Web

 

GPRS - die Rettung für WAP?

21.09.2000
Wieder fehlen die Endgeräte

Von CW-Redakteur Joachim Hackmann

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Trotz intensiver Werbekampagnen ist das Wireless Access Protocol (WAP) bislang ein Flopp. Die Content-Anbieter machen die schlechte Übertragungsleistung der GSM-Netze und eine falsche Marketing-Strategie der Netzbetreiber dafür verantwortlich. Zumindest was die Transferrate betrifft, besteht Hoffnung auf Besserung, denn bis Jahresende werden sämtliche GSM-Netze GPRS-fähig sein.

Die Katerstimmung nach der UMTS-Versteigerung bei den Mobilfunknetz-Betreibern legt sich allmählich und das Tagesgeschäft rückt wieder in den Vordergrund. Auf der To-do-Liste steht nun die Einführung des paketbasierten General Packet Radio Service (GPRS). Dieser Datendienst ist einer der ersten Schritte auf dem Weg in die mobile Multimedia-Welt, an dessen Ende aus heutiger Sicht UMTS mit seinen Möglichkeiten zu Videokommunikation, Spielfilmempfang und Online-Spielen steht.

Bandbreitenzuwachs zunächst eher theoretisch

Zunächst geht es aber eher gemütlich voran, denn die GPRS-Netze, da sind sich die Experten einig, werden gerade mal 15 bis 50 Kbit/s zwischen Basisstation und Handys verschicken - eine Bandbreite, die für die Übertragung von bewegten Bildern eindeutig zu gering ist. Die maximale GPRS-Bandbreite von 171 Kbit/s bleibt bis auf weiteres ein theoretischer Wert, wie T-Mobil im Rahmen eines Feldversuchs feststellte. Die im Pilotprojekt eingesetzten Testhandys konnten Daten lediglich mit 20 bis 24 Kbit/s senden und empfangen.

Angesichts der relativ bescheidenen Leistungssteigerung gegenüber den bestehenden GSM-Netzen stellt sich die Frage, ob die für die Aufrüstung der Netze erforderlichen Investitionssummen von geschätzten zwei bis drei Milliarden Mark pro Mobilfunknetz überhaupt sinnvoll angelegt sind. T-Mobil beantwortet dies mit einem eindeutigen Ja, denn beim GPRS-Testlauf hätten sich die eingesetzten Endgeräte bei der Datenübertragung als Flaschenhals erwiesen, nicht jedoch die Infrastruktur. Mit weiterentwickelten GPRS-Handys ließe sich das Tempo auf 40 bis 50 Kbit/s erhöhen, dies hätten die Hersteller versichert, erklärt T-Mobil weiter.

Vorteil: GPRS arbeitet paketbasiert

Außer der Geschwindigkeitssteigerung rechtfertigen noch andere Aspekte den Einsatz von GPRS. Der paketbasierte Dienst ermöglicht es, mehr Nutzer pro GSM-Funkzelle zu versorgen. Während die herkömmliche Datenübertragung im GSM-Netz pro Anwender einen Kanal belegt, lassen sich mit GPRS mehr User als vorhandene Kanäle versorgen, weil sich die Datenpakete schachteln lassen. Da die Kunden außerdem immer online sind, entfallen die langen Einwahlprozeduren. Für die Nutzer ist GPRS zudem eine entspanntere Art des Informationsaustauschs, weil die Dienste nicht nach Zeit, sondern nach Volumen tarifiert werden.

Die Content-Provider dürften diese Neuerungen mit Freude vernehmen, denn sie setzen große Hoffnungen in GPRS. Auch wenn die im Mobilfunk demnächst verfügbaren Datenraten noch lange nicht an das Festnetz heranreichen, wird die mobile Datenkommunikation um einiges komfortabler. Vor allem die Anbieter von Diensten, die auf dem Wireless Application Protocol (WAP) basieren, erwarten eine enorme Nachfrage nach Informationen wie Wettervorhersagen, Staumeldungen, Börsennachrichten und Horoskopen - wenn der schnelle mobile Datendienst erst einmal eingeführt ist.

WAP bald auf den Spuren von SMS?

Die Formel, mit der sie die künftige Geschäftsentwicklung berechnen, lautet schlicht: WAP plus GPRS ist viel größer als SMS - und der eigentlich als GSM-Anhängsel entwickelte Short-Message-Service (SMS) war bislang schon sehr viel erfolgreicher als erwartet. Pro Monat wächst diese recht funktionsarme Form der Kommunikation um 15 bis 20 Prozent. Allein im August übermittelten die hiesigen Netzbetreiber 300 Millionen SMS-Nachrichten.

WAP in Kombination mit GPRS kann nicht weniger erfolgreich sein, so der feste Glaube der Content-Provider, denn verglichen mit SMS, bieten die neuen Verfahren ein Vielfaches an Möglichkeiten. "WAP ist mehr als SMS, weil es interaktiv ist", lautet die Erklärung von Claus Darmstädter, Produkt-Manager bei Materna in Dortmund, anlässlich eines Mobilfunkseminars des schwedischen Außenwirtschaftsrats auf der Expo 2000 in Hannover. Die Interaktivität erlaubt die Einrichtung neuer Dienste wie etwa Hotelreservierung (bedhunter.de), Produktpreisvergleiche (pricerunner.com), Suchmaschinen (wapcommunications.de) oder Stadtinformationen (citykey.com), wie sie mit SMS nicht möglich sind. GPRS sorgt für Schnelligkeit und damit für Akzeptanz, so die Rechnung der Content-Anbieter.

Wer ist Schuld an der WAP-Misere?

So hängt offenbar das Wohl und Wehe der gesamten Content-Branche an dem demnächst verfügbaren GPRS-Verfahren, denn bislang war das Geschäft mit WAP-Diensten ein Flop. Gerade mal 1,1 Prozent aller in Deutschland verkauften Handys sind WAP-kompatibel, und nur die Hälfte der Besitzer dieser Geräte nutzt das Angebot. Die Schuldigen waren auf dem Seminar vertretenen Anbieter schnell ausgemacht: Es sind die Mobilfunknetzbetreiber. Sie hätten mit ihrer Werbekampagne nach dem Motto "WAP ist Internet-Surfen mit dem Handy" eine völlig falsche Strategie verfolgt, "denn damit wird das mobile WAP-Telefon zum Internet-Zugang für Arme abgestempelt", erläutert Thorsten Wichmann, Geschäftsführer der Berlecon Research GmbH, Berlin. Dabei ist diese Schlussfolgerung durchaus berechtigt, denn tatsächlich lassen sich via WAP nur rudimentäre Web-Seiten auf das Endgerät laden.

Neidvoll blicken die Content-Provider nach Japan. Dort feiert der Mobilfunkanbieter NTT Docomo mit seinem "I-Mode"-Dienst Erfolge. Der entspricht zwar nicht dem WAP-Standard, stellt seinen Nutzern jedoch ähnliche Funktionen zur Verfügung. NTT Docomo konzentrierte sich bei der Vermarktung seines Produkts auf neue, kostenpflichtige Services, die sich mit den Festnetz-Internet nicht ohne weiteres umsetzen lassen. Als Renner erwies sich beispielsweise ein Dienst, bei dem Fische auf das Handy-Display geladen werden. Wird das mobile Telefon hinter ein mit Wasser gefülltes Glas gestellt, scheint ein Fisch darin zu schwimmen. Rund eine Millionen Kunden beziehen zudem regelmäßig den Cartoon des Tages auf ihrem Handy und zahlen dafür pro Monat rund 1 Euro.

Handy-Vorteil Personalisierung

Der Ansatz, WAP als mobiles Internet zu vermarkten, ist in den Augen der Content-Provider auch deshalb falsch, weil das Handy als Zugangsgerät sehr viel mehr Möglichkeiten bietet als der PC. Das mobile Telefon ist in der Regel das persönliche Zugangsgerät eines Kunden. Somit sind dem Netzbetreiber Name und weitere personenbezogene Daten bekannt. Außerdem lässt sich der Standort des Handys relativ genau bestimmen. In Ballungszentren, in denen sehr viele Funkzellen installiert sind, können die Carrier eingeloggte Handys bis auf einen Radius von wenigen hundert Metern orten. Schließlich erhält jeder Kunde Monat für Monat eine Rechnung, das Problem der Abrechnung von Kleinstbeträgen erübrigt sich.

Vor allem Letzteres hat die WAP-Content-Provider ermuntert, mit einer Gepflogenheit des herkömmlichen Internet aufzuräumen: Kostenlose Dienste wird es im WAP-Umfeld nicht geben, die Frage ist lediglich, wer für was zahlt. Die auf dem Mobilfunk-Seminar vertretenen Content-Provider haben grundsätzlich zwei Finanzierungsmodelle gewählt: Entweder werden die Nutzer oder die Geschäftspartner zur Kasse gebeten. Beim Reservierungsservice Bedhunter etwa haben die Hotels, deren Betten vermittelt wurden, einen entsprechenden Obolus zu entrichten. Stau- und, Wettermeldungen, Horoskope und Ähnliches werden auf Kosten der Anwender abgerechnet.

Aus Sicht der Content-Provider bergen ortsbezogene Dienste das größte Potenzial, denn dort lassen sich die Stärken eines Handys voll ausschöpfen. Anbieter von Stadtinformationen beliefern den Kunden auf Anfrage beispielsweise mit Informationen über die nächstgelegenen Restaurants. Dabei lässt sich auch gleich eine Telefonverbindung mit der Gaststätte der Wahl herstellen. Für derartige spezielle Services erwarten die Anbieter die größte Nachfrage.

Datenschutz: Geortet wird nicht

Allerdings stehen die Content-Provider vor einem kleinen Problem - sie haben keine Information über die Position eines Handy-Benutzers. Die liegt nämlich zunächst einmal in den Händen der Netzbetreiber. Zwar sind die hiesigen GSM-Netze noch nicht darauf vorbereitet, Endgeräte zu orten, doch diese Funktionalität, da sind sich die Carrier einig, wird kommen. Diese Aussage ist für die Inhaltslieferanten Grund genug, schon einmal ungehinderten Zugang zu den entsprechenden Daten zu fordern.

Damit dürften sie jedoch bei den Netzbetreibern auf Granit beißen. Denn die haben bereits angekündigt, sich streng an die geltenden Datenschutzbestimmungen zu halten, und die schränken die Möglichkeiten der ortsbezogenen Dienste hierzulande erheblich ein. "Für derartige Services muss immer die Einwilligung des Nutzers oder eine gesetzliche Erlaubnis vorliegen", erläutert Arthur Waldenberger, Rechtsanwalt in Berlin.

Zudem sieht das Datenschutzrecht eine strenge Zweckbindung vor. Ein Kunde, der etwa als Navigationshilfe die Ortung seiner Position zulässt, darf nicht automatisch mit anderen ortsbezogenen Diensten behelligt werden. "Sicher ist zudem, dass die Ortungsmöglichkeiten nicht zur Werbung verwendet werden dürfen - es sei denn, der Kunde hat dazu ausdrücklich seine Einwilligung erteilt", fügt Waldenberger hinzu.

Den Content-Providern bleibt also nur, jeden einzelnen Kunden zu umwerben, um von ihm die Einwilligung zum Empfang von ortsbezogenen Diensten zu bekommen. Und wieder richten die Anbieter ihren Blick nach Japan. Dort hat der Betreiber NTT Docomo eine Portalseite für WAP-Handys eingerichtet, so dass sich Dienste bündeln lassen, aus denen sich Kunden ihre persönliche WAP-Seite zusammenstellen. Außerdem lehrt das Land der aufgehenden Sonne mit seiner mittlerweile annähernd zweijährigen Erfahrung, dass GPRS den Durchbruch für WAP bedeutet.

GPRS in Deutschland

Spätestens zum Jahresende wird es in Deutschland flächendeckend GPRS-Dienste geben. Am weitesten fortgeschritten sind die Arbeiten beim D1-Betreiber T-Mobil, dessen Netz bereits auf die paketbasierte Datenübertragung vorbereitet ist. Der entsprechende Dienst wird angeboten, sobald es Endgeräte gibt. Das wird ab Anfang November der Fall sein, denn dann, so wurde dem Carrier von Motorola zugesichert, stünden GPRS-Handys in "massenmarktfähigen Stückzahlen zur Verfügung".

Was der interessierte Nutzer für den T-Mobil-Dienst zu zahlen hat, verschweigt die Telekom-Tochter hartnäckig. Während es bei T-Mobil noch keine Tarifinformationen gibt, zeigt sich Konkurrent Mannesmann Mobilfunk auskunftsfreudiger. Der D2-Netzbetreiber startet zwar später als T-Mobil, hat jedoch bereits einen Rahmen für die künftige Preisgestaltung offen gelegt. Vielnutzer zahlen für den GPRS-Dienst im D2-Netz einen Basispreis zwischen 20 und 30 Mark pro Monat. Der Transfer von 10 KB Daten (das sind etwa zehn WAP-Seiten) kostet zwischen 30 und 50 Pfennig. Diese volumenabhängige Komponente gilt auch für sporadische Nutzer von GPRS-Diensten. Statt der Grundgebühr belegt Mannesmann Mobilfunk diese Anwendergruppe jedoch mit einer zeitgebundenen Tarifkomponente: Pro Stunde fallen nochmals bis zu 50 Pfennig an.

Derzeit rüsten die Mannesmänner nach und nach ihr Netz auf, so dass die ersten GPRS-Kunden in den Ballungszentren schon bald loslegen können. Bis Ende des Jahres wollen die Techniker diese Arbeit abgeschlossen haben. Jeweils kurz vor oder nach dem Jahreswechsel werden auch E-Plus und Viag Interkom GPRS-Dienste anbieten. Die Bandbreiten werden je nachdem, was die verfügbaren Endgeräte hergeben, zwischen 26 und 40 Kbit/s liegen.

Ungeklärt ist jedoch noch die Frage, wem die Information über die Position eines Handys gehören. Zurzeit sind die hiesigen GSM-Netze technisch noch nicht in der Lage, die Position zu bestimmen, doch diese Funktion wird laut übereinstimmender Aussage der Netzbetreiber innerhalb des nächsten Jahres implementiert. Verständlicherweise wollen die Content-Provider ungehinderten Zugang zu diesen Informationen, um so lokalisierte Mehrwertdienste einführen zu können.