Schwarzer Gürtel für Qualität

Holger Eriksdotter ist freier Journalist in Hamburg.
Six Sigma wird umgesetzt, um Prozesse zu verbessern. Unabdingbar für den Erfolg sind qualifizierte Mitarbeiter, die als geschulte Experten die Methode etablieren.

Die Zahl der Unternehmen in Deutschland, die Six Sigma einsetzen, hat sich in den vergangenen zwei Jahren auf 200 verdoppelt - es handelt sich ohne Zweifel um einen wachsenden Markt", sagt Matthias Schmieder. Der Professor für Produktion und Verfahrenstechnik an der Fachhochschule Köln hat mehrere Studien zu diesem Thema verfasst.

Unter Six Sigma versteht man eine Methode zur kontinuierlichen Verbesserung der Unternehmensprozesse - und daraus resultierend von Produkten und Dienstleistungen. Der Begriff ist aus der Statistik entliehen, wo Sigma für die Standardabweichung der Gaußschen Normalverteilung steht. In einem Prozess, der das Niveau von Six Sigma erfüllt, entstehen, bezogen auf eine Million Möglichkeiten, nur 3,4 fehlerhafte Ergebnisse. Damit liegt die Anzahl der fehlerfreien Prozesse bei 99,99966 Prozent. Das durchschnittliche Qualitätsniveau in den Unternehmen liegt normalerweise zwischen drei und vier Sigma; das entspricht einer Ausbeute von 93,3 bis 99,4 Prozent. Kurz gesagt: Im Qualitäts-Management steht Six Sigma für Null-Fehler-Qualität.

Die Theorie: In einem Unternehmen, das flächendeckend nach Six Sigma organisiert ist, fallen keine Nachbesserungen mehr an - die Prozesse laufen nahezu fehlerfrei. Dadurch sinken die Qualitätskosten auf weniger als ein Prozent vom Umsatz - bei drei bis vier Sigma liegen sie in einer Größenordnung von 25 Prozent. Zudem schafft Six Sigma als integraler Bestandteil des Management-Systems die Basis für faktenbasierte Entscheidungen.

"Es geht darum, Maßnahmen ausschließlich auf Basis von Fakten und Daten festzulegen und Entscheidungen nach dem ?Bauchgefühl? möglichst auszuschließen", sagt Wolfgang Lechner, Methodenexperte und Geschäftsführer des Institute for Six Sigma (IFSS). Es liegt auf der Hand, dass bei der Einführung von Six Sigma vor allem Methodenkompetenz gefragt ist. Dabei reicht es nicht, nur auf externe Berater zu vertrauen. "Um die Methode im Unternehmen zu etablieren, sind auf Six Sigma geschulte Mitarbeiter unerlässlich" sagt Lechner.

Praxis steht im Vordergrund

Es gibt mehrere Qualifikationsgrade, deren Bezeichnungen an asiatische Kampfsportarten angelehnt sind. Die Skala reicht vom so genannten Yellow Belt und Green Belt über den Black Belt bis zum Master Black Belt und Champion. "Die Six-Sigma-Ausbildung ist immer an die Praxis im Unternehmen gebunden", sagt Lechner, selbst Master Black Belt. "Ein Zertifikat stellen wir als Ausbilder und Coach nur zusammen mit dem jeweiligen Unternehmen aus; es ist an die theoretische Ausbildung und die erfolgreiche Umsetzung von Projekten im Unternehmen geknüpft."

Im Mittelspunkt der zweiwöchigen Theorieausbildung stehen der Umgang mit den Methoden und der Gebrauch von Tools wie statistischer Analysesoftware. Der Black Belt muss weitere vier Wochen die Schulbank drücken. Er übernimmt im Unternehmen üblicherweise die Aufgabe des Projektleiters, der als Methodenfachmann dem Prozessverantwortlichen aus der Fachabteilung zur Seite steht. Außerdem berät er die Green Belts aus der Fachabteilung, die zum Projektteam gehören und meist für Teilaufgaben verantwortlich sind.

Beim Master Black Belt kommt es vor allem auf Erfahrung an: Er sollte mindestens zwei Jahre nach der Six-Sigma-Methode gearbeitet, mehrere Projekte erfolgreich abgeschlossen und Erfahrungen bei der Ausbildung und dem Coaching von Green Belts gesammelt haben. "Die Unternehmen haben unterschiedliche Richtlinien für die Zertifizierung von Master Black Belts und die Auswahl der Projekte. Bei manchen spielt auch die Höhe der durch die Projekte eingesparten Kosten eine Rolle", weiß Professor Schmieder. Die Aufgaben des Master Black Belt können unterschiedlich sein. Aber immer gehört die Ausbildung und das Coaching von Black Belts dazu, meist ist er auch an der Identifizierung und Auswahl von Six-Sigma-Projekten beteiligt. Üblich ist ein Verhältnis von einem Master Black Belt zu 30 Black Belts.

"In Deutschland fängt man mit der Einführung von Six Sigma nicht flächendeckend an, sondern beginnt mit einem oder mehreren Projekten - dafür ist diese Methode hervorragend geeignet", erklärt Schmieder. Wenn ein Unternehmen mit Six Sigma beginnt, ist es üblich, einen externen Master Black Belt von einem Beratungsunternehmen hinzuzuziehen. Er schult und coacht die neuen Black Belts und berät bei der Umsetzung des Projekts. Wenn sich ein Unternehmen für die großflächige Anwendung dieser Methode entscheidet, raten die Experten dazu, etwa ein Prozent der Mitarbeiter zu Black Belts und rund zehn Prozent zu Green Belts auszubilden.

Wie alles anfing

Entwickelt wurde Six Sigma Mitte der 80er Jahre bei Motorola, um Qualitätsprobleme zu beheben. Nachdem die Methode anfangs nur in der Produktion Anwendung fand, hat sie in den letzten Jahren immer stärkeren Einzug in den Service- und Dienstleistungsbereich gefunden. General Electric (GE) gehört zu den Six-Sigma-Pionieren und hat die Methode entscheidend geprägt. "GE hat Six Sigma zu einem handhabbaren und weltweit eingesetzten Instrument fortentwickelt", meint Experte Lechner, der bei GE seine Ausbildung als Master Black Belt absolvierte.

Bei der Auswahl geeigneter Mitarbeiter legen Six-Sigma-Unternehmen offenbar ähnliche Kriterien an: Offenheit für neue Konzepte, die Fähigkeit, den Status quo zu hinterfragen und Organisationskenntnisse sind die entscheidenden Voraussetzungen für angehende Black Belts, wie Professor Schmieder in einer Umfrage herausfand.

"Idealerweise kommen die Black- Belt-Anwärter aus prozessorientierten Abteilungen wie Unternehmensentwicklung oder aus den Fachabteilungen, in denen sie Projekte leiten sollen", weiß Geschäftsführer Lechner. Es gäbe keine formalen Voraussetzungen für die Six-Sigma-Ausbildung. "Aber es ist auf jeden Fall hilfreich, wenn die Black-Belt-Aspiranten ein Studium mitbringen und mit den Grundlagen der Statistik vertraut sind. Statistische Verfahren spielen bei Six Sigma eine zentrale Rolle."

Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt stehen gut für zertifizierte Methodenprofis. "Meine Mitarbeiter und ich werden regelmäßig von Headhuntern angerufen", freut sich Master Black Belt Lechner. Nach seiner Einschätzung lägen die Jahresgehälter für einen erfahrenen Master Black Belt in der Größenordung von 90000 bis 100000 Euro; der projekterfahrene Black Belt könne mit 70000 bis 80000 Euro rechnen.

Auch in der IT nimmt die Bedeutung von Six Sigma zu, beobachtet Schmieder. Allerdings seien gerade IT-Experten auf Grund ihrer Ausbildung umsetzungsorientiert: "Sie neigen dazu, bestehende Prozesse in IT umzusetzen, anstatt sie vorher zu optimieren". Das aber widerspricht dem Kerngedanken der Six-Sigma-Methode, so Lechner: "In der Regel werden zwei Drittel bis drei Viertel der Projektlaufzeit und der -ressourcen für die Phasen "Define", "Measure" und "Analyze" eingesetzt, bevor mit der Lösungssuche und mit der Umsetzung begonnen wird."

Dass sich auch IT-Prozesse mit Six Sigma verbessern lassen, zeigt das Beispiel Kautex-Textron. Der Automobil-Zulieferer aus Bonn hat flächendeckend Six Sigma eingeführt. "Wir haben 2003 den IT-Outsourcing-Partner gewechselt. Vorher kam alles aus einer Hand, jetzt sind der SAP-Betrieb und die Infrastruktur auf zwei Dienstleister aufgeteilt. Bei der Ausschreibung wurden die Service Levels von einem Black Belt definiert", so Kautex-CIO Christoph Hermes. "Auch der Dienstleister braucht Methodenkompetenz, und zwar nicht nur während der Ausschreibungsphase, sondern vor allem im laufenden Betrieb. Outsourcing-Partner, die komplett nach Six Sigma arbeiten, findet man jedoch kaum am Markt."

Hermes? Lösung: Mitarbeiter des Outsourcing-Partners in Schlüsselpositionen erhielten eine an die Green-Belt-Ausbildung angelehnte Six-Sigma-Kurzschulung durch Fachleute seines Unternehmens. Seit dem Wechsel verzeichnet Kautex eine Verbesserung der Servicequalität um 20 Prozent und zusätzlich positive Kosteneffekte. In Zukunft will Kautex dafür sorgen, dass Six Sigma auch bei den Lieferanten und den wichtigsten Kunden eingesetzt wird. Das erste Kunden-Partner-Projekt hat das Unternehmen schon abgeschlossen.

Im Vergleich zu den USA, wo etwa 1200 Unternehmen Six Sigma einsetzen, ist die Verbreitung in Deutschland mit etwa 200 Firmen noch gering. Schmieder: "Ich führe das auf die größere Skepsis gegenüber neuen Verfahren und Ideen zurück. Vor allem große Unternehmen arbeiten mit dieser Methode. "Auch durch den Druck, den große Unternehmen auf ihre Zulieferer und Kunden ausüben, wird sich Six Sigma in Deutschland zunehmend verbreiten", ist der Wissenschaftler überzeugt. (hk)