Linux-Desktop im Test

openSUSE 12.3 - was Linux-Nutzer wissen müssen

Michael Kofler (http://kofler.info/) ist freiberuflicher Computerbuch-Autor und IT-Trainer. Er hat zuletzt ein Java-eBook veröffentlicht.
UEFI-Unterstützung und eleganter Blumen-Look - so kann man die beiden augenscheinlichsten Neuerungen in openSUSE 12.3 zusammenfassen. Darüber hinaus gibt es wie immer neue Programmversionen und ein paar technische Finessen, die openSUSE-Anwendern das Leben erleichtern.

Der Entwicklungsprozess von openSUSE läuft wieder rund: Die neueste Version von openSUSE wurde exakt im Zeitplan fertiggestellt. Die Installationsmedien können wie üblich von der Website http://software.opensuse.org/ heruntergeladen werden. Dort stehen ein DVD-Image mit den Installationspaketen für alle unterstützten Desktop-Systeme (KDE, Gnome, LXDE und xfce) sowie kleinere KDE- und Gnome-Live-Systeme zur Auswahl. Die Images der Live-Systeme sind auf beinahe ein GByte angewachsen und lassen sich nicht mehr auf eine CD brennen. Dafür können Sie auf einen USB-Stick übertragen werden - praktisch zur Installation auf ein Notebook ohne DVD-Laufwerk.

UEFI

Mit Version 12.3 unterstützt openSUSE endlich auch Computer, die anstelle des BIOS auf UEFI setzen (Unified Extensible Firmware Interface). Die DVD kann direkt im UEFI-Modus gestartet werden; während der Installation wird das Dateisystem in der EFI-Partition um ein neues openSUSE-Verzeichnis erweitert. Der Bootloader GRUB kann anschließend aber auch andere auf dem Rechner installierte Distributionen starten. Alternativ kann das zu startende Betriebssystem auch über das EFI-Bootmenü ausgewählt werden.

Wenn die Installation dagegen von einem Live-System (z.B. per USB-Stick) durchgeführt wird, muss UEFI bei den Installationseinstellungen explizit aktiviert werden. Andernfalls wird die Installation im BIOS-Modus durchgeführt und kann dann nur gestartet werden, wenn das Mainboard BIOS-Kompatibilitätsfunktionen enthält.

Vorsicht ist geboten, wenn Sie eine verschlüsselte Installation durchführen und gleichzeitig UEFI nutzen möchten: In diesem Fall müssen Sie manuell eine eigene Bootpartition einrichten. Das Installationsprogramm vergisst darauf; in der Folge scheitert GRUB daran, die Kerneldatei aus der verschlüsselten Systempartition zu lesen.

Ein Fall für sich ist UEFI Secure Boot: openSUSE unterstützt dieses von Microsoft vorangetriebene Sicherheitssystem erst experimentell. UEFI Secure Boot muss bei den Bootloader-Einstellungen explizit aktiviert werden - andernfalls wird eine normale UEFI-Installation durchgeführt, die sich auf einem Rechner mit aktiviertem Secure Boot nicht starten lässt. Die technische Realisierung von UEFI Secure Boot durch openSUSE hat große Ähnlichkeiten zu Fedora: In die EFI-Partition wird der mit einem Microsoft-Schlüssel signierte Mini-Bootloader Shim installiert, der dann seinerseits eine signierte Version von GRUB startet.

Programmversionen

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Programmversionen innerhalb von openSUSE 12.3 zusammen:

Kernel

3.7

KDE

4.10

Gnome

3.6

Firefox

19

Gimp

2.8

LibreOffice

3.6

GRUB

2.0

gcc

4.7

glibc

2.17

X-Server

1.13

Apache

2.2

MySQL

5.5

PHP

5.3

Samba

3.6

Netzwerk-Ärger

Bei manchen Installationen patzt openSUSE bei der Netzwerkkonfiguration.
Bei manchen Installationen patzt openSUSE bei der Netzwerkkonfiguration.
Foto: Michael Kofler

Nach der Installation funktioniert die Verbindung zum lokalen Netzwerk in virtuellen Maschinen auf Anhieb. Ärger kann es hingegen bei Installationen auf realer Hardware geben: openSUSE findet unter Umständen keine Netzwerkverbindung. Der KDE-Network-Manager beklagt sich dann darüber, dass das zugrundeliegende Programm gar nicht läuft. Diese Fehlermeldung führt allerdings in die Irre - der Network-Manager-Dienst läuft sehr wohl, aber er ignoriert die Ethernet-Schnittstelle eth0.

Die openSUSE-Release-Notes behandeln das Problem mit einem kurzen Hinweis, wonach der Fehler nur beim ersten Start auftritt und nach einem Reboot von selbst verschwindet. Bei meinen Tests war das freilich nicht der Fall. Abhilfe schuf erst eine Korrektur der Netzwerkeinstellungen in YaST: Modul »Netzwerkeinstellungen«, Dialogblatt »Globale Optionen«, Option »Benutzergesteuert mithilfe von NetworkManager«.

Multimedia-Funktionen und Grafik-Treiber

Aus lizenz- und patentrechtlichen Gründen kann openSUSE weder das Flash-Plugin noch MP3-Bibliotheken auf der DVD ausliefern. openSUSE umgeht dieses Problem mit einem eleganten Trick: Sobald mit YaST das erste Zusatzpaket installiert wird, werden auch das Adobe-Flash-Plugin und die MP3-Bibliotheken von Fluendo heruntergeladen und eingerichtet. Die Installation dieser Funktionen direkt aus dem Webbrowser oder Audio-Player heraus scheitert aber - in der Hinsicht bietet Ubuntu mehr Komfort.

openSUSE verwendet standardmäßig nur Open-Source-Grafiktreiber. Bei Notebooks oder Computern mit einer nVidia-Grafikkarte empfiehlt es sich, nach Abschluss der eigentlichen Installation auf den proprietären Grafiktreiber des Herstellers zu wechseln. Dieser Schritt fällt unter openSUSE besonders leicht, weil im YaST-Modul »Software-Repositories« zu diesem Zweck eine eigene Paketquelle zur Auswahl steht. Nach deren Aktivierung kann im YaST-Modul »Software installieren« die gewünschte Variante des Treibers installiert werden (Paketname x11-video-nvidiaXxx). Der Treiber kommt dann ab dem nächsten Neustart zum Einsatz.

Rolling Release

Ein ständiges Diskussionsthema in den Entwickler-Teams vieler Distributionen ist die Unterstützung von Rolling Releases:Damit müssten Linux-Anwender nicht auf das nächste Distributions-Update warten, nur weil sie die gerade aktuelle Versionen von Gimp oder LibreOffice einsetzen möchten. Primär sind es zwei Gründe, weswegen die meisten Distributionen davor zurückschrecken: einerseits Abhängigkeitsprobleme (Programm A benötigt eine neue Version der Bibliothek X. Programm B ist dazu aber noch inkompatibel); und andererseits die Angst davor, durch Änderungen an Systembibliotheken die Distribution unbenutzbar zu machen - etwa wenn nach einem Update das Grafiksystem nicht mehr funktioniert.

Viele mag es überraschen, dass openSUSE in dieser Hinsicht der Konkurrenz weit voraus ist: Aktivieren Sie einfach in YaST die »Tumbleweed«-Paketquelle - schon haben Sie ein Rolling Release. Ganz trauen die openSUSE-Entwickler der Sache allerdings selbst nicht (Zitat aus der Tumbleweed-Webseite): If you don't know how to compile your own additional kernel modules and you don't wish to learn or keep a very close eye on what is being updated, please don't use Tumbleweed. Kurzum: Linux-Einsteiger sollten die Finger von Rolling Releases lassen.

Trotz dieser Warnung funktioniert Tumbleweed nun schon seit mehreren Versionen recht gut. Tumbleweed sollte allerdings nicht in Kombination mit proprietärern Treiber (NVIDIA, ATI), bei der Aktivierung zusätzlicher Paketquellen oder beim Betrieb von openSUSE in einer virtuellen Maschine genutzt werden. Weitere Informationen gibt die folgende Tumbleweed-Seite:

http://en.opensuse.org/Portal:Tumbleweed

openSUSE für Entwickler und Server-Administratoren

Für den Server-Einsatz war openSUSE nie die erste Wahl - und das ändert sich auch mit Version 12.3 nicht: Der Wartungszeitraum von nur 18 Monaten ist für Server-Installationen einfach zu kurz. Aber auch als Entwicklungsplattform für Web-Applikationen ist openSUSE nicht ideal: Die Versionen von Apache, PHP und MySQL hinken alle hinter dem gerade aktuellen Release hinterher.

Ein interessantes Detail ist, dass MySQL nur als optionales Paket zur Verfügung steht und standardmäßig gar nicht installiert wird. Stattdessen kommt das alternative Datenbanksystem MariaDB zum Einsatz. Es unterstützt dieselben Protokolle wie MySQL und dient als Drop-in Replacement. In diese Richtung will auch Fedora gehen. Bei Oracle müssen jetzt die Alarmglocken läuten: Sollte sich dieser Trend auch auf die Linux-Enterprise-Distributionen ausweiten, könnte die Verbreitung von MySQL schlagartig sinken.

Sehr modern zeigt sich openSUSE bei den Virtualisierungsfunktionen: qemu/KVM liegt in der aktuellen Version 1.3 vor, und erstmals wird die komplette openStack-Umgebung zur Entwicklung eigener Virtualisierungs- und Cloud-Systeme mitgeliefert. Das lässt vermuten, dass demnächst auch die kommerziellen SUSE-Angebote dahingehend ergänzt werden sollen.

Fazit

Mit etwas Verspätung unterstützt nun auch openSUSE UEFI Secure Boot und ist damit wieder auf Augenhöhe mit Ubuntu und Fedora. KDE - der Default-Desktop von openSUSE - liegt in der gerade erst fertiggestellten Version 4.10 vor und besticht durch eine attraktive Konfiguration. openSUSE bleibt so seinem Ruf gerecht, die KDE-Distribution zu sein.

Gnome wird hingegen in der schon fast ein halbes Jahr alten Version 3.6 ausgeliefert; das liegt primär daran, dass der Release-Zyklus von openSUSE nicht mit dem des Gnome-Projekts harmoniert. Experimentierfreudige Gnome-Fans können voraussichtlich in wenigen Wochen über die Paketquelle openSUSE BuildService Gnome ein Update auf Version 3.8 durchführen; offizielle Unterstützung genießt diese Paketquelle aber nicht.

Die sonstigen technischen Neuerungen in openSUSE ergeben sich überwiegend aus den Versions-Updates der mitgelieferten Pakete. Echte Innovationen, durch die sich openSUSE von anderen Distributionen abheben würde, fehlen gänzlich. Die seit langem überfällige Modernisierung von YaST lässt weiter auf sich warten; in den Release Notes kommt YaST überhaupt nur ganz am Rande zur Sprache. Das ist erstaunlich, weil YaST ja in der Vergangenheit das Aushängeschild für (open)SUSE war.

Dafür muss man openSUSE zugutehalten, dass die Distribution mittlerweile dem Open-Source-Mainstream deutlich näher steht als Ubuntu und auf nervende Alleingänge verzichtet. Insofern ist openSUSE eine attraktive Wahl für alle Anwender, die auf der Suche nach einer zeitgemäßen und aktuellen Desktop-Distribution sind. (ph)