits geordert. Die Abteilung Industrial Design unter Ägide von Jonathan Ive hat Schluss gemacht mit den Farbenspielen der Vergangenheit - der neue iMac präsentiert sich nur mehr in Weiß und Chrom. Die Zentraleinheit steckt in einem halbkugeligen Fuß, an dem sich nach vorn der Laufwerksschlitten öffnet und Netzschalter sowie Peripherieanschlüsse (5x USB, 2x Firewire) auf der Rückseite sitzen. An einem Chromarm mit zwei Gelenken schwebt beliebig positionierbar ein TFT-Display mit 15 Zoll Diagonale und 1024 x 768 Bildpunkten. Dieses wird von Nvidias "Gforce2 MX" mit 32 MB DDR-SDRAM-Videospeicher angesteuert. Speicher (bis zu 1 GB) und "Airport"-Wireless-LAN-Karte lassen sich nach Abnehmen der verchromten Bodenplatte einsetzen.

Enttäuscht von dannen ziehen mussten in San Francisco all jene, die auch auf schnellere Powermac-Profi-Desktops gewartet hatten. Nun, da der iMac ebenfalls mit G4-Chips ausgestattet ist und mit seinen Taktfrequenzen dem zurzeit maximal 867 Megahertz schnellen Arbeitstier (allerdings ist der Powermac G4 auch "mit der Kraft der zwei Herzen", also als Doppelprozessor-Ausführung zu haben) bedrohlich nahe kommt, muss Apple quasi zwangsläufig mit deutlich schnelleren G5-CPUs nachziehen. Und die kann Motorola dem Vernehmen nach (wieder mal) noch nicht in ausreichenden Stückzahlen beibringen. Aber die nächste Macworld Expo kommt bestimmt... (tc)