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Soziale Netzwerke helfen

Ludger Schmitz ist freiberuflicher IT-Journalist in Kelheim. Er ist spezialisiert auf Open Source und neue Open-Initiativen.
Bei den Flutkatastrophen und beim Aufräumen danach haben tausende Anwender ihre IK-Technik selbst in die Hand genommen und Hilfe organisiert. Social Media zeigen ihre Eignung jenseits persönlicher Mitteilsamkeit.

Die Diskussion über Social Media dürfte sich beleben, denn die Ereignisse rund um die große Flut des Jahres 2013 haben eins gezeigt: Soziale Netzwerke sind nicht nur eine Mitteilungsplattform im privaten Raum. Sie können sehr nützlich sein, sobald sie dem Adjektiv in ihrem Titel gerecht werden, nämlich sich ihr persönlicher Zweck auf ein gesellschaftliches Ziel richtet, und sich dabei etwas Organisation einstellt.

Schon als sich die Katastrophen anbahnten, aber auch in ihrem Verlauf und bei ihrer Bewältigung haben die Sozialen Netzwerke in vielfacher Hinsicht positiv gewirkt:

  • Viel früher und umfangreicher als Radio oder Polizeidurchsagen berichteten Twitterer von sich anbahnenden Notsituationen, besonders als die Krisenlage sich sehr schnell zuspitzte.

  • Solche Informationen erreichten durch Teilen, Liken und Re-Tweeten sehr viele Menschen, möglicherweise mehr als über hergebrachte Kanäle wie städtische Telefon-Hotlines und Webseiten, Radio und andere Medien.

  • Soziale Medien werden emotionaler, persönlicher empfunden, wie es in Kommentaren zum Ausdruck kam. Dies hat die Welle spontaner Solidarität verstärkt und vermutlich mehr Helfer mobilisiert als Hilfsaufrufe über Radio und TV.

  • Social Media haben eine hohe technische Verfügbarkeit - solange der Akku durchhält - und vermeiden die Überlastung der herkömmlichen Nachrichtenwege, insbesondere der Hotlines.

  • Sehr schnell ließen sich Helfer und Hilfsmittel dahin dirigieren, wo sie am dringendsten gebraucht wurden. Die Reaktionszeiten sind äußerst kurz, in jedem Fall viel kürzer als bei den überlasteten klassischen Hilfsorganen.

  • Kurze Videoaufnahmen der Helfer vor Ort machen es möglich, Gefahrenmeldungen (Überflutung eines Deichs oder austretendes Grundwasser?) frühzeitig zu verifizieren und Einsatzplanungen zu präzisieren.

In Dresden nutzten die Helfer Google Maps, um sich zu organisieren.
In Dresden nutzten die Helfer Google Maps, um sich zu organisieren.

Die über Social Media verbundenen Engagierten haben bewiesen, dass sie die verschiedenen Mittel des Mediums beherrschen. Sehr schnell sind aus der ersten spontanen Meldungswelle Plattformen entstanden, die in ihrer Machart professionellen Ansprüchen genügten. Beispielsweise nutzen Helfer in Dresden Google Maps, um laufend auf Brennpunkte aufmerksam zu machen, Hilfe anzufordern und zu steuern.

Allerdings ist nicht alles gut, was da an Informationen durch die Netze schwappt. Es gibt dumme und dreiste Kommentare, Beleidigungen und vor allem Fehlinformationen. Letztere sind nicht unbedingt eine Folge von Böswilligkeit (die gibt es auch), aber sie sorgen dafür, dass zum Beispiel zu viele Hilfsmittel an einen Brennpunkt bewegt werden oder dorthin, wo sie nur vermeintlich benötigt werden, weil die Melder eine Situation falsch eingeschätzt haben.

Auch in dieser Hinsicht haben die spontan entstandenen Social-Media-Netze sich zu helfen gewusst und eine Organisation eingeführt. So konnte in Dresden sehr bald nicht mehr Jedermann das zentrale Tool der Google Map mit Einträgen versehen. Die Helfer waren sich der Bedeutung ihrer Plattform bewusst und haben sie geschützt. Sie steuerten die Hilfe selbst, verifizierten Meldungen, versuchten, überflüssige Anfahrten zu verhindern, und sorgten für die wichtige Versorgung der Hilfskräfte mit Lebensmitteln.

Das Ganze hätte bei allem guten Willen auch seinen Effekt verlieren, sogar kontraproduktiv werden können. Doch glücklicherweise entstand eine Kooperation mit den klassischen Hilfsorganisationen, der Feuerwehr, der Polizei und den Kommunen. Diese Kräfte agieren fachlich geschult und von Krisenstäben dirigiert, während viele Laienhelfer zunächst einmal nicht viel mehr sind als eine Menge Hilfsbereitschaft.

Daraus folgen vor allem Lehren für Hilfsorganisationen und staatliche Einrichtungen: Zum einen könnten sie selbst in weit stärkerem Maße als bisher Soziale Netze für die Hilfe nutzen. Das gilt insbesondere für sämtliche Aspekte der unmittelbaren Beteiligung der von Katastrophen Betroffenen - von der Information über Brennpunkte über die Steuerung von freiwilligen Helfern bis zur Entwarnung und Organisation der Schadensbeseitigung.

Zum anderen könnten sehr nahe an den klassischen Krisenstäben weitgehend selbstorganisierte Social-Media-Drehscheiben agieren. Der entscheidende Punkt ist nicht nur die Geschwindigkeit in der Kommunikation zwischen beiden "Polen", sondern auch die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Dabei wird es wichtig sein, die Dynamik Sozialer Netze nicht durch ein starres bürokratisches Korsett zu behindern. Für Soziale Netze ist ein hohes Maß an Spontanität kennzeichnend, sie macht die Geschwindigkeit und Entfaltungskraft von Social Media aus, die Technik ist nur das Mittel. Die von den Anwendern selbst bestimmte, nicht an Vorgaben gebundene Nutzung technischer Mittel kann Kräfte freisetzen, die auf den üblichen Wegen nicht zu mobilisieren wären.