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Handspring offen für andere Plattformen

28.03.2001
Die COMPUTERWOCHE sprach exklusiv mit Donna Dubinsky, Palm-Miterfinderin und Handspring-Chefin, über die Strategie ihres Unternehmens.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mit Donna Dubinsky, President und CEO von Handspring, sprach Thomas Schmidtutz, Journalist aus München.

CW: Frau Dubinsky, Handspring-Geräte laufen auf Basis des Betriebssystems von Palm. Zuletzt gab es Gerüchte, dass Palm angesichts Ihres Erfolges den Lizenzvertrag möglicherweise kündigen könnte. Haben Sie es versäumt, ein wasserdichtes Lizenzabkommen mit ihrem Hauptkonkurrenten bei Hardware auszuhandeln?

DUBINSKY: Die Details des Lizenzvertrages sind natürlich vertraulich. Nur so viel: Palm kann nicht einfach kommen und den Vertrag kündigen.

CW: Sie produzieren derzeit ausschließlich Geräte auf Basis des Palm-Betriebssystems. Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages auch Handhelds für Microsofts Betriebssystem Pocket PC zu bauen?

DUBINSKY: Palm steht auf absehbare Zeit im Mittelpunkt unserer Produktpalette. Und solange Palm uns das liefert, was wir brauchen, gibt es keinen Grund, dies zu ändern. Wir sind aber keineswegs ausschließlich an das Palm-Betriebssystem gebunden. Wir können zusätzlich auch für andere Plattformen produzieren. Im Übrigen würde ich schon aus strategischen Gründen niemals die Möglichkeit ausschließen, zusätzlich zu Palm auch Produkte für andere Betriebssysteme anzubieten. Von daher wäre es also auch keineswegs überraschend, wenn wir langfristig ein breites Produktportfolio entwickeln würden.

CW: Handspring hat also keine Berührungsängste mit Microsoft?

DUBINSKY: Wir sind ein Gerätehersteller. Wenn Microsoft eine tolle Plattform macht, könnten wir sie auch nutzen. Die Möglichkeiten dazu haben wir. Ich bin sicher, dass Microsoft über einen solchen Schritt hocherfreut wäre. Gegenwärtig hat das Unternehmen mit Pocket PC aber kein gutes Angebot. Deshalb haben wir uns für Palm OS entschieden. Sollte sich die Lage bei Microsoft ändern, würden wir das sehr begrüßen. Denn dann hätten wir mehr Auswahl.

CW: Analysten erwarten, dass sich der Markt für Handhelds von 2000 bis 2004 verdreifachen wird. Das zieht eine Reihe finanzkräftiger Wettbewerber wie Compaq oder Sony an. Macht Ihnen das als noch relativ kleines Unternehmen nicht Angst?

DUBINSKY: Natürlich steigt mit dem Marktvolumen auch der Wettbewerb. Es gibt Unternehmen aus der PC-Industrie wie Microsoft, die in den vergangenen Jahren ziemlich erfolglos versucht haben, einen Fuß in diesen Markt zu kriegen. Dazu kommen Wettbewerber aus dem Handy-Bereich wie Nokia oder Motorola oder Anbieter aus der Unterhaltungselektronik wie Sony. Aber um ein gutes Produkt zu machen, braucht man mehr als eine große Marke. Am Ende werden die Unternehmen erfolgreich sein, die sich zu 100 Prozent diesem Markt widmen, und das sind Palm, Handspring und vielleicht noch RIM. Alle anderen neigen dazu, die Erfolgsrezepte aus ihren Branchen auf den Handheld-Markt zu übertragen. Aber ohne Anpassung wird das kaum funktionieren.

CW: Nun gab es auf dem PC-Markt in den vergangenen Jahren einen rapiden Margenverfall. Einige Experten sagen für den Handheld-Markt eine ähnliche Entwicklung voraus. Wie wollen Sie sich diesem Druck entziehen?

DUBINSKY: Die PC-Industrie ist bereits 20 Jahre alt. Der Handheld-Markt steht dagegen noch am Anfang, die Produkte sind noch sehr differenziert. Bis wir also einen solchen Preisdruck haben werden, dauert es noch.

CW: Eine Möglichkeit, frühzeitig vorzusorgen, ist der Ausbau des Servicegeschäfts. Wäre das nicht auch eine Möglichkeit für Sie?

DUBINSKY: Natürlich sehe ich für uns in der Zukunft Möglichkeiten, Dienstleistungen anzubieten. Aber kurzfristig steht das nicht auf unserer Agenda.

CW: Welche Art von Services könnten Sie sich denn längerfristig vorstellen?

DUBINSKY: Da gäbe es eine ganze Menge. Wir haben unlängst Bluelarge Systems übernommen, das einen Browser für das Internet entwickelt hat, mit dem sich Inhalte problemlos auch auf den kleinen Displays von Handhelds darstellen lassen. Wir können die Blazer-Browser mit einem Visorphone koppeln und unseren Kunden damit den Zugang ins Internet öffnen. Das schafft eine Menge Möglichkeiten für Services, zum Beispiel für Transaktionen. Oder für einen Backup-Service. Nutzer zahlen beispielsweise zwei Dollar im Monat für eine regelmäßige Datensicherung. Wenn Sie Ihren PDA verlieren, oder er kaputtgeht, können Sie Ihre Daten auf Knopfdruck wieder herunterladen.

CW: Schauen wir mal nach vorne: Welche Funktionen wird ein PDA in fünf Jahren haben? Werden die Leute zu Hause überhaupt noch einen PC haben?

DUBINSKY: PCs wird es weiter geben, etwa für Tabellenkalkulationen oder für Präsentationen. Bei Handhelds werden wir eine klare Differenzierung erleben. Es wird weiter eine große Gruppe reiner Handys geben. Dazu kommen Kombigeräte aus Handhelds und Handys. Sie werden eher wie ein Handheld aussehen, ein genügend großes Display haben, hoffentlich in Farbe, einen drahtlosen Internet-Zugang und vielleicht einen Infrarot-Kopfhörer und Mikrofon. Die Nutzer sitzen dann da, machen ihre Banküberweisungen, telefonieren, loggen sich ins Internet ein, gleichen von unterwegs ihre Daten mit ihrem PC ab, checken ihre E-Mails, buchen Flüge, und das alles von einem Gerät.

CW: Wird der PDA der Zukunft also hauptsächlich ein Kommunikationsgerät, oder wird er über zusätzliche Funktionen verfügen?

DUBINSKY: Ich glaube, eine Menge unterschiedliche Funktionen.

CW: Zum Beispiel?

DUBINSKY: Sie werden zum Beispiel einen Barcode-Scanner haben, Bluetooth, mit dem sie sich automatisch in ein Firmennetz einwählen, wenn Sie ins Firmengebäude kommen und Ihren Terminplan abgleichen, oder eine Videokamera. Damit können Sie ein Foto machen und es direkt übers Internet versenden. Das ist wie bei den Fernsehern. Es gibt nicht nur ein Telefon oder ein Handy. Es wird eine Menge unterschiedlicher Geräte geben mit vielen Funktionen.

CW: Bei Palm soll es Überlegungen gegeben haben, den Bereich Betriebssysteme in ein eigenes Unternehmen abzuspalten. Wäre Symbian ein Modell, und würden Sie einem solchen Konsortium beitreten?

DUBINSKY: Ich hoffe, dass Palm das nicht tun wird.

CW: Warum?

DUBINSKY: Natürlich weiß ich nicht, was Palm wirklich vorhat. Aber ich denke, wenn sie ihr Betriebssystem abspalten würden, dann in ein unabhängiges Unternehmen, nicht in ein Konsortium. Ich kenne kein einziges Joint Venture in Form eines Konsortiums, das erfolgreich gewesen wäre. Denn Konsortien neigen zu sehr dazu, die Ansprüche ihrer Mitglieder zu erfüllen statt die der Kunden. Wenn Palm sein Betriebssystem also in eine unabhängige Gesellschaft bringen würde, wäre das okay. Aber ich glaube nicht, dass ein Konsortium kein gutes Geschäftsmodell wäre, um die Plattform voranzubringen.

CW: In der Vergangenheit gab es Befürchtungen über Lieferengpässe bei Zulieferern. Auch bei Ihnen?

DUBINSKY: Wir waren mit unseren Prognosen sehr zuversichtlich. Wir haben immer bekommen, was wir wollten. In der Zukunft muss man sehen. Es gibt immer irgendetwas, was man nicht im Voraus erkennen kann. Aber mit der sich abschwächenden Konjunktur verbessert sich die Liefersituation erheblich.

CW: Leiden Sie an der Schwäche der US-Wirtschaft?

DUBINSKY: Bisher nicht. Der Abschwung begann zu Weihnachten. Wir hatten eine hervorragende Saison. Ich gehe davon aus, dass wir ungeachtet der nachlassenden Konjunktur wachsen können. Sollte jedoch eine größere Abschwächung eintreten, dann werden natürlich auch wir das zu spüren bekommen.