MySQL will professioneller werden

Schulze ist freier Autor der Website CIO.de und dem CIO-Magazin.
Die MySQL AB intensiviert erneut ihre Anstrengungen, die Open-Source-Datenbank für geschäftskritische Anwendungen zu positionieren. Mit Kaj Arnö, Vice President bei MySQL, sprach Jan Schulze.

CW: MySQL scheint den Markt für unternehmenskritisch eingesetzte Datenbankanwendungen deutlich aggressiver anzugehen als in der Vergangenheit. Ihr neues Serviceangebot "MySQL Enterprise Unlimited" zielt klar auf große Unternehmen, mit "NitroEDB" bauen Sie eine weitere transaktionsorientierte Speicher-Engine in die Datenbank ein.

"All you can eat"

Kürzlich hat MySQL unter dem Motto "All you can eat" die unternehmensweite Jahreslizenz "MySQL Enterprise Unlimited" vorgestellt. Sie ist für große, expandierende Unternehmen gedacht und wird zum Preis von 32 000 Euro angeboten. Zielgruppe sind insbesondere Anwender, die bereits Oracle, Microsoft SQL Server, Sybase oder IBM DB2 firmenweit installiert haben. Mit dieser unbegrenzten Lizenz kann ein Unternehmen eine beliebige Anzahl von MySQL-Datenbank-Anwendungen entwickeln, einsetzen und voll unterstützen.

Das Angebot umfasst die aktuellste Version des MySQL Enterprise Servers inklusive monatlicher Software-Updates, den MySQL-Network-Monitor- und Advisor-Dienst zur kontinuierlichen Überwachung des Datenbankbetriebs sowie den Support (24 Stunden, sieben Tage die Woche) für die Produktivsysteme. Alle Kunden von MySQL Enterprise haben auch Zugriff auf die MySQL Wissensdatenbank.

ARNÖ: MySQL Enterprise Unlimited ist auf jeden Fall ein Angebot an große Unternehmen. Wir haben in der Vergangenheit im Bereich der professionellen Anwender zu wenig Engagement gezeigt. Daher hatten wir einige Zeit Akzeptanzprobleme in diesem Markt. Mit MySQL Network haben wir hier schon deutlich aufgeholt und zum Beispiel Supportleistungen angeboten, die den Bedarf der meisten Anwenderunternehmen abdecken. Mit MySQL Enterprise Unlimited machen wir hier einfach den nächsten logischen Schritt und erweitern unsere Services.

Die fortschreitende Professionalisierung spiegelt sich auch in der Produktentwicklung wieder. Unsere Cluster-Lösungen werden ständig weiterentwickelt. Und durch Replikation und Table-Partitioning stellen wir eine hohe Skalierbarkeit mit Mitteln bereit, die jeder Administrator in den Griff bekommt. Auch beim Thema Transaktionen bleiben wir nicht stehen: Mit NitroEDB und mit der Falcon-Engine wollen wir Alternativen zu unserer aktuellen transaktionsorientierten Speicher-Engine InnoDB bereitstellen.

CW: Nun hat es ja für einigen Wirbel gesorgt, als Oracle in den Besitz der InnoDB gekommen ist. Wird InnoDB aus MySQL verschwinden?

Kaj Arnö, MySQL-Verantwortlicher für Open Source Community Relations.
Kaj Arnö, MySQL-Verantwortlicher für Open Source Community Relations.
Foto: Kaj Arnö

ARNÖ: Nein, das ist nicht geplant. Warum sollten wir InnoDB nicht weiter nutzen? Es ist eine gute Speicher-Engine. Uns geht es vielmehr darum, Alternativen anzubieten, die auf neue Anforderungen spezialisiert sind. InnoDB ist inzwischen etwas in die Jahre gekommen. Sie ist sehr stabil, aber nicht mehr in allen heutigen Einsatzgebieten optimal. So ist NitroEDB zum Beispiel bei Select-Abfragen in Data-Warehouse-Umgebungen äußerst schnell. Falcon hingegen verfügt über ein ausgezeichnetes Speicher-Management und ist bei parallelen Transaktionen sehr stark. Doch sowohl NitroEDB als auch Falcon sind noch in der Alpha-Phase. Es wird also noch einige Zeit dauern, bis beide Engines in die stabile MySQL-Version aufgenommen werden.

CW: Falcon wird ein Bestandteil von MySQL sein und sollte somit der GNU GPL unterliegen. Wie ist NitroEDB lizenziert?

ARNÖ: In der Tat steht Falcon unter der Open-Source-Lizenz GPL. NitroEDB gehört der Firma Nitro Security, mit der wir zusammenarbeiten. NitroEDB steht nicht unter der GPL. Das ist aus meiner Sicht etwas bedauerlich, da wir deswegen noch nicht sicher sagen können, ob NitroEDB auch in die freie Community-Edition unserer Datenbank übernommen werden kann. Eventuell wird diese Speicher-Engine der kommerziell lizenzierten MySQL-Version vorbehalten sein.

CW: Beim Thema GPL hat MySQL vor kurzem indirekt in die schwelende Diskussion über Sinn und Unsinn der geplanten Version 3 der GNU GPL eingegriffen. Bislang wurde Ihre Software unter "GPL Version 2 oder später" lizenziert, nun lautet der Text seit kurzem "GPL Version 2 only". Was waren die Gründe dafür?

ARNÖ: Eigentlich wollten wir uns aus der teilweise recht heftig geführten Diskussion heraushalten. Zunächst sind wir der Meinung, dass die GPL 3 einige wichtige Themen aufnimmt, die vor über zehn Jahren, als die GPL 2 formuliert wurde, noch gar nicht absehbar waren. So ist es nicht prinzipiell falsch, dass GPL 3 sich zum Beispiel mit Softwarepatenten befasst. Doch es liegt nicht an den Inhalten der GPL 3, dass wir uns gegen den Automatismus von "GPL 2 oder später" entschieden haben. Es ist einfach so, dass die zweite Version der GPL die am weitesten verbreitete und allgemein akzeptierte Open-Source-Lizenz ist. Allein aus diesem Grund wollen wir bei der kommenden GPL-Version kein Vorreiter sein. Unser Kerngeschäft sind nicht Lizenztexte, sondern Datenbanken. Wenn GPL 3 eingeführt und allgemein akzeptiert ist, werden wir uns den Wechsel überlegen. Wir folgen in diesem Punkt einfach der Mehrheit der Community.

Kein Zeitplan für Börsengang

Vor kurzem sorgte MySQL-CEO Mårten Mickos für Schlagzeilen, als er den Börsengang des Unternehmens ankündigte. Einen konkreten Termin gibt es allerdings noch nicht, wie Kaj Arnö jetzt bestätigte. Aus den Going-Public-Ambitionen habe man nie einen Hehl gemacht, wann es jedoch so weit sein wird, sei noch völlig offen, so Arnö. MySQL betrachte den Börsengang als nächsten logischen Schritt, um zum Beispiel potenzielle Kunden, die dem Anbieter bislang eher skeptisch gegenüberstanden, von den Leistungen zu überzeugen. Außerdem würden mit diesem Schritt die finanziellen Mittel für Akquisitionen und nennenswerte Investitionen in die Kasse kommen.

Ein Risiko, dass Aktionäre und Analysten MySQL dann in die falsche Richtung treiben könnten, sieht Arnö nicht. Man verfolge seit zwölf Jahren eine klar festgelegte Strategie, an der auch im Fall eines Börsengangs festgehalten werde. Aktien würden ohnehin nur diejenigen kaufen, die an diese Strategie glauben.

CW: Generell ist es innerhalb der Open-Source-Community sehr umstritten, ob die Kommerzialisierung der Anbieter gut oder schlecht ist. Einige Open-Source-Unternehmen waren deshalb in der jüngsten Vergangenheit heftiger Kritik ausgesetzt. Wie reagiert die MySQL-Community auf Ihre Bestrebungen?

ARNÖ: Klar ist, dass Open Source und die Community für MySQL sehr wichtige Eckpunkte sind. Nehmen wir zum Beispiel die Kontrolle des Codes: Da unser Quellcode offen liegt, nutzen auch viele Anwender die Möglichkeit, ihn zu prüfen. Bei Fehlern erhalten wir schnell ein Feedback. Das Ergebnis ist unter anderem, dass MySQL laut den Marktforschern von Evans Data Corporation nur halb so oft Sicherheitslücken zeigt wie andere Datenbank-Management-Systeme.

In unserer Community gibt es relativ wenig Hardliner, die jede Form kommerzieller Software ablehnen. Die Mehrheit unterstützt unsere Richtung. Umgekehrt fließen ja auch viele hochwertige Techniken in die Open-Source-Community zurück. Natürlich kommt es immer wieder vor, dass die Community unsere Entscheidungen nicht mit Lob zur Kenntnis nimmt. Die aktiven Mitglieder der MySQL-Community suchen dann zum Glück den direkten Kontakt zu uns. Aus meiner Erfahrung beruht die meiste Kritik allerdings nicht darauf, dass wir etwas Schlechtes gemacht hätten. Oft haben wir es nur missverständlich formuliert und können durch den direkten Austausch die Befürchtungen der Community aus der Welt schaffen. (ue)