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Heilmann bedauert jetzt die Sperrung von wikipedia.de

18.11.2008
Die Sperrung der Website wikipedia.de auf Veranlassung eines Linke-Politikers ist vom Landgericht Lübeck wieder aufgehoben worden.

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Lutz Heilmann zog am Montag seinen Sperrantrag bei Gericht zurück. Damit verliere auch die Einstweilige Verfügung ihre Gültigkeit, sagte Richterin Gesine Brunkow. Der Verein Wikimedia Deutschland dürfe auf seiner Website wikipedia.de wieder auf die deutschsprachige Wikipedia verlinken, sagte die Gerichtssprecherin. Der Verein stellte daraufhin seine Website wieder auf das Wikipedia-Angebot um.

Lutz Heilmann (Die Linke), MdB
Lutz Heilmann (Die Linke), MdB

Heilmann hatte am Donnerstag die Sperrung der Weiterleitung von wikipedia.de auf das in den USA beheimatete Angebot von Wikipedia beantragt. Seiner Ansicht nach enthielt der Wikipedia-Artikel unwahre Behauptungen über ihn. Der 42-Jährige kam 2005 über die Landesliste der Linkspartei Schleswig-Holstein in den Bundestag. In den Jahren 1985 bis 1990 war er als Personen- und Objektschützer bei der Stasi beschäftigt.

Heilmann bedauerte sein Vorgehen gegen Wikipedia.de. "Ich habe zu kurz gedacht und die Folgen nicht überschaut", sagte Heilmann der "taz" (tageszeitung/ Dienstag). Er sei aktiv geworden, nachdem "immer wieder Falsches über mich" in dem Wikipedia-Eintrag geschrieben worden sei und seine Beschwerden bei dem Betreiber erfolglos geblieben seien.

Auch in der Zeit der Sperre war das deutschsprachige Internet-Lexikon Wikipedia weiterhin über die Adresse http://de.wikipedia.org zu erreichen. In den vergangenen Tagen soll der Artikel über Heilmann mehr als eine halbe Million Mal angeklickt worden sein - in der Zeit vor seinem Sperrantrag nur ein paar hundert Mal.

Sebastian Moleski, der Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland, sagte, Heilmann sei schlecht beraten gewesen, überhaupt vor Gericht gegen den Verein vorzugehen. "Wir sind für die Inhalte der deutschsprachigen Wikipedia nicht verantwortlich." Wenn Personen mit Inhalten der Wikipedia über sich selbst nicht einverstanden seien, gebe es andere Wege, um zum Ziel zu kommen. Die überwiegende Mehrzahl von Problemen werde einvernehmlich intern gelöst, ohne dass Gerichte bemüht werden müssten.

Die Heilmann-Affäre hat nach Angaben von Moleski zu einer merklichen Unterstützung der Wikipedia-Bewegung in Deutschland geführt. "Die Anzahl von Solidaritätsbekundungen, E-Mails, Telefonanten und nicht zuletzt Spenden war enorm." Moleski räumte ein, dass der Artikel über Heilmann inzwischen besser sei als vor dem Gerichtsbeschluss. "Seit Freitag wurde der Artikel hundertfach überarbeitet und dabei auch einige unbewiesene Behauptungen über Heilmann entfernt." Den Wikipedia-Machern sei Quellengenauigkeit und Glaubwürdigkeit sehr wichtig. "Man kann nicht einfach Behauptungen übernehmen, nur weil sie irgendwo gestanden haben."

Heilmann erklärte auf seiner eigenen Website, der juristische Weg habe sich für diese Auseinandersetzung "insoweit als problematisch erwiesen, als durch die Struktur von Wikipedia die anderen Userinnen und User in Mitleidenschaft gezogen werden". Das sei nicht seine Absicht gewesen. Er "bedaure außerordentlich", dass durch die von ihm beantragte Einstweilige Verfügung des Landgerichts Lübeck "die deutschen Wikipedia-Userinnen und -User in den letzten 24 Stunden keinen direkten Zugriff mehr auf die Wikipedia-Inhalte hatten". (dpa/tc)