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Richter erklärt internen Untersuchungsausschuss von Oracle für befangen

17.06.2003

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Wie abhängig ein vom Verwaltungsrat eingesetztes "unabhängiges" Komitee bei einer internen Überprüfung sein kann, dokumentiert ein Kommentar des Delaware Chancery Court. So bezeichnete Vice Chancellor Leo Strine einen von Oracle einberufenen Kontrollausschuss zur Untersuchung möglicher Fälle von Insider-Handel für eindeutig befangen, berichtet das "Wall Street Journal". Anstelle eines neutralen Teams, so Strine, habe das Unternehmen ein voreingenommenes Komitee eingesetzt.

Auslöser für die Untersuchung waren eine Reihe von Aktionärsklagen gegen den kalifornischen Softwarekonzern Anfang 2001. Dem Datenbankspezialisten wurde damals vorgeworfen, er habe die Anteilseigner mit seinen Prognosen für das dritte Fiskalquartal 2001 in die Irre geführt. So hatte die US-Company im Januar und Februar 2001 noch verkündet, Oracle werde ungeachtet der schwachen Konjunktur die Erwartungen erfüllen. Am 1. März warnte das Unternehmen dann jedoch, dass die gesteckten Ziele aufgrund der schlechten Wirtschaftslage nicht zu erreichen seien. Als Konsequenz sackte der Kurs der Aktie an jenem Tag um 21 Prozent ab. Die Anleger vermuteten Kursmanipulation, denn im Januar und Februar stießen Firmenboss Larry Ellison und drei weitere Verwaltungsratsmitglieder im großen Stil Unternehmensaktien ab (Computerwoche online berichtete). Oracle hatte die Vorwürfe

damals als "völlig unbegründet" zurückgewiesen, erklärte sich aber Anfang vergangenen Jahres dazu bereit, die Sachlage von zwei hochangesehenen Stanford-Professoren untersuchen zu lassen. Sie fanden keinen Hinweis darauf, dass einer der Beklagten seine Anteile aufgrund von Insider-Informationen abgestoßen hatte. Eine von düpierten Anleger eingereichte Sammelklage wurde daraufhin abgewiesen.

Wie das Delaware Chancery Court nun befand, sind die engen Beziehungen zwischen dem Oracle-Verwaltungsrat, der Stanford University und dem internen Untersuchungsausschuss äußerst problematisch. Als Beleg dafür sieht Richter Strine unter anderem, dass Ellison im Sommer 2001, also zum Zeitpunkt der Einberufung der Professoren, öffentlich erwogen hatte, 170 Millionen Dollar für ein Stipendiatenprogramm zu spenden und sein Haus im Wert von 100 Millionen Dollar der Universität zu überschreiben. Außerdem waren die Prüfer nicht unabhängig vom Oracle-Board. Beispielsweise ist Stanford-Professor Micheal Boskin Mitglied des Verwaltungsrats und zugleich Doktorvater von einem der Prüfer. Ein zweites beschuldigtes Board-Mitglied, Donald Lucas, sitzt parallel in einem Stanford-Ausschuss und hat gemeinsam mit seinem Bruder knapp 16 Millionen Dollar an die Elitehochschule gespendet.

Bei dem Kommentar von Richter Strine handelte es sich um die Begründung, warum ein Antrag, den Fall niederzulegen, vor kurzem abgelehnt wurde. US-Unternehmen müssen sich nun auf eine genauere Prüfung von Insider-Handel einstellen. Das Delaware Chancery Court hat auch in anderen US-Bundesstaaten einen starken Einfluss und wurde unter anderem von Walter Hewlett angerufen, um die HP-Compaq-Fusion zu stoppen. (mb)