Projekte leiden unter unklaren Anforderungen

Requirements Engineering und Projektmanagement

Jörg Glunde ist Mitglied des Arbeitskreises Requirements Engineering und Projektmanagement (REPM) der Gesellschaft für Informatik e.V.
Dr. Andrea Herrmann ist freie Trainerin für Software Engineering, Buchautorin und Inhaberin von zwei Gastprofessuren.
Eric Knauss ist Mitglied des Arbeitskreises Requirements Engineering und Projektmanagement (REPM) der Gesellschaft für Informatik e.V.
Uwe Valentini ist Mitglied des Arbeitskreises Requirements Engineering und Projektmanagement (REPM) der Gesellschaft für Informatik e.V.
Rüdiger Weißbach ist Mitglied des Arbeitskreises Requirements Engineering und Projektmanagement (REPM) der Gesellschaft für Informatik e.V.
Die Anforderungen an große Softwareentwicklungs-Projekte ändern sich ständig. Umso erstaunlicher ist es, wie stiefmütterlich viele Unternehmen immer noch das Requirements Engineering behandeln.

Lasten- und Pflichtenheft sind in Deutschland traditionell wichtige Dokumente in Projekten. Laut der DIN-Norm 69901 beschreibt das Lastenheft die "vom Auftraggeber festgelegte Gesamtheit der Lieferungen und Leistungen", das dar-auf aufbauende Pflichtenheft die "vom Auftragnehmer erarbeiteten Realisierungsvorgaben".

Foto: Palto, Shutterstock.com

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich international die Disziplin des "Requirements Engineering" (RE) entwickelt. In diesem Zusammenhang nur von der "Anforderungsanalyse" zu sprechen, wäre zu kurz gegriffen. Engineering umfasst mehr als nur die Analyse, und "Requirements Engineering und Management" (RE&M) geht noch einmal darüber hinaus.

Weshalb ist RE&M für Projekte so essenziell?

Anforderungen beschreiben, was im Projekt herzustellen und zu liefern ist. Dass es wichtig ist, mit den Anforderungen sorgfältig umzugehen, ist allgemein anerkannt. Dazu haben auch die Publikationen des Chaos-Reports der Standish Group beigetragen, die seit fast drei Jahrzehnten regelmäßig zeigen, dass sich ein Scheitern von Projekten oft auf mangelhaften Umgang mit den Anforderungen zurückführen lässt. Das ist etwa der Fall, wenn Kunden nicht genügend einbezogen werden und Anforderungen unvollständig oder unrealistisch sind, aber auch, wenn sie zu umfangreich sind und Features gefordert werden, die später gar nicht oder nur selten genutzt wurden - das kann Mehrkosten und Verzögerungen verursachen.

In linearen Vorgehensmodellen, insbesondere dem Wasserfallmodell, wird Requirements Engineering typischerweise als eine Phase zum Projektbeginn betrachtet. Doch eine einmalige Festlegung der Anforderungen zu Projektbeginn reicht nicht aus: Neue Ideen entstehen, andere Anforderungen entfallen, Rahmenbedingungen und Details ändern sich. Darum müssen die Anforderungen über die gesamte Projektlaufzeit beziehungsweise den gesamten Lebenszyklus eines Softwareprodukts verwaltet und aktuell gehalten werden (Requirements Management). Damit geht RE&M deutlich über die Vorstellung hinaus, ein Pflichtenheft als Grundlage eines Projekts zu erstellen.

Weshalb werden wir auf diesem Gebiet nur langsam besser?

Als Coach in der IT einer internationalen Bank mit mehreren tausend Mitarbeitern machte einer der Autoren eine nicht untypische Beobachtung: Da sich die Fähigkeiten der Mitarbeiter in der IT zielgerichtet einsetzen lassen sollten, musste jeder Mitarbeiter sein eigenes Skill-Profil erstellen. Er war aufgefordert, einen Fragebogen auszufüllen, in dem er vorgegebene und von der IT als notwendig oder wünschenswert deklarierte Fähigkeiten ankreuzte. Die Aufzählung der verschiedenen Skills, von Programmiersprachen über Projekt-Management-Fähigkeiten bis zu spezifischen Test-Skills, umfasste zirka fünf DIN-A4-Seiten. Erstaunlich: Das Wort Anforderungen oder ein entsprechendes Synonym kam darin überhaupt nicht vor.

Auch eine Analyse von 200 Stellenanzeigen durch eine Mitautorin hat gezeigt, dass es nicht nur extrem selten eine Position "Requirements Engineer" im Unternehmen gibt. Stattdessen wird RE&M von Beratern, Software-Ingenieuren, Software-Architekten, Entwicklern und Projektleitern vorgenommen - zusätzlich zu durchschnittlich drei weiteren Aufgaben. 73 Prozent der Annoncen wünschen Berufserfahrung, 94 Prozent verlangen Soft Skills, 76 legen Wert auf technisches Wissen, und nur 34 Prozent erwähnen RE-Kenntnisse.

Offensichtlich wird Requirements Engineering in der Praxis immer noch nicht so wertgeschätzt, wie es aufgrund seiner Bedeutung nötig wäre. Oft wird es als Aufgabe betrachtet, die beliebige Rollen ohne besondere Kenntnisse nebenbei miterledigen können. Das funktioniert nicht, da RE tatsächlich eine der schwierigsten, vielleicht die schwierigste und anspruchsvollste Disziplin im System- und Softwareentwicklungsprozess ist. Ein Anforderungsingenieur muss die Sprache des Fachbereichs sprechen, ebenso die der Architekten, Entwickler und Tester. Er muss nicht nur zahlreiche Methoden und Techniken rund um RE&M beherrschen, sondern auch eine ausgeprägte Sozialkompetenz mitbringen, um alle Stakeholder in den Prozess einbinden zu können.

Wie stehen Projekt-Management und RE&M zueinander?

Grundsätzlich müssen sowohl das Wie als auch das Was eines Projekts stimmen. Das Wie wird mit den Methoden des Projekt-Managements organisiert, das Was mit denjenigen des RE&M - unabhängig davon, wer hier den Hut aufhat, ob es also einen eigenen Requirements Engineer im Projekt gibt oder diese Aufgabe von einer anderen Rolle miterledigt wird. In vielen, insbesondere in kleineren Projekten ist keine eigene Rolle für die RE&M-Aufgaben eingerichtet. Oft klärt und dokumentiert der Projektleiter die Anforderungen, zum Teil spezifizieren die Fachabteilungen sie selbst.

Da sich die Aufgaben von Projektleitung und RE&M grundsätzlich unterscheiden, sollten sie nicht von derselben Person ausgeführt werden. Beim Projekt-Management geht es vor allem darum, zu entscheiden und zu überzeugen. Beim RE&M hingegen steht ergebnisoffenes Verstehen und Interpretieren im Mittelpunkt.

Erleichtern agile Vorgehensmodelle das RE&M?

Lineare und agile Vorgehensmodelle unterscheiden sich auch bezüglich der Dokumentation von Anforderungen. Stellen Sie sich einen - hier überspitzt dargestellten - Dialog von Vertretern beider Positionen vor: "Ein dickes Pflichtenheft? Das ist doch veraltet. Wir kommunizieren, klären unmittelbar bei Bedarf die Anforderungen und entwickeln genau das, was der Kunde haben will." Und als Gegenposition: "Software entwickeln ohne detaillierte Anforderungsspezifikation? Das geht nicht! Viel zu riskant! Wo bleibt der Vertrag? Wer übernimmt die Verantwortung?"

Weit verbreitet ist das Missverständnis, dass Anforderungen und Anforderungsspezifikationen bei agilem Vorgehen unwichtig würden. Das Agile Manifest sagt nur, dass Kooperation und Flexibilität wichtiger sind als Formalitäten. Der notwendige Umfang einer Anforderungsdokumentation hängt auch bei der agilen Entwicklung nach wie vor von Faktoren ab wie

  • gesetzlichen oder regulatorischen Vorgaben,

  • Vertragsbedingungen oder Sicherheitsvorschriften,

  • Domänenwissen im Team,

  • Verteilung des Teams, Möglichkeiten zur direkten Kommunikation und vielem mehr.

Bei der agilen Entwicklung wird akzeptiert, dass man keine komplette Anforderungsspezifikation am Anfang eines Projekts erstellen kann. Niemand ist schon zu Beginn im Besitz aller guten Ideen, und der Kontext eines Projekts ändert sich im Lauf der Zeit. Damit tritt auch die Management-Komponente des RE&M stärker in den Vordergrund als bei linearen Vorgehensmodellen.

Die klassischen Projekt-Management-Aufgaben verändern sich im Zusammenhang mit agilem Vorgehen stark. Den klassischen Projektleiter gibt es zum Beispiel im agilen Umfeld bei Scrum-Projekten nicht mehr. Und die Tätigkeiten des Fachgebiets RE&M werden auf die Rollen aufgeteilt: Der Product Owner entscheidet über die Anforderungen und dokumentiert sie. Sie werden dann vom Team analysiert und verfeinert.

RE&M: Strategische Skills für jedes Projekt

RE&M kann nicht nebenher von beliebigen Rollen im Team übernommen werden. Kenntnisse und Wissen um seine Methoden und Techniken bei allen Beteiligten sind unerlässlich für ein erfolgreiches Projekt. Aber selbst wenn es einen expliziten Anforderungs-Manager gibt, sollten die Inhaber der übrigen Rollen, etwa Projekt-Manager oder Entwickler, bereit sein, über ihre angestammten Bereiche hinauszudenken und Aufgaben in Nachbardisziplinen zu übernehmen, um den Gesamterfolg zu sichern. Genauso wie die Qualität nicht von einem "Tester" allein gewährleistet werden kann - die Entwickler und Anforderungsspezialisten sichern auch die Qualität, testen aber jeweils anders -, so sollte auch das gesamte Team erfolgreiches RE&M als gemeinsame Aufgabe begreifen.

RE&M-Skills sollten letztendlich möglichst breit in der Projektgruppe vorhanden sein, unabhängig von der Teamgröße und dem gewählten Vorgehensmodell: in agilen Modellen schon aufgrund der Bedeutung, die die laufenden Änderungen der Anforderungen mit sich bringen, in linearen Modellen, um die Risiken zu reduzieren, die sich aus einer unzulänglichen Analysephase ergeben können. Am Ende geht es immer dar-um , dass das Projekt das tut, was es soll: Anforderungen umsetzen.

Fazit

Wegen der immensen Bedeutung des RE&M für den Erfolg von Projekten haben wir uns in den letzten Jahren intensiv mit der Schnittstelle zwischen Projekt-Management und Requirements Engineering und Management beschäftigt. Wir hoffen, dass andere von unseren Erfahrungen profitieren und Anregungen für eine bessere Integration von RE&M in ihre Arbeit erhalten. (hv)

Mehr Infos und Tipps

Foto: Springer 2013

Vertiefende Informationen finden Sie in dem Buch "Requirements Engineering und Projektmanagement", herausgegeben von Andrea Herrmann, Eric Knauss und Rüdiger Weißbach, Springer 2013 (ISBN 978-3-642-29432-7).