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Ray Lane tritt als COO und President von Oracle zurück

03.07.2000
Larry Ellison will wieder selbst das Ruder übernehmen

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Raymond "Ray" Lane (53), bislang als President und Chief Operating Officer zweiter Mann beim Datenbankriesen Oracle Corp., hat am vergangenen Freitag in einem überraschenden Schritt seine Ämter niedergelegt. Laut Unternehmenschef Lawrence "Larry" Ellison war der Abgang allerdings von langer Hand vorbereitet. Die Börse hat bereits auf die Nachricht reagiert; im heutigen (wegen des Feiertags am 4. Juli verkürzten) Handel gab das Oracle-Papier um 3,88 Dollar oder 4,6 Prozent auf 80,19 Dollar nach.

Ellison erklärte, der Rücktritt Lanes erfolge in beiderseitigem Einvernehmen. "Ich danke Ray für seine Leistungen. Wir werden ihn vermissen und wünschen ihm nur das Beste", lautete die unverbindliche Danksagung des Oracle-Bosses. Der Schritt reflektiere das Bemühen, den Verantwortungsbereich von Lane einzuschränken. Er selbst, so Ellison, wolle sich wieder stärker um die Führung von Oracle kümmern. "Rays Job hat sich dramatisch verändert", erklärte der CEO (Chief Executive Officer). "Er hat sich mehr und mehr aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen."

Das "Wall Street Journal" berichtet unter Berufung auf gut unterrichtete Kreise, dass es in letzter Zeit immer öfter zu Unstimmigkeiten zwischen beiden Managern gekommen sei. Unter anderem sei es Lane wohl übel aufgestoßen, dass er nicht die Nummer eins bei Oracle werden konnte. Dass Ellison, der sich zunächst vor allem um die Produktentwicklung gekümmert habe, nun wieder stärker ins operative Geschäft und den Vertrieb eingreife, um sein Unternehmen auf Internet-Kurs zu bringen, habe Lanes Verantwortlichkeiten zu sehr eingeschränkt.

Das räumt auch Ellison selbst ein. "Ray konnte früher autonomer agieren. Er wollte letztlich immer seine eigene Show, und es gibt nur eine Show bei Oracle", - seine eigene nämlich, liest man zwischen Ellisons Zeilen. Hinzu komme, dass auch weitere Oracle-Manager, speziell die beiden Vice Presidents Gary Bloom und Safra Catz, mehr Verantwortung erhalten hätten. Last but not least habe Lane auch im Privatleben größere Verantwortung (sprich: Nachwuchs) übernommen, so Ellison.

Lane selbst befindet sich derzeit "im Urlaub" und war für Stellungnahmen nicht zu erreichen. Er wird aber offensichtlich nicht aus dem Unternehmen ausscheiden, sondern vorerst weiterhin als Vorstand (Director) zur Verfügung stehen. Der ehemalige Topmanager von Booz-Allen & Hamilton war 1992 zu Oracle gestoßen. Zu dieser Zeit befand sich das Unternehmen in der Endphase einer Krise, die man selbst durch laxes Finanzgebaren und übertrieben aggressive Vertriebspraktiken heraufbeschworen hatte. Nach Ansicht vieler Experten ist es Lane zu verdanken, dass Oracle sich von einem reinen Datenbankanbieter stärker in Richtung Unternehmenssoftware und Beratung entwickelt hat. Unter der Ägide Lanes, auch wenn dieser meist im Schatten des schillernden Ellison agierte, stieg der Aktienkurs von Oracle von unter neun auf inzwischen knapp 85 Dollar.

Während seiner Oracle-Amtszeit wurde Lane mehrfach als Kandidat für den Chefsessel anderer Branchenriesen wie Hewlett-Packard (HP), Electronic Data Systems (EDS) oder Compaq gehandelt, hielt Oracle aber stets die Treue. Noch 1997 hatte Ellison den Vorstand genötigt, Lane mit einem üppigen Optionspaket aus 2,5 Millionen Oracle-Aktien von einem Wechsel zu Novell abzuhalten. Lane hält derzeit Oracle-Anteile im Wert von 473 Millionen Dollar; Ellison schätzt, dass sein zweiter Mann in seiner Zeit im Unternehmen insgesamt rund zwei Milliarden Dollar eingestrichen hat.

Ursprünglich hatte Ellison Lanes Rücktritt bereits am Mittwoch oder Donnerstag bekannt geben wollen. Er habe sich aber auf Grund der Enthüllungen um Oracles Bespitzelung von Microsoft im Zuge des Kartellprozesses gegen den Erzrivalen (Computerwoche.de berichtete) zu der Vertagung entschlossen, erklärte der Konzernchef. Es sei eine "höllische Woche" gewesen, auch wenn Lanes Abgang zeitlich nur zufällig mit dem Spionage-Fauxpas zusammengefallen sei, den Beobachter analog zum Fall von US-Präsident Richard Nixon bereits auf "Garbage-Gate" oder "Larry-Gate" getauft haben.

Im Zuge seiner Offenbarungen in der vergangenen Woche hatte Ellison so getan, als ob es allein Microsofts schmutzige Geschäftspraxis sei, nach außen hin als unabhängig auftretende Organisationen mit Spenden auf seine Seite zu bringen. Wer allerdings im Glashaus sitzt, der sollte nicht mit Steinen werfen: Oracle macht das ganz genau so, sponsert aber natürlich die Gegenseite. "Wired News" führt als einschlägige Lobbyismus-Aktivitäten unter anderem die Mitgliedschaft bei der Anti-Microsoft-Vereinigung Procomp sowie finanzielle Unterstützung der erklärten Microsoft-Gegner CCIA (Computer and Communications Industry Association), SIIA (Software and Information Industry Association) und PFF (Progress and Fredom Foundation) an - letzere wird übrigens auch von Sun Microsystems unterstützt. Die PFF hatte im vergangenen Januar eine Vierteilung Microsofts gefordert. Die Gates Company sponsert unter anderem das Cato Institute, die Citizens for a Sound Economy, Citizens against Government Waiste sowie die National Taxpayers Union (deren Müll Oracle von der Detektei IGI durchschnüffeln ließ).