Nearshore-Dorado Hannover

01.03.2007
Von Lena Rosenthal 
Nearshore-Anbieter aus Russland, Rumänien, Bulgarien und Ungarn zeigen auf der CeBIT, was ihre Spezialisten für deutsche Anwender tun können.

Das Interesse am Auslagern von IT-Diensten in Niedriglohnländer ist weiterhin groß. Wegen des Kostendrucks entschließen sich viele deutsche Unternehmen, IT-Dienstleistungen im Ausland einzukaufen. Anbieter aus so genannten Nearshore-Ländern (Polen, Ungarn, Rumänien, Russland etc.) bieten deutschen Kunden vielfältige Services vom Systemdesign bis zur Wartung von Anwendungen. Von Vorteil sind im Gegensatz zu Offshore-Ländern wie Indien oder China die geografische und kulturelle Nähe. Die Preise der osteuropäischen Anbieter liegen weit unter denen deutscher IT-Unternehmen. Im Schnitt lassen sich durch Auslagerung ins Ausland 20 Prozent der Kosten sparen.

Hier lesen Sie ...

welche Nearshore-Länder sich auf der CeBIT präsentieren;

was das CeBIT-Partnerland Russland zeigen wird;

welche Dienste die Nearshore-Provider betreiben.

Partnerland Russland

Mehr Informationen zu den deutsch-russischen Veranstaltungen auf der CeBIT, wie dem Deutsch-Russischen IT-Gipfel am 15. März, bekommen Sie unter www.bitkom.org/russia. Der Stand des IT-Verbands Bitkom steht in Halle 1, Stand A45. Den Stand des Unternehmens Reksoft finden Sie in Halle 8, Stand B22.

Nearshore-Länder auf der CeBIT

Weißrussland, Bulgarien, Polen, Rumänien, Russland, Tschechien, Ukraine und Ungarn sind auf der CeBIT vertreten. Für erste Informationen zu einzelnen Ländern und Ausstellern lohnt ein Besuch der Homepage www.cebit.de. Dort findet sich ein detailliertes Aussteller- und Produktverzeichnis. Einzelne Länder stellen sich auch auf Gemeinschaftsständen vor.

Weißrussland: Gemeinschaftsstand Halle 6, Stand J54;

Bulgarien: Bulgarian ICT Cluster, Halle 5, Stand D63;

Rumänien: Gemeinschaftsstand Halle 8, Stand C04;

Russland: Gemeinschaftsstand Halle 8, Stand B10;

Tschechische Republik: Gemeinschaftsstand Halle 8, Stand C03;

Ukraine: State Department of Communication, Halle 6, Stand C35.

Ein weiterer Grund spricht für die Auslagerung ins Ausland. "In Deutschland gibt es ein IT-Ressourcen Problem", sagt Rüdiger Zastrow, Managing Consultant der internationalen Unternehmensberatung PA Consulting Group, der den Bereich Sourcing in Deutschland leitet. "Während das Kompetenzniveau hier sinkt, werden die IT-Systeme immer komplexer."

Reicher Spezialisten-Pool

Auch die Befragung von mehr als 570 Kunden und Dienstleistern, deren Ergebnisse im Offshoring-Report 2005 des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) und der Deutsche-Bank-Tochter DB Research veröffentlicht wurden, ergab, dass neben den Kostenvorteilen noch weitere Gründe für eine Auslagerung von IT-Leistungen sprechen: "Wenn etwa die erforderlichen Fachkräfte im Heimatland nicht zu finden sind, kann die Produktion in Länder verlegt werden, die reichlich über die jeweiligen Experten verfügen", heißt es in der Studie. Der Umfrage zufolge streben die Unternehmen zudem eine Flexibilität und die Konzentration auf das Kerngeschäft an.

Partnersuche auf der CeBIT

Die Vorteile liegen also auf der Hand. Trotzdem ist es für viele deutsche Unternehmen oft schwierig, den richtigen Outsourcing-Partner im Ausland zu finden. Die CeBIT bietet dieses Jahr wieder die Möglichkeit, Anbieter kennen zu lernen. "Innerhalb des Bereichs Business Processes (Hallen 1, 3-8), in dem ein breites Spektrum an Software und Services abgebildet wird, kommt der Thematik Outsourcing-Services ein besonderer Fokus zu", sagt Simona Erdmann, Projektleitung Outsourcing Services der CeBIT. In Halle 8 wurde ein eigener Ausstellungsbereich für Outsourcing-Dienstleistungen mit begleitenden Veranstaltungen wie dem Outsourcing Solutions Forum und einem so genannten Outsourcing-Matchmaking eingerichtet. "Das in drei Bereiche gegliederte Marktplatz-Konzept ist auf die Bedürfnisse unserer Zielgruppe von Service-Providern, Beratungsunternehmen und Anwaltskanzleien abgestimmt", sagt Erdmann.

Steigendes Nearshore-Interesse

Die Möglichkeit, sich zu präsentieren, ist auch für die ausländischen Firmen wichtig, denn der Markt befindet sich in vielen Ländern im Wandel. "Der IT-Nearshore-Markt besteht noch aus einer Vielzahl von kleinen Firmen mit einer Mitarbeiterzahl von zehn bis 100", schildert Zastrow. "Inzwischen beobachten wir eine Konsolidierung: Kleine Betriebe schließen sich zusammen, Unternehmen aus Ländern wie Weißrussland oder Rumänien treten verstärkt im Markt auf, während das Preisniveau in EU-Ländern wie Polen und Tschechien steigt. Zunehmend kaufen auch Nearshore-Provider selbst IT-Leistungen von Betrieben aus Offshore-Ländern."

Die Veränderungen auf dem umkämpften IT-Markt führen vor allem zu weiteren Kostenvorteilen für deutsche Anwender. Hiesige Unternehmen lagern derzeit bevorzugt in Länder wie Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn aus. Das bestätigt auch Erdmann mit Verweis auf die Zahl der CeBIT-Aussteller: "Speziell die Nachfrager haben zunehmend Interesse an Partnern aus Polen und Tschechien. Wesentliche Faktoren aus Kundensicht sind sprachliche beziehungsweise kulturelle Affinitäten und eine relative geografische Nähe." Für Zastrow ist diese Präferenz unbegründet: "Auch in anderen Ländern gibt es zahlreiche Provider, die zu günstigen Preisen sehr gute Qualität bieten."

Um die Vorteile nutzen zu können, müssen sich Anwender auf dem Markt zurechtfinden. Und das ist nicht immer einfach, bestätigt Mathias Weber, Bereichsleiter IT Services beim Bitkom: "Besonders in Russland gibt es sehr viele Unternehmen, die sich aus dem Militärwesen, wissenschaftlichen Instituten oder aus dem Bereich Luft- und Raumfahrt entwickelt haben. Diese Unternehmen sind deutschen Auftraggebern so gut wie unbekannt." Laut Weber beschäftigen sie hoch qualifizierte Spezialisten für Aufgaben, bei denen insbesondere mathematische Kenntnisse gefragt sind, wie beispielsweise im Bereich der computergesteuerten Fertigung. Damit könnten russische Anbieter für viele deutsche Unternehmen interessant sein. Doch hiesige Anwender vermuten solche Hightech-Dienstleistungen nicht in Russland, oder sie lassen sich von der mangelnden Markttransparenz abschrecken."

Russland präsentiert sich

Russland ist als Partnerland des Bitkom dieses Jahr mit mehr als 90 Ausstellern stark vertreten. Das Softwareunternehmen Reksoft präsentiert sich beispielsweise auf der CeBIT gleich zweimal: zum einen auf dem Stand des russischen IT-Verbandes Russoft, zum anderen am eigenen Stand in der Halle 8. "Wegen des hohen politischen Interesses an Russland in diesem Jahr haben wir uns besonders vorbereitet. Wir werden geplante Geschäfte abwickeln, freuen uns aber auch über spontane Gespräche mit potenziellen Kunden", schildert Reksoft-Geschäftsführer Alexander Egorov die Erwartungen. Sein Unternehmen bietet Services zur Applikationsentwicklung und -wartung. Mit Aufträgen aus der TK-Branche erzielt das Unternehmen 40 Prozent des Umsatzes. Zu den Kunden zählt auch der größte deutsche IT-Dienstleiter T-Systems.

Gute Sprachkenntnisse

Seit einigen Jahren bemüht sich Reksoft verstärkt um den deutschen Markt, im vergangenen Jahr konnte der russische Anbieter bereits 24 Prozent der Einnahmen mit hiesigen Kunden erzielen. Dabei hilft auch, dass Geschäftsführer Egorov und andere Mitarbeiter fließend Deutsch sprechen. "Russische Unternehmen kommen auch deshalb besser ins Geschäft, weil sie sich auf die Spezifika des deutschen Marktes eingestellt und ihre Deutsch-Kenntnisse aufpoliert haben. Einige der größeren Provider sind mittlerweile durch Tochterunternehmen oder Partner direkt hier vertreten. Das macht Geschäftskontakte für einheimische Kunden einfacher", bestätigt Weber.

Allerdings müssten sich auch die deutschen Kunden besser auf ein Outsourcing vorbereiten, so Zastrow. In der gerade veröffentlichten Studie der PA Consulting Group "Zurück zur Realität" zeige sich, dass Erwartungen von Kunden und Providern häufig noch weit auseinanderliegen: "Unzufriedenheit entsteht dann, wenn der Kunde sich ungenügend auf das Outsourcing vorbereitet hat", sagt Zastrow. "Der Anwender muss wissen, welchen Service er auslagern will, und dafür einen detaillierten Business Case ausarbeiten, in dem auch die erwarteten Kostenersparnisse beziffert werden", empfiehlt Zastrow. Außerdem sei es wichtig, zu überprüfen, ob die Organisation eine Auslagerung von Leistungen erlaubt. Auf dieser Grundlage müsse ein Provider gesucht werden, der die erwarteten Services erbringen kann.

Reksoft-Chef Egorov sieht das ähnlich: "Das Wichtigste ist natürlich der politische Wille des Managements. Außerdem ist eine gewisse Toleranz gegenüber ersten Ergebnissen erforderlich, denn es handelt sich meist um komplexe Aufgaben, die einer gewissen Reifezeit bedürfen." Insbesondere in Deutschland sei die IT-Verwaltung häufig nicht gut aufgestellt. Hier müsse Reksoft als Lieferant oft viel Vorarbeit leisten.

Zudem spielen Projektgröße und -laufzeit eine wichtige Rolle. Um die Kostenvorteile zu nutzen und die Startinvestitionen für die Vorbereitung zu rechtfertigen, sollte "das geschnürte Paket eine Mindestgröße von mehreren 100 000 Euro bis zu einer Million Euro und eine Laufzeit von mindestens drei Jahren haben", so Zastrow. Der russische Dienstleister Reksoft hält Projekte ab einer halben Million Euro Umsatz für geeignet, um Spareffekte zu erzielen: "In Pilotprojekten steigen wir natürlich auch schon bei kleinerem Umfang ein", schränkt Egorov ein. Er glaubt, dass die Nische unter 300 000 Euro in Zukunft von ost-deutschen Firmen oder Partnern aus EU-Ländern besetzt werde. In dieser Größenordnung spielt der Preis im Vergleich zur Qualität der Kommunikation und der geopolitischen Nähe in der Regel eine untergeordnete Rolle."

Geografische Nähe

Allerdings ist sich Egorov sicher, dass Kostenvorteile nicht der einzige Grund für die Wahl eines russischen Partners sind: "Wenn es nur um billige Arbeitskräfte ginge, könnten unsere deutschen Kunden auch auf Ressourcen in Indien zurückgreifen." Gegenüber dem Hauptkonkurrenten Indien sei bei komplizierten Projekten vor allem die geografische und kulturelle Nähe ein Wettbewerbsvorteil: "Wir bieten eine bessere Kommunikation bei der Projektentwicklung." (jha)