Mittelstand garantiert Abwechslung

Ina Hönicke ist freie Journalistin in München.
Kostendruck, Produktinnovationen und Internationalisierung verlangen kreative IT-Lösungen von Mitarbeitern in mittelständischen Unternehmen.

Dass in der IT-Welt neue Jobs entstehen, ist nicht den großen, sondern den mittelständischen Unternehmen zu verdanken. "Der Mittelstand hat es geschafft, die Arbeitsplatzverluste der Konzerne zu kompensieren. Das lässt für die Zukunft hoffen", so die positive Einschätzung des Bitkom-Präsidenten Willi Berchtold. Dass die mittelständischen Unternehmen bei den Hochschulabgängern und IT-Profis dennoch nicht die verdiente Wertschätzung genießen, liegt nach Meinung von Arbeitsmarktexperten an der mangelnden Präsenz dieser Firmen in der Öffentlichkeit.

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Werbung für den Mittelstand

Um mittelständische Unternehmen präsenter zu machen, organisiert Compamedia aus Überlingen seit vier Jahren Wettbewerbe. So wird unter anderem die Auszeichnung "Top Job" an Arbeitgeber verliehen, die "hervorragende Arbeit im Personalbereich" leisten. "Diese Wettbewerbe sollen den mittelständischen Unternehmen helfen, aus dem Schatten der Konzerne zu treten", erklärt Silke Masurat von Compamedia. Die Teilnehmer sollen lernen, ihr Personal-Management zu verbessern, um an hoch qualifizierte Fachleute heranzukommen und diese dann ans Unternehmen binden zu können. Während des Wettbewerbs erhalten die Unternehmen zu den einzelnen Themen ein Feedback. Mit der Auszeichnung "Top Job" werden diejenigen "belohnt", die über ein besonders gutes Personal-Management verfügen. Im vergangenen Jahr haben von den 125 Unternehmen, die sich beworben haben, 57 die Auszeichnung erhalten.

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543558: Personalarbeit im Mittelstand;

543558: Vergütung im Mittelstand;

543558: Karrierechancen bei kleinen Unternehmen.

Dieter Frey, Psychologieprofessor an der Universität München, kommentiert ironisch: "Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter ...." Außerdem: "Wer weiß denn schon, welche Tätigkeiten Computerfachleute in mittelständischen Unternehmen ausüben?" Das Dilemma sei die Vielfalt an IT-Jobs. Schließlich gebe es Mittelständler mit weniger als 100 oder auch mit 2000 Mitarbeitern. Frey: "Vom einfachen User-Support über Call-Center-Arbeit, SAP-Umstieg bis hin zur Programmierung und internationalen Projekten sind so ziemlich alle Tätigkeiten vertreten."

Der Münchner Professor und Wirtschaftsexperte glaubt, dass es bei der Entscheidung für einen Job in einem mittelständischen Unternehmen gar nicht so sehr um die Tätigkeit an sich geht: "Da spielen ganz andere Dinge eine Rolle. Wer sich bewusst für eine kleine Firma entscheidet, sucht zwar Professionalität, aber weniger den großen Druck, ist zwar reisefreudig, will aber nicht täglich um die Welt fliegen." Die Computerexperten, für die Work-Life-Balance eine wichtige Rolle spiele, würden sich oft für einen Arbeitgeber mittlerer Größe entscheiden.

Langfristige Firmenpolitik

Bei der Phoenix Contact GmbH in Blomberg, Marktführer in der industriellen Verbindungstechnik, Automatisierungstechnik sowie elektronischen Interface-Systemen, sind genug IT-Jobs zu finden. Geschäftsführer Gunther Olesch: "Gerade haben wir einen E-Business-Projektleiter, einen Web-Entwickler sowie einen Video Editor eingestellt." Unter anderem läuft bei Phoenix deutschlandweit die größte Gesamtinstallation von SAP-Software auf Linux.

In der E-Business-Welt mit all ihren komplexen Web-Applikationen beherrschen die IT-Profis laut Olesch den Umgang mit Java, Eclipse, XML und vielen weiteren notwendigen Werkzeugen. International hat das Unternehmen ebenfalls seine Fühler ausgestreckt. Dazu gehört die Einführung von CAD-Systemen in den USA, China und Indien. Der Geschäftsführer: "Voraussetzung ist die enge Abstimmung mit den IT-Kollegen und Fachbereichen vor Ort. Dafür passen wir das Training, das wir in Blomberg anbieten, den landesspezifischen Erfordernissen an." IT-Mitarbeiter mit beruflichen Ambitionen bietet Phoenix Contact Fach- oder Führungslaufbahnen an. Eine IT-spezielle-Führungslaufbahn sei dagegen nicht vorgesehen.

Olesch ist überzeugt, dass mittelständische Unternehmen für die Beschäftigten große Vorteile aufweisen. Während Aktiengesellschaften vorrangig Gewinnmaximierung anstrebten, wollten Privatunternehmen mit Hilfe ihrer Gewinne Innovationen finanzieren, neue Märkte erschließen, sich Nischen suchen und dauerhaft wachsen. Olesch: "Der Unterschied ist unser langfristiges Denken, das für die Mitarbeiter Arbeitsplatzsicherheit bedeutet."

Der Chef schaltet das Licht aus

Auf die Frage, warum sich diese Vorteile bei potenziellen Bewerbern noch nicht herumgesprochen haben, hat Olesch eine Antwort parat: "Das liegt häufig am Understatement." Die Inhaber von privat geführten oder mittelständischen Unternehmen würden oftmals bescheidener handeln, ernsthafter denken und sich mit dem Unternehmen stärker identifizieren. "Oder", fragt der Geschäftsführer, "kann man sich den Vorstandsvorsitzenden eines Konzerns vorstellen, der abends durch die Räume geht und das Licht ausschaltet?" Olesch fürchtet indes, dass der Mittelstand sich mit seiner Zurückhaltung keinen Gefallen tut: "Wenn kleinere und mittlere Betriebe nicht umdenken und intensiv Personal-Marketing betreiben, werden sie künftig bei der Rekrutierung qualifizierter Mitarbeiter große Probleme bekommen."

Generalisten in kleinen Teams

Bei der Krefelder Fressnapf Tiernahrungs GmbH muss ein relativ kleines Team die gesamten IT-Dienstleistungen erbringen. IT-Ressortleiter Bernd Hilgenberg: "Während größere IT-Abteilungen durch eine eher differenzierte Aufteilung der Verantwortlichkeiten geprägt sind, ist bei uns jeder IT-Spezialist für mehrere Themen verantwortlich." So gebe es beispielsweise keine Mitarbeiter, die nur für den Anwendersupport zuständig seien. Hilgenberg: "Je nach Fähigkeit und Ausbildung schulen die Supportbeschäftigten die Anwender, reparieren Hardware oder fahren in die Einkaufsmärkte, um Systeme vor Ort zu installieren."

Internationale Projekte

Durch diese Multifunktionalität werde jedem Mitarbeiter die Möglichkeit geboten, auf unterschiedlichen Gebieten dazuzulernen. Der Krefelder IT-Ressortleiter: "Flache Hierarchien und kleine Teams verlangen von jedem Beschäftigten viel Verantwortungsbereitschaft. Statt Hierarchiestufen zu erklimmen, haben unsere Leute die Chance, sich im Rahmen von Projekten weiterzuentwickeln."

Die internationale Ausrichtung der Fressnapf-IT stellt zusätzliche Anforderungen an das Team. Interkulturelles Projekt-Management, das Führen von virtuellen Teams und die Überwindung von Sprachbarrieren sind laut Hilgenberg nur einige der täglichen Anforderungen: "Die IT-Mitarbeiter sind dadurch motiviert und mit viel Spaß bei der Sache."

Internationalität spielt auch bei der Dorma GmbH & Co KG, Ennepetal, einem Hersteller von Türsicherungssystemen, eine große Rolle. IT-Chef Siegfried Lauer: "In Deutschland sitzt die IT-Schaltzentrale, die alle 65 Töchter in 44 Ländern versorgt." Im IT-Headquarter sind nahezu 60 Computerfachleute beschäftigt. Während sich die SAP-Experten um die guten Beziehungen zu den gesamten Tochtergesellschaften kümmern, entwickeln die so genannten Frontend-Leute aus dem E-Business Shop-Lösungen für Kunden im Internet.

Eine große Rolle spielt die Qualifizierung der Mitarbeiter. Dass es in dem mittelständischen Unternehmen so gut wie kein Jobhopping gibt, erzählen die Verantwortlichen nicht ohne Stolz. So kämen in einigen Bereichen durchaus 40- bis 50-jährige Dienstzeiten vor. Der IT-Verantwortliche: "Die Herausforderung besteht bei uns in der persönlichen Entwicklung im jeweiligen Projekt und im internationalen Einsatz - weniger im vertikalen, steilen Aufstieg nach oben."

Verborgene Marktführer

Dem Thema Personalentwicklung wird bei Dorma ebenfalls große Bedeutung beigemessen. Mitarbeiter werden laut dem IT-Chef gezielt zu Projekt-Managern ausgebildet und zertifiziert. Lauer: "Das Dilemma ist doch - wer traut mittelständischen Unternehmen eigentlich zu, dass sie beste Karrierechancen sowie internationale Projekte anbieten? Auch wir waren lange ein verborgener Champion und haben die Öffentlichkeitsarbeit erst seit einigen Jahren deutlich intensiviert." Umso stolzer ist er, dass sich immer mehr Interessenten aus anderen Bundesländern und auch aus großen Unternehmen bewerben.

Hans-Wolfgang Bracht, Geschäftsführer bei der Digikett Druck- und Laminiertechnik GmbH in Glücksburg, ist ebenfalls überzeugt, dass in seinem kleinen Unternehmen spannende IT-Aufgaben zu lösen sind: "Natürlich bieten die Kleinen nicht gerade das herkömmliche IT-Berufsbild. IT wird in allen Bereichen angewendet - und das tagtäglich." Bei Digikett, das Druck- und Papierveredelung betreibt, gehörten Kenntnisse der Druckmedien und der angewandten Elektronik zum beruflichen Alltag: "Hier muss gleichermaßen geschraubt, gesetzt und programmiert werden." Für Geschäftsführer Bracht ist es wichtig, dass seine Mitarbeiter rasch Verantwortung übernehmen. "Bei uns müssen die Kollegen nicht - wie in großen Unternehmen oft üblich - in völliger Ungewissheit auf ihre Karrierechancen warten. Die Aufstiegschancen sind überschaubar und werden direkt mit dem Chef besprochen." Abteilungsleiterjobs würden nur mit eigenen Leuten besetzt. Voraussetzung sei Einfühlvermögen in Computertechnik. Bracht: "Die Persönlichkeit eines Bewerbers ist wichtiger als Zeugnisse. Fachliche Defizite werden durch interne Qualifizierung beseitigt." Nur auf eine Art fällt der Bewerber bei Digikett ganz sicher durchs Raster - mit einem Diamanten am Ohr.

Warten auf Mister Perfect

Der Online-Shop für Haustiere Zooplus AG in Unterföhring bei München geht keine Kompromisse ein. Technischer Projektleiter Bernhard Slominski: "Die Bewerber müssen hunderprozentig zu uns passen. Wenn jemand auf der persönlichen oder fachlichen Ebene Defizite hat oder irgendwie nicht zu uns passt, stellen wir ihn auch nicht ein. Dann warten wir weiter auf Mister Perfect." Nach den Erfahrungen des Projektleiters haben die Mitarbeiter in mittelständischen Unternehmen häufig mehr Spaß an der Arbeit. Das liegt seiner Meinung nach auch an der Vielseitigkeit der Jobs. Slominski: "In unserem Haus weiß jeder, was der andere macht und wie das Unternehmen insgesamt funktioniert. Wenn ein Softwareentwickler bei uns arbeitet, ist er nicht nur im Web-Design, sondern auch in der Logistik fit. Dieses Know-how wird ihm auch in einem späteren Job weiterhelfen."

"Klassische" Karrierewege - wie sie die Großen anbieten - existieren in dem bayerischen Unternehmen nicht. Slominski: "Wenn Mitarbeiter positiv auffallen, werden sie gefördert. So haben wir zwei IT-Profis zum CTO und Produktionsleiter berufen." In puncto Weiterbildung verlangt Zooplus viel Eigeninitiative. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, einmal pro Jahr an einer externen IT-Qualifizierung teilzunehmen. Unterstützung erhalten die Computerfachleute bei Java- oder Oracle-Zertifizierungen. Besonders stolz ist der Projektleiter auf das gute Betriebsklima und die kollegiale Arbeitsatmosphäre. Damit es auch so bleibt, müssten die Neuen hundertprozentig ins Team passen. Dass die großen Unternehmen ihnen möglicherweise qualifizierte Bewerber wegschnappen könnten, davon hat Slominski noch nichts gemerkt: "Bei der Suche nach erfahrenen IT-Profis erhalten wir zwischen 20 und 30 Bewerbungen. Das reicht, um die ausgeschriebene Stelle mit einem für uns perfekten Mitarbeiter zu besetzen." (hk)