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Misstöne in der Boom-Story - Experten glauben weiter an Indien

14.02.2006
In die Lobeshymnen auf den rasant wachsenden Wirtschaftsstandort Indien haben sich Misstöne gemischt.

SAP-Chef Henning Kagermann kündigte vor kurzem an, der deutsche Softwarekonzern wolle verstärkt in China und Osteuropa investieren und sein Engagement in Indien dafür bremsen. Tatsächlich steigen die Kosten in Indien, die schlechte Infrastruktur wird nur schleppend ausgebaut und bei qualifizierten Mitarbeitern drohen Engpässe. Trotzdem glauben Experten: Indien wird noch jahrelang weltweit erste Wahl sein, wenn es um die Verlagerung von Betriebseinheiten an billigere Standorte - so genanntes Offshoring - geht.

"Indien bleibt mit weitem Abstand der beste Offshore-Standort", heißt es im Ende vergangenen Jahres veröffentlichten Attraktivitäts-Index der Unternehmensberater von A. T. Kearney. Grund ist die Mischung aus geringen Kosten und gut ausgebildeten Fachkräften. "Die Lücke zwischen Indien und dem zweitplatzierten Land, China, ist größer als die Lücke zwischen den darauf folgenden neun Ländern zusammen." Allerdings konstatiert A. T. Kearney auch: "Indiens Vorsprung hat verglichen mit 2004 leicht abgenommen."

Indien liegt im Bereich Kosten an erster und bei "Fähigkeiten und Verfügbarkeit von Menschen" immerhin an dritter Stelle (und damit vor Deutschland) in der Liste. Doch der Outsourcing- und Offshoring-Boom lässt Fachkräfte knapper werden. "Der Pool an Arbeitskräften wird völlig absorbiert", sagt A. T. Kearneys IT-Experte für Indien, Mohit Rana. "Die Firmen wachsen hier, so weit sie können, dann schauen sie sich andere Standorte an." Trotzdem gebe es zu Indien keine echte Alternative. Der Arbeitskräfte-Pool der Länder in Osteuropa sei zu klein. China werde noch Jahre brauchen, um Standards zu erreichen, die Indien schon biete.

Auch bei Tata Consultancy Services (TCS), einer der führenden indischen IT-Firmen mit Entwicklungszentren in inzwischen zwölf Ländern, glaubt man nicht daran, dass der Indien-Boom bald gebremst wird. In schnell wachsenden Märkten wie Indien sei ein Expertenmangel eine normale Erscheinung, sagt ein Konzernsprecher. Das werde allerdings ein "vorübergehender Engpass" sein. An Talenten mangele es nicht, nur müssten sie von den Firmen selber für ihre spezifischen Aufgaben weitergebildet werden.

Der indische Software-Verbandes NASSCOM erwartet, dass in dem am 1. April beginnenden Finanzjahr 2006 die Zahl der Beschäftigten im IT-Bereich (ohne Hardware) von 1,058 Millionen auf 1,287 Millionen wachsen wird. NASSCOM prognostiziert für die Branche inklusive Hardware einen Jahresumsatz von 36,3 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 30,3 Milliarden Euro) - und damit ein Wachstum von knapp 28 Prozent.

Der durch den Boom ausgelöste immer schärfere Wettbewerb der großen Konzerne um die besten Köpfe in Indien geht einher mit zunehmender Fluktuation und steigenden Kosten. Im mittleren Management - wo es besonders an Personal mangelt - sind die Gehälter in den vergangenen zwei Jahren nach NASSCOM-Angaben um jeweils 15 bis 20 Prozent angewachsen. "Indien wird langsam teuer", sagte Kagermann, dessen Firma an ihrem drittgrößten Standort Indien rund 3000 Mitarbeiter beschäftigt.

Allerdings nicht zu teuer, meint NASSCOM-Präsident Kiran Karnik. "Die Kosten sind angestiegen, aber ich denke, dass die Vorteile so groß sind, dass Kosten nur einer der Faktoren sind, den Firmen in Betracht ziehen", sagte er der "Computerworld". Nach den jüngsten vorliegenden NASSCOM-Daten verdiente ein indischer Programmierer 2004 umgerechnet rund 5000 Euro - im Jahr. Verantwortliche Leiter großer Software-Entwicklungsabteilungen kamen demnach auf knapp 50.000 Euro.

"Die Gehälter sind deutlich gestiegen, aber sie liegen lange noch nicht so hoch wie in Deutschland, den USA oder sonstwo", sagt der Chef der Deutsch-Indischen Handelskammer in Bombay, Bernhard Steinrücke. Indien bleibe attraktiv. Führungskäfte seien oft im Ausland ausgebildet worden, sprächen Englisch und dächten in ähnlichen Kategorien wie Europäer. "Lassen Sie sie ruhig ein paar Rupien mehr verdienen, solange das Verständnis und die Psychologie da sind", sagt Steinrücke, "denn das ist Gold wert."

Auch beim weltgrößten Autozulieferer, der Robert Bosch GmbH, sieht man die Spitzenstellung Indiens als Offshore-Standort nicht gefährdet. Die Firma werde dort wie geplant weiter wachsen und einen zweiten Standort neben seinem Entwicklungszentrum in der Hightech-Metropole Bangalore - dem größten nach Deutschland - aufbauen, heißt es aus dem Management in Indien. Steigende Kosten seien kein Problem, solange die Produktivität stimme. Man glaube daher auch nicht, dass andere Firmen dem Beispiel von SAP folgen und ihr Engagement in Indien bremsen würden. (dpa/tc)