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Microsoft will sich im ERP-Geschäft über die Benutzerschnittstelle differenzieren

09.02.2006
Microsoft arbeitet emsig daran, Business-Software zu bauen, die Anwendern wirklich etwas bringt. So zumindest formuliert es James Utzschneider, General Manager Microsoft Dynamics.

Dabei gehe es darum, die Beziehungen zwischen Menschen in einem Unternehmen und den Geschäftsprozessen auf eine neue Ebene zu heben. Bisherige betriebswirtschaftliche Standardsoftware sei in Funktionsgruppen für das Finanzwesen, Kundenbeziehungs-Management und Lieferkettenverwaltung eingeteilt. Die Softwarenutzer benötigten jedoch oft Teilfunktionen aus diesen Bausteinen, um ihren Job zu erledigen, die Interfaces der besagten Software hinderten sie aber daran.

Natürlich will es Microsoft nun anders und vor allem besser machen. Die betriebswirtschaftlichen Anwendungenwie "Dynamics Nav" (vormals Navision) und "Dynamics AX" (vormals Axapta) sollen künftig rollenbasierende Benutzerschnittstellen erhalten. Der Entwicklungsprozess habe bereits begonnen und soll bis 2007 abgeschlossen sein. In dieser Phase - Microsoft spricht von der "ersten Welle" (Wave 1) geht es darum, die Integration mit Office, dem Sharepoint Portal sowie in das künftige Betriebssystem "Vista" an der Benutzerschnittstelle zu vertiefen.

Utzschneider präsentierte Bildschirme, über die beispielsweise ein Sachbearbeiter sehr einfach E-Mails, Kundendaten sowie weitergehende Informationen zu einem Kunden abrufen kann, ohne hierzu die Anwendungsmaske zu verlassen. Der Screen ähnelte dem Interface des Internet Explorer 7; eine Testfassung des neuen Browsers hatte der Konzern unlängst freigegeben.

Die Überarbeitung der User-Interfaces passiert schrittweise. Beispielsweise wird das im Sommer dieses Jahres erscheinende Release 4.0 von Dynamics AX eine an "Office 12" angelehnte Oberfläche aufweisen. Außerdem wird das "Enterprise Portal" durch den "Sharepoint Portal Server" ersetzt.

Im Zentrum des Benutzerschnittstellenkonzepts für die Business-Lösungen von Microsoft stehen Rollen von Mitarbeitern, die man aus gezielten Befragungen von Anwendern in Unternehmen abgeleitet hat. Diese Rollen sollen in den Systemen angelegt werden. Softwarepartner sind dann in der Lage, auf Grundlage dieser Benutzerrollen spezifische Profile für das jeweilige Anwenderunternehmen zu erzeugen.

Neben der besseren Schnittstelle sollen Anwender aber auch stärker als bisher Zugriff auf Geschäftsdatenanalyse erhalten. Business-Intelligence-Funktionen (BI) werden dem ERP-Anwender kontextbezogen zur Verfügung stehen, und zwar sowohl in AX als auch in Nav. Anwender sind nach dieser Lesart nicht mehr nur Manager, die über BI-Tools Vertriebsstatistiken abrufen oder Reports erzeugen, sondern auch Sachbearbeiter. Diese BI-Features stützen sich auf die hauseigene Datenbank SQL Server und deren Analysedienste.

Ein Teil dieser kontextuellen BI-Eigenschaften werden aber auch solchen Navision-Nutzern zur Verfügung stehen, die auf der nativen Datenbank des ERP-Systems arbeiten, erläuterte Mogens Elsberg, General Manager von Dynamics Nav, im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE. Welche genau wird man wohl erst erfahren, wenn Version 5.0 von Dynamics Nav im vierten Quartal 2006 erscheint.

Auffällig ist, dass Microsoft intensiver als bisher Dynamics AX als Alternative zu SAP-Produkten positioniert. Mark Jensen, General Manager Dynamics AX, frohlockt, einige Kunden hätten in ihren Niederlassungen das Microsoft-ERP-Produkt ausgerollt, während in der Zentrale SAPs Business-Lösung laufe. Doch Jensen hofft darüber hinaus auf Firmen, die ihre Oracle- oder SAP-Software gegen Dynamics AX eintauschen.

"Anwender haben SAP im Hauptquartier eingeführt, aber sie scheuen die Kosten einer Implementierung in den Zweigstellen und Töchtern", so Jensen. Etwa 25 Prozent des mit AX erzielten Umsatzes entfällt dem Manager zufolge auf "Hub-and-Spoke"-Szenarien. Die Nabe (Hub) ist dabei das zentrale ERP-System, die Speichen (Spokes) bilden die Installationen von Dynamics AX in den Außenstellen.

Auf die erste Welle (Benutzerkonzept) soll ab 2008 die zweite Entwicklungsphase folgen. Hier geht es darum, die Funktionen der vier ERP-Linien Dynamics AX, Nav, "GP" (vormals Great Plains) und "SL" (vormals Solomon) in eine "Process Library" zu überführen. Aus Prozessbausteinen sollen Anwender mittelfristig Applikationen orchestrieren können. Beispielsweise ließen sich dann Features zur Projektabwicklung aus SL mit den Handelsfunktionen von Nav verbinden.

Im Endausbau soll Microsofts Dynamics-Plattform eine ähnliche Richtung einschlagen wie SAPs "Business Process Platform" oder "Fusion" von Oracle. Dynamics ist die Ausführung der unter dem Namen "Project Green" angedachten Weiterentwicklung der Business-Software, wobei der Hersteller anders vorgeht als ursprünglich gedacht: Statt eines für die Anwender als zu radikal empfundenen Migrationsschrittes auf ein komplett neues Produkt sollen die bestehenden Lösungen weiterentwickelt werden, ohne sie auslaufen zu lassen. (fn)