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SAPs Hochschulpolitik verärgert Professoren

Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Hochschulprofessoren sind verärgert über SAP. Stein des Anstoßes ist die Strategie der Walldorfer, Hochschulen nur noch im Hosting-Verfahren und nicht mehr mit Lizenzen zu versorgen.

Deutsche Hochschulprofessoren sind verärgert über SAP. Stein des Anstoßes ist die Strategie der Walldorfer, Hochschulen nur noch im Hosting-Verfahren und nicht mehr mit Lizenzen zu versorgen. Kritisiert wird außerdem SAPs Hochschulbeauftragte Inge Puzicha.

Puzicha sei dafür verantwortlich, dass der unabhängige Hochschularbeitskreis, in dem sich Dozenten verschiedener Institute zum gegenseitigen Austausch organisiert hatten, in den vergangenen Jahren systematisch demontiert worden sei, moniert ein Universitätsprofessor, der namentlich nicht genannt werden möchte. Außerdem sei ihr die willkürlich betriebene Schließung der Hochschul Competence Center (HCC) in Münster und Passau anzulasten. So habe Puzicha beispielsweise Münster wegen der Kritik von Professor Jörg Becker an der SAP-Politik geschlossen. "Es geht die Angst um", berichtet der Professor. Viele Kollegen seien mit der Gängelei unzufrieden, schluckten ihren Ärger aber herunter, um weiter forschen und lehren zu können.

SAP-Sprecher Herbert Heitmann weist die Vorwürfe zurück. Alle Entscheidungen Puzichas würden von der SAP mit getragen. Ein großes Problem der Vergangenheit sei gewesen, dass manche Professoren die kostenlose Universitätslizenz für kommerzielle Beratungsdienstleistungen neben ihrer Lehrtätigkeit missbraucht hätten. Dieser Missbrauch sei mit ein Grund gewesen, warum SAP die Hosting-Lösung eingeführt habe. Puzicha sei diejenige, die diese Botschaften überbringen müsse. "Damit macht sie sich natürlich nicht nur Freunde."

Seit 1999 verfolgt SAP eine neue Strategie im Rahmen seiner Zusammenarbeit mit Hochschulen. War es den Dozenten früher möglich, kostenlose Softwarelizenzen zu bekommen, drängen die SAP-Verantwortlichen die Universitäten heute zu einem Anschluss an die HCCs. Derzeit gibt es zwei dieser Zentren, die SAP-Lösungen als Application Service Provider anbieten. Neben dem HCC der Universität Magdeburg wird Mitte Juni das neue Hosting-Zentrum der Technischen Universität München offiziell eröffnet. SAP zufolge haben sich bereits 120 der über 200 Hochschulen in Deutschland, die mit SAP-Produkten forschen und lehren, an die beiden Zentren angeschlossen.

"Wir wollen keine Einzellizenzen mehr", gibt Heitmann den Kurs vor. Allein aufgrund des großen Volumens lasse sich das Programm nur noch in standardisierter Form betreiben. Im Rahmen der Kompetenzzentren sei eine reibungslose Administration gewährleistet. SAP könne nicht dafür sorgen, dass die einzelnen Lehrstühle immer auf dem neuesten Stand sind. Daher rate man den Instituten, die nach wie vor Einzellizenzen besitzen, nach Auslaufen der Verträge oder beim nächsten Update auf die Hosting-Variante zu wechseln.

Bevor sie auf die Hosting-Lösungen zugreifen dürften, müssten die Hochschulen auch einen Zertifizierungsprozess durchlaufen, erläutert Heitmann "Einige Professoren tun sich damit schwer, weil sie das als Eingriff in die Freiheit von Forschung und Lehre sehen", räumt der SAP-Sprecher ein. "Wir tasten diese Freiheit jedoch nicht an."

Die SAP hat in den letzten vier Jahren im Bereich Forschung und Lehre eine Richtung eingeschlagen, die sehr bedenklich ist, moniert der Universitätsprofessor, der Repressalien fürchtet, sollte sein Name in diesem Zusammenhang in der Presse auftauchen.. Während es den Dozenten in der Vergangenheit möglich gewesen sei, frei zu entscheiden, mit welchen SAP-Produkten sie wann und wie arbeiten wollten, seien die Institute heute auf "Gedeih und Verderb" von SAP abhängig. "Wer aufmuckt, dem wird die Lizenz entzogen."

SAP hätte nicht alle Hochschulanwender über einen Kamm scheren dürfen, kritisiert auch Ralf Oetinger, Professor für den Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken. Die Idee, den SAP-Zugriff in Hosting-Zentren zu bündeln, sei zwar grundsätzlich in Ordnung. In der Vergangenheit hätten viele Institute SAPs Hotline mit teilweise banalen Hilfeanfragen belastet. Ihm sei jedoch nicht bekannt, dass sein Institut jemals um Hilfe gerufen hätte. Daher sollten Institute mit der entsprechenden Kompetenz weiter freie Lizenzen erhalten, fordert der Professor.

Problematisch ist aus Oetingers Sicht auch die finanzielle Seite. So müssten die Hochschulen für die Nutzung der Hosting-Zentren einen jährlichen Beitrag zahlen. SAP-Sprecher Heitman relativiert, dies sei nicht mehr als eine Art Schutzgebühr. SAP verdiene kein Geld mit den Zentren. Die Gebühr sei vielmehr notwendig, um Kosten abzudecken, die nicht von SAP oder den Hardwarepartnern Sun und Hewlett-Packard getragen werden könnten. "Das hat jedoch noch niemanden vom Beitritt zum Programm abgehalten."

SAP-intern gibt es offenbar andere Meinungen. So beurteilt Inge Puzicha, Leiterin des deutschen University-Alliance-Programms der SAP, die finanzielle Problematik deutlich kritischer. "Wir könnten wesentlich effizienter mit den Hochschulen zusammenarbeiten, wenn die finanzielle Seite nicht so angespannt wäre", sagt sie in einem offiziellen Werbevideo.

Die revoltierenden Hochschulprofessoren versuchen indes, ihre Interessen auf andere Art und Weise durchzusetzen. So bemüht sich derzeit Karl Liebstückel, Professor an der Fachhochschule Würzburg und Vorstandsmitglied der Deutschen SAP User Group (DSAG), einen unabhängigen Hochschularbeitskreis im Rahmen der DSAG zu etablieren.

SAP sieht dem Treiben gelassen entgegen. Man könne Liebstückel sein persönliches Anliegen nicht verübeln, sagt Heitmann. Allerdings müsse auch SAP seine Interessen wahren. Liebstückel könne nicht erwarten, dass SAP den Aufwand verdopple, um seine Community parallel neben dem offiziellen Hochschulprogramm zu unterstützen. "Wir können nicht allen Wünschen gerecht werden."