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Gartner warnt vor "infizierten" Outsourcing-Deals

04.05.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Beim IT Services Summit von Gartner in London standen Themen wie aktuelle Probleme mit Outsourcing-Verträgen, das Aufkommen von Multi-Sourcing und die sich ändernde Dynamik des Offshore-Resourcing im Mittelpunkt. Gartner geht einem Bericht von "Computerwire" zufolge davon aus, dass es mit der Mehrzahl der heutigen Outsourcing-Verträge ernste Probleme geben wird.

Linda Cohen, Managing Vice President des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens, hält bis zum Jahr 2008 etwa 70 Prozent der Abschlüsse für "infiziert", aber heilbar. Zehn Prozent der Deals seien allerdings "unheilbar". Cohens Prognose für die infizierten Verträge sieht auch gar nicht gut aus - echte Heilungschancen sieht die Experten nur bei weniger als der Hälfte der Fälle.

Wo also liegen die Probleme? Cohen erklärte, zu viele Firmen schlössen ineffiziente oder überteuerte Deals ab oder ließen sich durch die niedrigen Arbeitskosten zu "todgeweihten" Offshoring-Beziehungen verführen. Außerdem mangele es auf Seiten der Anbieter an Innovation, und es mangele oftmals zwischen Dienstleister und Kunde an der Abstimmung der Ziele.

Auch aus Sicht von Rory Graham, Partner bei der Anwaltskanzlei Baker & McKenzie, überstürzen viele Anwender ihre Outsourcing-Aktivitäten. "Künstliche Deadlines sind der Feind kompetenten Outsourcings", so der Experte. "Zu viele Unternehmen sourcen schnell statt gut aus."

Um ihre Risiken zu verringern, schließen viele Anwender eine Reihe von kleineren Verträgen mit Best-of-breed-Anbietern, anstatt ihre ganze Infrastruktur im Rahmen eines größeren Abschlusses nur einem einzigen Anbieter anzuvertrauen. Joe Hogan, Global Vice President für Managed Services bei Hewlett-Packard, gestand ein: "Kein einziger Dienstleister kann alles bieten. Gäbe es einen solchen, dann wäre das der Kunde selbst."

Laut Gartner-Expertin Nicole France stellt das verstärkte Multi-Sourcing aber die Inhouse-IT-Abteilungen vor ganz neue Herausforderungen: "Die IT-Abteilung braucht die relevanten Management-Skills und Verständnis des Geschäfts, wenn sie als Vermittler von Dienstleistungen zwischen diversen internen Fachabteilungen dienen soll, und den meisten fehlen diese Fähigkeiten heute noch."

Auch wenn viele der indischen Softwaredienstleister in den vergangenen Wochen aus Sorge um ihre Wachstumschancen Kursabschläge hinnehmen mussten, geht Gartner davon aus, dass bis zum Jahr 2007 zwischen sieben und zehn Prozent der weltweiten externen IT-Ausgaben in global vergebene Services fließen werden, im Vergleich zu einem Prozentsatz von aktuell nur zwischen zwei und drei Prozent.

Gerben Otter, Group CIO von Adidas-Salomon, erklärte in diesem Zusammenhang allerdings, Anwender sollten ihre potenziellen Einsparungen durch Offshoring realistisch einschätzen. "Wir haben festgestellt, dass aufgrund der versteckten Kosten für die Verwaltung von Offshore-Deals das Einsparpotenzial eher zwischen 25 und 30 Prozent liegt als bei den versprochenen 70 Prozent."

Ian Marriott von Gartner ergänzte, dass bis zum Jahr 2008 die Arbeitskosten für anwendungsbezogene Dienste wahrscheinlich gegenüber dem Niveau von 2004 um 35 bis 60 Prozent steigen würden. Insgesamt malte Gartner ein rosiges Bild der IT-Service-Ausgaben für die kommenden Jahre. Die Auguren erwarten, dass die weltweiten Service-Investitionen in diesem Jahr um 3,2 Prozent auf 1,12 Billionen Dollar steigen werde und bis 2007 auf 1,22 Billionen Dollar. Der Anteil, den externe Dienstleister erhalten, soll von 56 Prozent im Jahr 2004 bis 2007 auf 60 Prozent steigen.

Als wichtigste Treiber für neue Investitionen in IT-Service-Projekte hat Gartner Business Intelligence, Security und Service-orientierte Architekturen (SOA) ausgemacht. Die Nachfrage nach BI resultiere dabei vor allem aus neuen gesetzlichen Auflagen wie Basel II oder Sarbanes-Oxley. (tc)