Beispiel Iwan Kaspersky

Oligarchen-Kinder leben in Russland gefährlich

26.04.2011
Aus Angst schicken reiche Russen ihre Kinder oft ins Ausland - denn in der Heimat haben es ständig Kidnapper auf sie abgesehen.

Jüngstes Beispiel ist die Entführung von Iwan Kaspersky. Für den Sohn des Software-Entwicklers gab es offenbar kaum Sicherheitsvorkehrungen.

Jewgeni "Eugene" Kaspersky, Chef der Antivirus-Firma Kaspersky Lab
Jewgeni "Eugene" Kaspersky, Chef der Antivirus-Firma Kaspersky Lab
Foto: Kaspersky Lab

Brutal stoßen die Entführer Iwan Kaspersky in ein Auto, zerren dem 20-Jährigen eine Wollmütze über den Kopf und rasen schließlich davon. In ihrem Versteck nahe Moskau sperren sie den jungen Mann in die Banja ein und zwingen ihn, seinen Vater Eugene Kaspersky anzurufen. Der berühmte Software-Entwickler besitzt Schätzungen zufolge 546 Millionen Euro. Drei Millionen Euro verlangen die Täter als Lösegeld. Nach sechs Tagen Geiselhaft befreien Zielfahnder des Geheimdiensts FSB den jungen Mann.

Die Nachkommen von Oligarchen schweben ständig in Gefahr. Ihre Eltern wollen ihnen nicht zumuten, wie sie selbst nur schwer geschützt auszugehen. "Reiche Leute sollten ihre Kinder ins Ausland bringen", rät der Kriminologe Michail Winogradow. Dort, so die Hoffnung, sind die Jugendlichen besser geschützt. Denn in Russland sind Entführungen keine Seltenheit. Der 19-jährige Sohnes eines Öl-Managers war 2009 für zwei Monate in der Hand von Entführern, bevor er unverletzt befreit wurde. Die mittlerweile gefassten Täter hatten angeblich 50 Millionen Euro verlangt. Oft gehen die Kidnapper mit menschenverachtender Gewalt vor.

Rund 700 Menschen wurden im vergangenen Jahr in Russland verschleppt, darunter etwa 200 Kinder. Damit liege das größte Flächenland der Erde auf einem Niveau mit dem für brutale Kidnappings berüchtigten Brasilien, sagt der Rechtsanwalt Igor Trunow. Auch in Russland treiben Armut und Arbeitslosigkeit viele Menschen in die Kriminalität. Im Fall Kaspersky hatten die Entführer - ein älteres Ehepaar und sein Sohn sowie zwei Freunde - hohe Schulden, wollten mit dem Lösegeld Kredite tilgen.

Die Sicherheitsvorkehrungen der russischen Elite sind immens. Mauern und Stacheldraht schirmen die teuren Villen ab, private Wachtrupps patrouillieren. Die Familienmitglieder nutzen gepanzerte Limousinen mit kugelsicherem Glas, meist dabei: bewaffnete Leibwächter. Die Kinder des Milliardärs Wladimir Potanin wurden selbst beim Skikurs im französischen Courchevel von muskulösen Bodyguards begleitet. Oligarchen oder Prominente lassen ihre Sprösslinge oft nicht einmal zum Schulbesuch aus dem Haus, sondern engagieren stattdessen Hauslehrer. Viele schicken ihre Kinder lieber gleich auf teure Privatinternate im Ausland.

Jelena Baturina, die reichste Frau Russlands und Ehefrau des Moskauer Ex-Bürgermeisters Juri Luschkow, gründete sogar selbst eine Schule - aus Angst um ihre Töchter. Rings herum sind hohe Mauern, Kameras überwachen das gesamte Gelände. Eltern dürfen nur gegen Vorlage eines Ausweises hinein. Mittlerweile hat aber auch die Bauunternehmerin Baturina ihre Kinder nach London gebracht.

Um Iwan Kasperskys Sicherheit hingegen kümmerte sich offenbar niemand. Der Student gab beim sozialen Netzwerk WKontaktje - dem russischen Facebook - freimütig Adresse, Handynummer und Arbeitsplatz an. Auto fuhr er nicht, sondern nutzte in der Millionenmetropole Moskau Metro und Minibus. Ein Leibwächter war nie dabei. Für seine Entführer war es ein Leichtes, Iwan ausfindig zu machen und ihm aufzulauern.

"Die Familie Kaspersky hat äußerst viel Glück gehabt", sagte ein namentlich nicht genannter Polizeibeamter der Moskauer Zeitung "Kommersant". "Sie wurde ein Opfer von Amateuren, nicht von professionellen Verbrechern."

Doch ein glückliches Ende ist äußerst selten. Und immer wieder werden neue Fälle publik. Seit mehr als einem Monat wird die 16-jährige Viktoria Tesljuk vermisst, die Tochter eines hochrangigen Managers beim Ölkonzern Lukoil. Die Polizei ermittelt wegen Mordes. (dpa/tc)