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Informationsgesellschaft unter der Lupe

"Nerds regieren die Welt"

17.09.2012
Die Kulturkritik entdeckt den digitalen Alltag.

Dessen Mängel seziert jetzt ein Autor, der selbst im Netz zu Hause ist. In seinem Buch "Die Rache der Nerds" fordert Oliver Bendel eine neue Ethik für den Umgang mit der Technik.

Das T-Shirt zum Buch; erhältlich beim Verlag via Spreadshirt...
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Foto: UVK

Kritik an der Informationsgesellschaft liegt im Trend. Nach der ungestümen Attacke des Ulmer Hirnforschers Manfred Spitzer ("Digitale Demenz") legt jetzt der Schriftsteller und Wissenschaftler Oliver Bendel nach: In seinem Buch "Die Rache der Nerds" zeigt er, wie Software wirtschaftliche Prozesse und Alltagskommunikation verändert, das Leben oft vereinfacht, aber auch einschränkt. Bendel ist Nerd und Anti-Nerd in einer Person, begeistert von den digitalen Möglichkeiten und zugleich darüber erschrocken. Seine Kritik ist fundierter als die des Bestseller-Autors Spitzer und mündet in die Forderung nach einer neuen Informationsethik.

Als Nutzer digitaler Technik sieht uns der Autor als Opfer einer Entwicklung, die uns an vielen Stellen unseres Lebens zuvor verfügbare Wahlfreiheiten genommen hat. Das fängt laut Bendel mit dem Schreiben an, das für die meisten nur noch mit dem Computer möglich ist, nicht mehr mit der Hand. Und es reicht bis zum Cloud Computing, das "wie fast jede Form der IT-Nutzung zu Abhängigkeiten" führe, "die nur schwer wieder zu beseitigen sind".

Grundsätzliche Fragen zum Menschenbild wirft für Bendel das Vordringen der Sozialen Netzwerke auf: "Heute scheint es so zu sein, dass manche mehr an ihrem Profil als an sich selbst arbeiten. Mehr an ihrer Timeline als an ihrem Leben." Er schließt damit an die US-Soziologin Sherry Turkle an, die kürzlich in ihrem Buch "Verloren unter 100 Freunden" beschrieben hat, "wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern". Bendel stellt sich in die Tradition von Joseph Weizenbaum (1923-2008), der als Informatiker immer wieder gemahnt hat, sich nicht zum Sklaven der digitalen Maschinen zu machen.

Der jetzt mit der Klage von Bettina Wulff, der Frau des ehemaligen Bundespräsidenten, ins Blicklicht gerückte Dienst Google Suggest wird von Bendel als Beispiel für Automatismen und Manipulationen angeführt. Es fehle jede Transparenz, nach welchen Verfahren die beim Eintippen eines Suchbegriffs angezeigten Vorschläge zustande kämen. Und es werde "ständig etwas an der Suchmaschine verändert, und die Millionen Benutzer sind die Versuchskaninchen, die auf der Seite herumhoppeln und die Möhren fressen".

Oliver Bendel ist selbst als Blogger aktiv, hat Handy-Romane geschrieben und bringt "der elektronischen Literatur viel Sympathie entgegen". Sein Buch ist voll mit QR-Codes, die mit dem Smartphone fotografiert werden wollen und dann zu vertiefenden Inhalte im Internet führen. Zugleich aber klagt er darüber, dass unsere Kommunikation zunehmend von Maschinen übernommen werde und kritisiert den "Verlust von Sprache und Stringenz", der mit der Technisierung der Lebenswelt einhergehe.

"Die Nerds sind nicht nur aus ihren Kellern gekrochen, sie haben sich nicht nur in den Büros breitgemacht, sondern sie beherrschen die Welt", meint der in der Schweiz lebende 44-Jährige. Bendel will das Rad nicht zurückdrehen, fordert aber eine grundlegende Veränderung der Informatik. Die Informationsethik müsse zu einem Pflichtfach für alle Studiengänge in Information, Kommunikations- und Medientechnik werden. Dieses Fach unterrichtet der Autor selbst, an der Hochschule für Wirtschaft in Basel, Olten und Brugg. (dpa/tc)