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Fortschritt in der Schmerztherapie

26.02.2008
Von Handelsblatt 
Schmerzstopp auf Knopfdruck: Mit einer neuen Medikamentenpumpe, die wie ein Pflaater auf die Haut geklebt wird, können Patienten die Wirkstoffdosis selbst bestimmen. Doch noch ist die Erfindung zu teuer für den breiten Einsatz. Deshalb arbeiten die Forscher an weiteren Verbreichungswegen für Schmerzmittel - zum Beispiel als Lutscher.

BERLIN. An deutschen Krankenhäusern wird zu viel gelitten. Etwa jeder zweite Patient ist mit der Schmerztherapie nach seiner Operation unzufrieden. Experten machen vor allem organisatorische Unzulänglichkeiten dafür verantwortlich. Lange Kommunikationswege und eine häufig übervorsichtige Dosierung verhindern demnach die zeitnahe Erlösung des Patienten von seinen Schmerzen. Verbessern könnte die Schmerztherapie eine miniaturisierte Schmerzmittelpumpe, die der Arzneimittelhersteller Janssen-Cilag nun auf den Markt gebracht hat. Sie wird wie ein Pflaster auf die Haut geklebt. Das Besondere: Der Patient kann sich durch einen Knopfdruck das enthaltene Schmerzmittel selbst verabreichen.

Die Pumpe ist etwa so groß wie eine Scheckkarte. Sie ist mit Fentanyl befüllt, einem Schmerzmittel, das rund hundertmal stärker ist als Morphium. Damit die Pumpe nicht unfreiwillig ausgelöst werden kann, muss der Patient zu ihrer Aktivierung zweimal hintereinander einen Knopf drücken. Ein nicht spürbarer elektrischer Strom bringt dann eine definierte Dosis des Schmerzmittels in die Haut, von wo das Medikament schnell in den Blutkreislauf gelangt. Nach einer Pause von zehn Minuten lässt sich das Gerät erneut aktivieren. Durch die Gabe vieler kleiner Einzeldosen kann sich Patient selber an die nötige Dosis herantasten, die zur Linderung seiner Schmerzen nötig ist.

So könnten nach Meinung der Experten künftig die Wartezeiten vermieden werden, die entstehen, wenn der Patient die Pflegekraft um ein Medikament gegen die Schmerzen bittet, diese aber erst mit dem Arzt Rücksprache halten muss. "Dabei kann locker eine halbe Stunde vergehen", sagt Stefan Grond, Chefarzt der Anästhesie am Klinikum Detmold-Lippe. Häufig dauert es eine weitere halbe Stunde, bis das Medikament wirkt.

Die unzureichende Versorgung mit Schmerzmitteln bringt neben unnötigem Leid nach Meinung der Mediziner auch handfeste Risiken mit sich. "Die Folge können chronische Schmerzen sein", nennt Grond ein Beispiel. Auch als Ursache von Komplikationen wie Lungenentzündungen oder Wundheilungsstörungen werden die Schmerzen nach der OP diskutiert. Ein Patient, der unter Schmerzen leide, sei zudem schwerer zum Aufstehen und zu krankengymnastischen Übungen zu bewegen, sagt Grond. Das verzögere unter Umständen die Genesung, was letztendlich zu zusätzlichen Kosten für den Krankenhausaufenthalt führt.

Vor allem nach großen, schmerzhaften Eingriffen setzen die Mediziner deshalb auf das Prinzip der so genannten Patienten-kontrollierten Analgesie, bei der der Patient sich das Schmerzmittel je nach Bedarf selber zuführen kann. Bislang stehen dafür spezielle Schmerzmittelpumpen zur Verfügung, die neben das Bett gestellt werden und dem Patienten auf Knopfdruck eine vorprogrammierte Dosis Schmerzmittel verabreichen. "Infusionsnadeln, Schläuche und Kabel sind aber unbequem für den Patienten und schränken ihn in seiner Beweglichkeit ein", sagt Grond. Zudem seien die komplexen Geräte teuer in der Anschaffung, Programmierfehler nicht ganz auszuschließen.

Anders bei der neuen Schmerzmittelpumpe Ionsys. Da diese auf dem Arm klebt, fallen Schläuche und Kabel weg, die Verabreichung per Strom durch die Haut macht Nadeln unnötig. "Die Patienten können somit wesentlich leichter aufstehen", sagt Grond, der die Mini-Pumpe bereits in Studien getestet hat. Seine Erfahrung: Das High-Tech-Schmerzpflaster ist genauso effektiv wie die klassischen Schmerzmittelpumpen: Programmierfehler sind dank der feststehenden Dosis ausgeschlossen. Die Akzeptanz bei Patienten und Personal sei "extrem hoch".

Ob das neuartige System breite Anwendung findet, ist dennoch fraglich. Denn das aufwendige Einmal-Gerät ist relativ teuer. Zudem sei eine intensive Schulung des Personals und eine sorgfältige Einweisung und Überwachung der Patienten unabdingbar", sagt Peter Steffen, Leiter der Sektion Schmerztherapie an der Uniklinik Ulm. Denn die starken Schmerzmittel können gravierende Nebenwirkungen haben. Sie fahren die Darmaktivität drastisch herunter und bremsen die Atmung, was im Extremfall zum Atemstillstand führen kann.

Nach Einschätzung des Mediziners entstehen durch den Einsatz der neuartigen Pumpe auf jeden Fall zusätzliche Kosten - egal, ob sie als Ersatz der klassischen Schmerzmittelpumpen oder zur Verbesserung der gewöhnlichen Schmerztherapie eingesetzt wird. Forscher suchen deshalb nach weiteren Lösungen, mit denen der Patient sich ebenfalls schnell und eigenständig ein Schmerzmittel verabreichen kann. So bietet das Unternehmen Cephalon das starke Opiat Fentanyl auch als Lutscher an - bislang aber nur für Krebspatienten, die unter starken Schmerzen leiden. Das Schmerzmittel wird zu einem großen Teil direkt über die Mundschleimhaut aufgenommen - das ist schneller und effektiver als über den Verdauungstrakt.

Nycomed hat mit demselben Ziel einen Fentanyl-haltigen Nasenspray entwickelt, der schon bald zugelassen werden soll. Die Wirkung tritt nach ersten Studien genauso schnell ein wie nach einer Injektion des Schmerzmittels. Ob diese Anwendungsformen tatsächlich kostengünstiger sind und sich für den Einsatz in der Schmerztherapie nach Operationen eignen, ist aber nach Meinung der Experten noch nicht sicher.