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Europas Vorsprung im M-Commerce bringt US-Wirtschaft ins Schwitzen

31.08.2000
Günstige Signale für Europa im Weltmarkt

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - In den USA mehren sich die Sorgen, Europa und Asien könnten den Amerikanern in Sachen Internet und E-Commerce die Schau stehlen. Vor allem die starke Nutzung des Mobilfunks in den meisten europäischen Ländern und in Japan deuten auf eine bessere Positionierung im internationalen Wettbewerb hin.

Don Tapscott und David Ticoll schlugen in der CW-Schwesterpublikation "The Industry Standard" Alarm. Zwar seien die USA und Kanada weltweit deutlich führend, was Internet-Nutzung und Hosts pro Einwohner betrifft, doch die Zukunft gehöre dem Mobile Commerce – und hier sei die Neue Welt schlecht gerüstet. Die Mahner sind Geschäftsführer der amerikanischen Strategieberatungs- und Marktforschungsfirma Digital4Sight und haben sich unter anderem als Autoren des Internet-Bestsellers "Digital Capital: Harnessing the Power of Business Webs" jenseits des Atlantiks einen Namen gemacht.

Die Zukunft gehöre dem drahtlosen, allgegenwärtigen Netzzugang. Mobiltelefone entwickelten sich zu kompakten Tools, die nicht nur Telefonie, sondern auch Internet-Anschluss und die Verwaltung persönlicher Daten erlaubten. Über kurz oder lang kommunizierten PCs, Internet-Devices, Smartcards, Music-on-Demand-Abspielgeräte - sogar Cola-Automaten über eine drahtlose Infrastruktur.

Europa habe in diesem Markt die Nase vorn, auch wenn dort erste Prognosen über die Zukunft drahtloser Technologien revidiert werden mussten. Fakt sei, dass schon vor einem Jahr in Finnland mehr als 90 Prozent aller Teenager mobil telefoniert hätten. Nicht nur im Land von Nokia und Sonera, auch in Großbritannien gebe es inzwischen mehr Handys als Haushalte.

Bereits zehn Millionen Anwender, die per Mobiltelefon und dem landeseigenen Web-Standard I-Mode ins Web gingen, würden derzeit in Japan gezählt. Damit besäßen in Nippon mehr Menschen einen mobilen Netzzugang als der Rest der Menschheit.

Die US-Autoren beobachten mit Unbehagen, dass europäische und japanische TK-Carrier wie British Telecom, Sonera, NTT Docomo oder die Deutsche Telekom durch Partnerschaften und Akquisitionen aggressiv auf den Weltmarkt drängen. Wenn es stimme, dass sich Unternehmen mit einem "First-Mover"-Status einen entscheidenenden Vorteil sichern könnten, dann sollten nach Meinung des Duos die amerikanischen Branchenführer gewarnt sein. Sonst würden nicht nur die sogenannten Brick- and-Mortar-Unternehmen, sondern auch die heute populären Dotcoms eine böse Überraschung erleben.

"In der Welt des drahtlosen Webs benutzen Konsumenten 50-Dollar-Geräte und keine 2000-Dollar-PCs für den Netzzugang", prophezeien die Autoren. Solche Handhelds würden sich durchsetzen wie das Telefon, virtuelle Marktplätze stünden künftig gleichberechtigt neben realen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung müssten Internet-Vorreiter wie Amazon.com, Charles Schwab oder Ebay schleunigst ihre Strategie ändern und Web-Inhalte für alle Endgeräte und alle Bevölkerungsgruppen zugänglich machen. Es reiche nicht mehr aus, die Elite der gebildeten und vermögenden Kunden anzusprechen. In der nächsten Welle des E-Commerce gehe es um den Massenmarkt.

"Gegenwärtige Geschäftsmodelle für E-Commerce taugen nicht für die Zukunft - auch wenn sie durchaus relevante Produkte und Services anbieten - weil die zugrundeliegende Einschätzung des künftigen Anwenderverhaltens in der Regel falsch ist. Die mobilen Anwender von morgen spiegeln exakt die Demographie der amerikanischen Bevölkerung wider – und diese besitzt beispielsweise zur Hälfte keine Kreditkarte, eine zwingende Voraussetzung für den Einkauf auf vielen Websites." Tapscott und Ticoll sind fest davon überzeugt, dass diejenigen US-Unternehmen künftig eine Chance haben, die sich gegenwärtig in Asien und Europa umschauen, wo der Wireless-Boom bereits eingesetzt hat.

IDC: Europäer investieren

intelligenter in IT

Die Thesen des Autorenduos werden von Marktforschern gestützt. Die Analysten von IDC prophezeien, bis 2004 werde es in Westeuropa mehr als 300 Millionen Mobilfunk-Teilnehmer geben. Dann telefonierten mehr Menschen im mobilen als im Festnetz. Ende dieses Jahres belaufe sich die Zahl der Handys bereits auf 200 Millionen Stück, heißt es in der IDC-Studie "Western European Cellular Market Assessment: Forecast and Analysis, 1999-2004".

IDC sieht Europa im drahtlosen Telefonie- und Datenübertragungs-Geschäft vorn – und damit auch im gesamten IT-Markt. Beispielsweise werde in Schweden inzwischen ein höherer Prozentsatz des Bruttoinlandsproduktes in IT investiert als in den USA. Die Schweiz, Dänemark und Norwegen hätten die höchsten IT-Ausgaben pro Einwohner weltweit.

Das starke Interesse an Handys und preiswerten Geräten für den mobilen Netzzugang führe dazu, dass in Europa die Ausgaben für Hardware nicht mehr so schnell stiegen wie für Software und Services. IDC-Analyst Stephen Minton beobachtet, dass die Europäer neue Technologien schneller annehmen und ihr IT-Budget moderner planen. Es werde weniger Wert auf neue Hardware und auf den Ausbau des Festnetzes gelegt als auf innovative Software und Services.

Im vergangenen Jahr flossen 42 Prozent der IT-Ausgaben amerikanischer Unternehmen in Hardware. In Europa waren es nur noch 38 Prozent, in Großbritannien sogar weniger als 32 Prozent. "In den USA wird die Marktentwicklung zwar grundsätzlich ähnlich beurteilt, aber in Europa, insbesondere in Großbritannien, vollzieht sich der Wandel schneller", beobachtet Minton.

Eine neue Generation junger IT-Manager habe in vielen europäischen Unternehmen das Ruder übernommen - und sie habe den Einsatz immer neuer Hardware als unsinnigen Verlustbringer identifiziert. Diese Manager wüssten, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit nahezu ausschließlich mit dem Einsatz innovativer Softwareprodukte beeinflussen lasse.