Citizen Development bei der Hannover Rück

Kurze Zyklen und geringe Entwicklungkosten

Daniela Hoffmann ist freie IT-Fachjournalistin in Berlin.
Wenn Mitarbeiter in den Fachabteilungen selbst Anwendungen entwickeln, reagieren viele Manager und CIOs nervös. Das Beispiel der Rückversicherungsgesellschaft Hannover Rück zeigt jedoch, wie sowohl die Fachabteilung als auch die IT von einem "Citizen Development" mit klar abgestimmten Verantwortlichkeiten profitieren können.

Die Anfänge des Citizen Development bei der Hannover Rück reichen fast 15 Jahre zurück und kommen aus dem Fachbereich der fakultativen Rückversicherung. Die Hintergründe erläutert Felix Hemstedt, als Senior Coordinator zuständig für Coordination & Underwriting Systems, Facultative Division: "Damals gab es auch bei uns das Schlagwort "E-Business ist Business". Deshalb haben wir 2001 aus der Fachabteilung heraus begonnen, eine E-Business-Plattform zu entwickeln, auf der sich Risiken analysieren und bewerten lassen sollten."

Das erste Produkt war noch relativ einfach gehalten. Es erlaubte die Bewertung von Rückversicherungen für Schiffe. Doch die benötigten Anwendungen gestalteten sich mit den Jahren immer komplexer. "Es wurde immer schwieriger für uns, der IT-Abteilung zu erklären, wie wir die Risiken bewerten wollen, denn die Regeln dafür sind dynamisch und komplex", sagt Markus Preissinger, der als Consultant zum Underwriting-Systems-Team gehört.

Irgendwann war dann klar, dass die Fachabteilung selbst mehr Verantwortung übernehmen musste. Die Zyklen der zentralen IT-Abteilung mit Spezifikation, Implementierung, Test und Release-Management waren zu zeitintensiv angesichts der wechselnden Anforderungen.

Verwaltungsgebäude der Hannover Rück SE in Hannover
Verwaltungsgebäude der Hannover Rück SE in Hannover
Foto: Hannover Rück SE

Womit die Hannover Rück Facultative Division Geld verdient

Als "Versicherer der Versicherer" hat sich das 1966 gegründete Unternehmen Hannover Rück mit Sitz in der niedersächsischen Landeshauptstadt darauf fokussiert, die Risiken von Erstversicherern abzudecken. Mit rund 2500 Mitarbeitern verzeichnete der drittgrößte Rückversicherer der Welt 2014 ein Bruttoprämienvolumen von 14,4 Milliarden Euro.

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Anders als bei der obligatorischen Rückversicherung, bei der sich das Unternehmen an ganzen Portfolios beteiligt, werden in der fakultativen Rückversicherung große Einzelrisiken versichert, zum Beispiel Fahrzeugflotten oder Ölbohrplattformen. Dieser Bereich ist sehr kostenintensiv: Für jedes Projekt muss eine zeitaufwendige Einzelrisikoanalyse erstellt werden. Dafür zuständig sind die Underwriter, zeichnungsberechtigte Mitarbeiter, die die Risiken analysieren und dann entscheiden, ob das Geschäft Sinn ergibt und wie teuer die Police sein muss.

Das ist kein Job für Nervenschwache: "Es geht durchaus um Beträge bis zu hundert Millionen Euro, die hier zur Debatte stehen", berichtet Senior Coordinator Felix Hemstedt. Zum Beispiel wird versichert, dass eine Rakete einen Satelliten in die korrekte Erdumlaufbahn bringt. Die Underwriter verfolgen den Raketenstart dann gern im Internet. So wissen sie schnell, ob die Versicherungsprämie verdient wurde oder ein Totalschaden eingetreten ist.

Heimvorteil: Sachverstand

Das mittlerweile vierköpfige Team der Abteilung Underwriting Systems sitzt räumlich inmitten der Kollegen in der Fachabteilung. Originär kamen die Mitarbeiter aus dem Business, Informatiker war keiner. Erst in jüngster Zeit stießen zwei Wirtschaftsinformatiker hinzu, die zusätzlich eine Ausbildung im Underwriting durchlaufen haben.

"Mit Logik und ein bisschen mathematischem Verständnis kann man auch mit einer vereinfachten Regelsprache programmieren, oder besser gesagt: konfigurieren und parametrisieren", konstatiert Hemstedt, selbst Wirtschaftswissenschaftler. Wenn jemand vom Fach komme, verfüge er auch über das Wissen, wie sich die Anwendungen optimal gestalten lassen, was gehe und was sinnvoll sei. "Wir sprechen die gleiche Sprache wie die Kollegen, können deren Anforderungen direkt umsetzen und sie ihnen zeigen", ergänzt der Senior Coordinator.

Das macht sich am Ende auch bezahlt. Preissinger nennt den wohl wichtigsten Vorteil: "Früher hat die Entwicklung ein halbes bis ganzes Jahr gedauert. Heute brauchen wir für entsprechende Projekte sechs Wochen." Zudem lasse sich die Entwicklung im Fachbereich sehr viel günstiger umsetzen: "Wir sind Release-unabhängig, die IT-Abteilung muss keinen Server herunterfahren - wir laden lediglich die neue Konfigurationsdatei hoch."

Domänenspezifische Sprache als Kern

Weil in den E-Business-Anwendungen auch komplexere Regeln definiert werden sollten, entschied man sich schon 2005, eine Rule Engine einzubinden. Für die Umsetzung hatte sich die Fachabteilung externe Unterstützung gesucht, nachdem sie zuvor selbst eine Spezifikation erarbeitet hatte. Das Web-Interface wurde von Adesso gebaut. IT Factum steuerte die Idee bei, dass die Underwriter ihre Regeln selbst schreiben. Der Dienstleister mit dem Slogan "Weniger Software. Mehr schlau." entwickelte dafür das "ReVal Studio" (Risk Evaluation) mit eigener Regelsprache.

Grundlage ist das Konzept der Domain Specific Language (DSL). Anders als allgemeine Programmiersprachen ist die DSL ausschließlich dafür gedacht, die Anforderungen des Fachgebiets darzustellen, und ist deshalb von Fachspezialisten auch ohne Programmiervorkenntnisse benutzbar. Das Framework zur Automatisierung und Verwaltung von Regeln setzt auf der offenen, Java-basierenden Entwicklungsumgebung Eclipse auf.

Wie die Komponenten zusammenspielen

Die Rule Engine „ReVal Studio“ spielt mit den Web-Portalen „ReCover“ (auf Seiten der Erstversicherer oder Versicherungsmakler) und „DisCover“ (auf Seiten des Underwriters) zusammen: Über ReCover tragen die Kunden Angebote in Form von neuen Verträgen ( Submissions), Erneuerungen von auslaufenden Verträgen (Renewals) oder Änderungen an bestehenden Verträgen (Endorsements) ein.

Die automatische, detaillierte Bewertung der Angebotsdaten durch ReVal Studio führt entweder zu einer sofortigen Ratierung oder zur Ablehnung. Weder ein weiterer menschlicher Eingriff noch eine Weiterleitung an den Underwriter zur manuellen Prüfung in DisCover sind dazu nötig. Nach der Prüfung wird das Angebot dem Kunden entweder mit einer konkreten Prämie vorgelegt oder abgelehnt.

Foto: Hannover Rück

Einheitliche Ratierungsmodelle

Die E-Business-Lösung erinnert optisch an Produkte, wie sie Online-Versicherungskunden kennen: Es gibt Masken, in die Informationen und Zuordnungen eingegeben werden. Hinter der Website liegt eine XML-Datei, die die Spezialisten von Hannover Rück konfigurieren und parametrisieren können. Die Dateien zum Konfigurieren der Oberfläche werden gegen ein Schema validiert, das prüft, ob der Code "wohlgeformt" ist - ähnlich einem Debugger.

2007 kam dann die Anforderung der Geschäftsführung, die Ratierungsmodelle aller Abteilungen zu verallgemeinern. "Jede Abteilung hatte eigene Ratierungsmodelle, häufig auf Excel-Basis angelegt, die verteilt und redundant gepflegt wurden", sagt Preissinger. "Da wir mit dem ReVal Studio über eine gute Regelsprache verfügten, wurde diese aus der E-Business-Applikation herausgelöst und kommt auch im traditionellen Bereich zum Tragen."

Allerdings gelangen nur zehn Prozent der Anfragen direkt über die E-Business-Plattform ins Unternehmen; 90 Prozent erreichen es noch per E-Mail. Das bedeutet mehr Aufwand, denn hier müssen die Underwriter die Informationen manuell in das Bewertungs-Tool übernehmen. Dennoch trägt die einheitliche Lösung zur Fehlerfreiheit und Standardisierung bei. Sie muss zudem für alle Bereiche nur an einem Ort gepflegt werden.

Die geforderten einheitlichen Berechnungen sind vor allem bei der eigenen Marge unabdingbar. Denn dahinter steckt eine vom Management vorgegebene, komplexe Berechnung. Dadurch, dass sie immer gleich ist, ließ sie sich an eine zentrale Stelle im Tool auslagern. So sind heute im Vergleich zu früher etliche Fehler vermeidbar. Die Berechnung von Erdbebengefahren, die in unterschiedlichsten Versicherungsarten und Projekten eine Rolle spielt, wird ebenfalls zentral im Tool erledigt.

Von zwölf auf 30 Befehle gewachsen

In der ersten Ausbaustufe hatte die eigene Entwicklungssprache nur zwölf Befehle, zum Beispiel "wenn, dann" oder "for each" und Rechenkommandos wie Addieren und Multiplizieren. "2013 haben wir die Regelsprache komplizierter gemacht, weil unser Wissen über die Jahre besser geworden ist", berichtet Preissinger: "Jetzt ist sie Java-ähnlicher, mit rund 30 Befehlen, aber immer noch deutlich einfacher als eine normale Programmiersprache."

Gute Kooperation von Fachbereich und IT

Dass dieser Ansatz überhaupt eine Chance hatte, liegt daran, dass die IT-Abteilung der Hannover Rück für das Engagement der Fachabteilungsmitarbeiter grundsätzlich offen war. Ihre Ressourcen waren nun einmal begrenzt, zugleich hatte sie Verständnis für den Druck im Fachbereich. "Wir haben im Gegenzug die Zusicherung gemacht, die IT bei wichtigen Aspekten einzubinden und uns an klar definierte Schnittstellen zu halten", stellt Hemstedt klar, "zudem nehmen wir regelmäßig an Sitzungen für Requirements teil und geben Testfälle ab."

Die zentrale IT betreibt die ReVal-Lösung im eigenen Rechenzentrum. Die E-Business-Anwendung hingegen wird über BTC IT Services extern gehostet.

Berufsunfähigkeit von Fußballern

Das Underwriting-Systems-Team deckt ein breites Betätigungsfeld ab: Gebaut wurde unter anderem eine E-Business-Plattform für die Berufsunfähigkeitsversicherung von Fußballspielern der Ersten und Zweiten Bundesliga. Auch bei ungewöhnlichen Anfragen leisten Hemstedt und Kollegen Hilfestellung: So berechneten sie die Prämien für einen Betreiber von Golfturnieren, der sich mit einer Contingency-Versicherung gegen die Möglichkeit des "Hole in One" absichern wollte.

Zudem steht das Team im Unternehmen nicht mehr allein: In der Lebensrückversicherungs-Abteilung wird ähnlich gearbeitet - mit einer eigenen Lösung, die Ärzte bedienen. (qua)

Was Fachabteilungen für Citizen Development brauchen

  • Klare Schnittstellen zur IT-Abteilung: "Es ist wichtig, die Verantwortung vorher zu regeln", rät Felix Hemstedt: "Fachbereichsmitarbeiter haben nicht den Einblick in IT-Prozesse, hier muss die IT Vorgaben machen."

  • Tipps von der IT: zum Beispiel für Themen wie Weiterentwicklung, Versionierung, Schreiben von Code und gemeinsames Arbeiten daran.- Entlastung der Fachbereichs

  • "ITler": Wie Markus Preissinger zu bedenken gibt, ist die organisatorische Einordnung als Stabsstelle oder die Freistellung eines Mitarbeiters wichtig: "Parallel zum Alltagsgeschäft und bestehenden Aufgaben noch Entwicklung zu leisten, wäre den meisten Mitarbeitern wohl zu viel."

  • Vertrauen im Fachbereich: Weil die Leitung der Fachabteilung in der Regel nicht in IT-Themen steckt, ist ein Vertrauensvorschuss für die spezialisierten Mitarbeiter nötig.

  • Koordination im Problemfall: Manchmal ist es für den Nutzer schwer zu unterscheiden, ob ein Fehler vom Tool selbst oder dem von der IT betreuten Framework herrührt. Dabei hilft die Kommunikation zwischen Fach-IT und zentraler IT beim täglichen Arbeiten.