Scheinselbständigkeit, Projektmarkt, Kunden

Freiberuflervermittler reden Klartext

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Das politische Problem der Scheinselbständigkeit und die konservative Kultur deutscher Unternehmen bewegen derzeit die Vermittler freier IT-Experten. Das wurde in einem Roundtable der Computerwoche in München deutlich. Auch übt sich die 10-Milliarden-Euro Branche in Selbstkritik: Man werde "als versprengter Haufen" wahrgenommen.

Das erste Wort, das Luuk Houtepen in Deutschland lernte, war "passt ned". Da sucht ein bayerischer Konzern händeringend IT-Spezialisten und bekommt einen Kandidaten aus Hamburg vorgeschlagen - die Antwort lautet "passt ned". Der Kandidat spreche kein Bayerisch, und am Ende sei er gar noch HSV-Fan… Als Houtepen, Head of Business Development DACH beim Personaldienstleister Sthree und immigrierter Niederländer, das erzählt, hat er die Lacher auf seiner Seite. Doch das Lachen der Teilnehmer am Roundtable, zu dem die COMPUTERWOCHE rund 20 Freiberuflervermittler geladen hat, ist sarkastisch. "Der Schmerz auf Kundenseite muss wohl noch größer werden", seufzt Nikolaus Reuter, Vorstandschef von Etengo.

Houtepen hat einen der neuralgischen Punkte angesprochen: die konservative deutsche Unternehmenskultur. Marco Raschia, Director des Global Competence Center Finance bei Top ITservices, hakt ein: "Diese Thematik haben wir ja jetzt durch die aktuelle Flüchtlingskrise auf dem Tisch." Er begrüßt, dass viele Bildungsträger Sprachkurse anbieten. Denn die deutsche Sprache ist und bleibt die Eintrittskarte, da sind sich die Gesprächspartner einig.

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Eigentlich müssten die Eingangstore weit offen sein. Der Markt mag einmal Kunden-getrieben gewesen sein, heute ist er Kandidaten-getrieben, stellen die Vermittler fest. So gibt es Freie, die erhalten fünf bis zehn Projektanfragen pro Tag. Jedoch beobachtet Andreas Krawczyk, Chief Operation Officer (COO) bei Freelancer.Net, dass die viel zitierte Offenheit auch auf Seiten der IT-Selbständigen fehlt. Gerade bei den älteren Kandidaten vermisst er Weiterbildungen oder die Flexibilität, beispielsweise an weiter entfernten Standorten zu arbeiten. "Freiberufler sind auch oft passiv", ergänzt er, "sie kümmern sich zu wenig um Akquise."

Und immer wieder Scheinselbständigkeit

Dass es zu wenig freie IT-Experten in Deutschland gibt, hat auch mit einem zweiten großen Schmerzpunkt zu tun: der unklaren Rechtslage, Stichwort Scheinselbständigkeit. Ein Thema, das sowohl bei den Freelancern als auch bei den Unternehmen Unsicherheit bis hin zur Angst auslöst. Dazu Christian Neuerburg, Manager Operations bei der DIS AG: "Der Gesetzesentwurf von Andrea Nahles zur weiteren Regulierung des Arbeitsmarktes wird kommen." Um die rechtlichen Anforderungen zu erfüllen, legt seine Firma denselben Katalog an Prüfkriterien an Selbständige zugrunde wie die deutsche Rentenversicherung. Neuerburg weiß: Eben jener Katalog der Rentenversicherung ist keine Drohkulisse, sondern "gelebte Realität".

Die Computerwoche lud Mitte Oktober zu einer Diskussionsrunde über den IT-Freiberuflermarkt. Insgesamt diskutierten 15 Vertreter von Personaldienstleistern an drei Tischen.
Die Computerwoche lud Mitte Oktober zu einer Diskussionsrunde über den IT-Freiberuflermarkt. Insgesamt diskutierten 15 Vertreter von Personaldienstleistern an drei Tischen.

Wie Michael Girke, Partner bei Q-Perior, beobachtet, beschäftigt dieses Thema ganze Compliance-Abteilungen. Manche Branchen allerdings wollen schon gar nicht mehr mit Freiberuflern zusammenarbeiten, etwa Risiko-averse Versicherungen. Sthree-Manager Houtepen nickt. Er sehe bei diesem ganzen Themenkomplex viel "gefährliches Halbwissen", sagt er. Immerhin kann Etengo-Chef Reuter die Kollegen beruhigen. Er engagiert sich zum Beispiel gemeinsam mit dem Deutschen Bundesverband Informationstechnologie für Selbständige (DBITS) und leistet Lobbyarbeit auf bundespolitischer Ebene. "Selbst Nahles hat mit dem Dialogprozess ,Arbeiten 4.0' verstanden, dass sie ein hundert Jahre altes Gesetzeswerk nicht einfach in neue Formen klopfen kann", versichert Reuter. Erleichtertes Gelächter.

Mehr Präzision bei den Begrifflichkeiten nötig

Gleichzeitig sind sich die Gesprächspartner jedoch darin einig, dass sie selbst nicht immer präzise beim "Wording" sind. Arbeitnehmerüberlassung, Zeitarbeit, freie Mitarbeit - zu oft würden die Begrifflichkeiten durcheinander gebracht. Auch das ist für Top ITservices-Director Raschia wiederum eine deutsche Besonderheit. "Wenn Sie sich beispielsweise in England mit 'Recruiting Industry' vorstellen, weiß jeder, was gemeint ist", sagt er. In Deutschland müsse die Assoziationskette "Personaldienstleister" zu "Blue Collar" und "billige Arbeitskräfte" aufgelöst werden.

Damit rennt er bei Reuter offene Türen ein. "Wir als Branche werden von der Politik leider immer noch als versprengter Haufen wahrgenommen", überlegt er, "dabei sind wir ein Markt, der kontinuierlich zweistellig wächst." Im kommenden Jahr, ist der Etengo-Chef überzeugt, werden die Vermittler die Zehn-Milliarden-Marke knacken. Reuter: "Damit gehören wir zu den Top-15-Branchen der deutschen Wirtschaft!"

Die Computerwoche lud Mitte Oktober zu einer Diskussionsrunde über IT-Freiberufler. Dieser Text ist der erste Beitrag einer dreiteiligen Serie dazu.

 

Olaf Barheine

Fünf bis zehn Projektanfragen pro Tag? So schlimm ist es bei mir gottlob noch nicht. Aber mehrmals in der Woche werde ich von Vermittlern mit ihren Projekten telefonisch, per E-Mail oder über soziale Netzwerke behelligt. Ich bin nun seit fast 15 Jahren freier Berater und Entwickler. Einen Vermittler für Aufträge brauchte und wollte ich in dieser Zeit noch nicht.

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