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R/3-Anwender blicken in eine ungewisse Zukunft

10.11.2000
SAP erhöht den Druck auf die R/3-Kunden, schnell auf Mysap.com zu wechseln. Zum einen macht sie den Umstieg kontinuierlich teurer, zum anderen steht die Zukunft von R/3 in den Sternen.

Von CW-Mitarbeiter Martin Ottomeier

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - SAP erhöht den Druck auf die R/3-Kunden, schnell auf Mysap.com zu wechseln. Zum einen macht sie den Umstieg kontinuierlich teurer, zum anderen steht die Zukunft von R/3 in den Sternen.

Noch bis Ende des Jahres haben bestehende R/3-Kunden die Möglichkeit, kostengünstig auf Mysap.com zu wechseln. Danach ändert die SAP das Migrationsangebot. Bisher werden die R/3-Lizenzen beim Umstieg zu 100 Prozent angerechnet. Im nächsten Jahr gilt das nicht immer. Die R/3-Lizenzen werden nur dann voll in den neuen Kaufpreis einbezogen, wenn Mysap.com entsprechend stark genutzt wird. Das hängt zum Beispiel vom Vertragsvolumen und der Anzahl der Nutzer ab. Die neue Regelung ist bis Ende 2001 befristet. Dann wird SAP darüber entscheiden, ob es ein weiteres Migrationsmodell geben wird und wie es aussieht.

Damit erhöht SAP den Druck auf ihre Kunden, zügig auf das neue Release umzusteigen. Das hat auch finanzielle Gründe. Während der Releasewechsel bei R/3 in der Wartungsgebühr enthalten ist, gilt Mysap.com als neues Produkt und muss neu lizenziert werden. Der Kunde zahlt also für die funktionale Weiterentwicklung, statt sie wie bisher kostenlos zu bekommen. ERP-Experte Helmuth Gümbel vom Beratungsunternehmen Strategy Partners weist außerdem darauf hin, dass das Preisschema in Mysap.com für SAP geschickter gewählt ist: "Während in R/3 viele funktionale Weiterentwicklungen durch die Wartung abgedeckt sind, muss man sie bei Mysap.com durch das rollenbasierte Preismodell zusätzlich erwerben." Dadurch wird Mysap zur Cash-Cow für die SAP.

Darüber hinaus warnt Gümbel vor einem schnellen Umstieg: "R/3-Anwender sollten die Folgekosten von Mysap.com genau analysieren, bevor sie umsteigen." Die Lizenzkosten würden nur rund zehn Prozent der Gesamtausgaben für einen R/3- oder Mysap.com-Betrieb ausmachen. Die langfristigen Kosten der CRM- (Customer-Relationship-Management-) oder der Marketplace-Lösung, die in Mysap.com enthalten ist, seien derzeit nicht absehbar.

Allerdings müssen sich R/3-Anwender fragen, ob sie mittelfristig zum Wechsel gezwungen sind. R/3 werde nämlich an Neukunden nicht mehr verkauft, erklärt SAP-Pressesprecher Herbert Heitmann. Aus diesem Grund schrumpft die installierte Basis relativ zusammen, so dass sich irgendwann die Frage stellen dürfte, ob R/3 funktional weiterentwickelt werden soll. Das aktuelle Release R/3 4.6C sei zwar nicht das letzte, erläutert Heitmann. Wie lange R/3 noch ausgebaut wird, darüber lässt SAP ihre Kunden aber im Unklaren.

Das hängt aber auch von den Kunden ab, wie ein Blick auf die Mainframe-Lösung R/2 zeigt. Diese wollte SAP zunächst mit Version 4.3 in den Ruhestand schicken. Mittlerweile gibt es eine Version 6. Wenn man diesen Maßstab auch an die R/3-Weiterentwicklung anlegt, käme es bis zu einer Version 6 im Jahr 2005.