Microsoft erhebt seine Stimme in der Unternehmenskommunikation

17.10.2007
Mit seinem neuen "Office Communications Server 2007" wildert Microsoft im angestammten Revier von TK- und Netzausrüstern.

Microsoft hat gestern seinen Office Communications Server (OCS) 2007 vorgestellt. OCS läuft auf großen Server-Systemen und erlaubt es Nutzern der Office-Büroanwendungen, Sprachanrufe von ihrem PC aus und in Kombination mit E-Mail, Instant Messaging und anderen Kommunikationsformen zu verwalten. Ausgestattet mit einem Headset kann man etwa durch Klick auf einen Namen in einer Adressliste ein Telefonat starten. Das ist aber bei weitem nicht alles - zu einer Telefonkonferenz lassen sich beispielsweise Teilnehmer hinzuschalten, indem man ihre Namen per Drag and Drop hineinzieht.

Derartige Möglichkeiten, von Microsoft (und anderen) als "Unified Communications" bezeichnet, werden laut Firmengründer und Chairman Bill Gates "genauso umwälzend sei wie der Wechsel von Schreibmaschinen zu Textverarbeitungsprogrammen".

Ein Screenshot aus Office Communicator 2007.
Ein Screenshot aus Office Communicator 2007.

Neben der Server-Komponente bietet Microsoft auch die passende Client-Software "Office Communicator 2007" und eine neue Version seiner Videokonferenzsoftware "Office Live Meeting" an. Dazu gesellt sich noch die 3000-Dollar-Hardware "Roundtable", die Teilnehmer eine Videokonferenz an einem Tisch in 360-Grad-Rundumsicht aufnimmt.

Telefone in Unternehmen und die dahinterliegenden Anlagen werden seit langem von Ausrüstern geliefert, die von Microsofts Brot- und Buttergeschäft mit PC-Software Welten trennen. Mit dem Vordringen von Internet-Technik in die Telekommunikation ergibt sich allerdings eine Chance, die Sprachtelefonie gleich mit über das Werkzeug zu erledigen, mit dem man auf das Internet zugreift - den PC. Als weltgrößter Anbieter von PC-Software will Microsoft diesen sich entwickelnden Markt für sich besetzen.

Die neue Microsoft-Software ist umstritten, weil sie die traditionellen Barrieren zwischen dem PC-Softwaregeschäft und den TK-Ausrüstern einreißt, die seit langem das lukrative Geschäft mit Telefonen und Telefonanlagen (PBX, Private Branch Exchange) für die Unternehmenstelefonie kontrollieren.

Ein Highend-IP-Telefon von LG Nortel.
Ein Highend-IP-Telefon von LG Nortel.
Foto: LG-Nortel

Microsoft versucht deswegen, diese Hersteller als Partner mit ins Boot zu nehmen. So werden nun unter anderem Ericsson und der kanadische Ausrüster Mitel Networks Produkte anbieten, die auf OCS zugeschnitten sind. Die beiden gesellen sich zu Nortel Networks hinzu, dass bereits im vergangenen Jahr eine Entwicklungskooperation mit Microsoft angekündigt hatte.

Es gibt aber trotzdem große Herausforderungen. Der Netz-Branchenprimus Cisco Systems beispielsweise bietet seine eigenen Unified-Communications-Produkte an und konnte stetig neue Kunden für seine Geräte für Sprachkommunikation gewinnen, die die Grundlage für höherwertige Telefonie-Software bilden.

Microsoft muss außerdem potenzielle Käufer seiner Lösung davon überzeugen, dass seine Produkte für den geschäftlichen Einsatz zuverlässig genug sind. Traditionelle TK-Ausrüstung ist teurer als Microsofts Offerten, aber stabil; Unternehmen haben wenig Verständnis für abgebrochene oder verpasste Anrufe und Voice-Mail-Nachrichten.

Outlook zeigt Präsenz - man sieht sofort, wer greifbar ist.
Outlook zeigt Präsenz - man sieht sofort, wer greifbar ist.

Dem "Wall Street Journal" gegenüber erklärte beispielsweise Larry Dusanic, Operations Director for Information Technology bei der Employers Insurance Group in Smithfield, North Carolina, er werde die Microsoft Produkte nicht einsetzen, bevor er sich nicht ganz sicher sein könne, dass sie zuverlässig laufe und keine Gespräche abbreche. "Ich würde gern ein paar weitere Versionen abwarten, bevor ich ernsthaft ein komplettes System implementiere", so Dusanic. "Ich möchte warten, bis das ausgereift ist."

Microsoft hat den OCS so entwickelt, dass er mit anderen, bereits weit verbreiteten Produkten wie dem Messaging- und Groupware-Server Exchange zusammenspielt. Bestandskunden aus Microsoft-Shops werden vermutlich als erste mit OCS und verwandter Voice-Software experimentieren.

Laut Jeff Raikes, President der Business-Sparte von Microsoft, müssen Unternehmen mit Volumenlizenzen rund 55 Dollar pro PC einkalkulieren, um ihre Rechner mit den Sprachfunktionen von OCS und dessen verwandten Produkten nachzurüsten. (tc)