"Etliche SAP-Kunden nutzen Oracles Middleware"

Vice President Software & SaaS Markets PAC Germany
Christoph Witte ist freier Publizist und Kommunikationsberater.
Bisher konnte Oracle in Deutschland mit den hinzugekauften Geschäftsapplikationen nicht landen. Das wird sich bald ändern, versichert der Datenbankhersteller. Mit Jürgen Kunz, Geschäftsführer von Oracle Deutschland, sprachen die CW-Redakteure Frank Niemann und Christoph Witte über Middleware-Strategien in einem von SAP dominierten Applikationsmarkt.

CW: Ihr Unternehmen verfolgt eine aggressive Akquisitionsstrategie, die mit dem geplanten Kauf von Hyperion ihre Fortsetzung findet. Was haben Sie mit dem Business-Intelligence-Anbieter (BI) vor?

KUNZ: Wie sich das im Einzelnen darstellt, darüber darf ich keine Auskunft geben, da die Übernahme noch nicht vollzogen ist. Natürlich haben wir klare Vorstellungen, wohin die Reise geht.

CW: Im BI-Umfeld hat Oracle schon einiges im Portfolio, zudem haben Sie mit der Siebel-Übernahme auch ein Analyseprodukt erworben. Von dieser Software muss sich doch einiges mit dem Hyperion-Angebot überschneiden?

KUNZ: Ich bitte um Verständnis, dass ich dazu nicht viel sagen kann. Zunächst einmal haben wir den Hyperion-Aktionären ein Angebot unterbreitet. Wir glauben, dass die Produkte gut in unser BI- und Middleware-Konzept passen. Unser Ziel ist eine breite Plattform, die offene Standards verwendet und Kunden alles aus einer Hand anbietet. Darum sprechen wir auch von der Fusion Middleware Suite. Bei Großfirmen entsteht oftmals gerade dadurch ein Wildwuchs an Infrastrukturlösungen, weil sie für den Betrieb ihrer Anwendungen, zur Integration von Software, für Portale, Business Intelligences sowie zur Integration verschiedene Werkzeuge verwenden müssen.

CW: Sie wollen also die Middleware beim Kunden konsolidieren?

KUNZ: Wir wollen der führende Anbieter von Middleware werden und dafür sorgen, dass der Wildwuchs und damit der Zwang zur Konsolidierung erst gar nicht entsteht.

CW: Ihr Hauptkonkurrent im Applikationsgeschäft SAP investiert kräftig in Middleware. Entscheidet die Plattform über die Vorherrschaft im ERP-Umfeld?

KUNZ: Das sehe ich ähnlich. Hier stellt sich die Frage, wie gut die Middleware mit der Standardapplikation vernetzt ist. Wie viele SAP-Kunden nutzen denn "Netweaver" wirklich? Etliche von denen haben sich ganz bewusst für Oracles Middleware entschieden, um den eingangs erwähnten Wildwuchs zu vermeiden und sich funktional breiter aufzustellen, etwa in Sachen Business Intelligence.

CW: Geht es Ihnen umgekehrt nicht genauso, dass ein Kunde Ihrer Anwendungen sich für eine andere Middleware entscheidet? Einige große Firmen wollen ihre eigene IT-Architektur entwickeln und lassen sich nicht einfach auf die Konzepte ihres Softwarelieferanten ein.

KUNZ: Wir müssen die Kunden überzeugen, dass die Integration von Middleware und Applikation von Vorteil ist. Heute ist nicht mehr allein die Funktionstiefe zum Beispiel einer Supply-Chain-Anwendung entscheidend, sondern auch, wie flexibel die unterliegende Architektur ist, damit Anwender ihre strategischen Zulieferer eng in ihre Prozesse einbinden können.

CW: "Für die meisten gilt Oracle als Datenbankanbieter. Sie sprechen aber hauptsächlich von Geschäftsapplikationen und Middleware. Liegt das daran, dass im Datenbankgeschäft die Margen schwinden und die Lösungen der Hersteller austauschbar werden?

KUNZ: Das wird sehr häufig so dargestellt, aber wir erwarten nach wie vor gute Geschäfte im Datenbanksegment. Das Datenvolumen bei den Kunden wächst ja ständig, ganz gleich, ob sie selbst ein Rechenzentrum betreiben oder auf Outsourcer zurückgreifen. Somit steigt auch die Nachfrage nach zusätzlichen Datenbankprodukten und beschert uns ein organisches Wachstum. Zudem werden die Unterschiede zwischen den Systemen unterschätzt: Die Spreu trennt sich vom Weizen, wenn Sie die Ansätze für Clustering und Grid-Computing betrachten.

CW: Oracle hat eine Reihe von Applikationslieferanten gekauft, dennoch ist Ihr Unternehmen zumindest in Deutschland mit diesen Produkten praktisch nicht sichtbar. Warum?

KUNZ: Wir werden demnächst über konkrete Erfolge berichten.

CW: Welche Rolle will denn Oracle im deutschen Markt mit Business-Software angesichts einer übermächtigen SAP einnehmen?

KUNZ: Für wie wichtig wir das Thema halten, belegen die Übernahmen von Peoplesoft, Siebel und J.D. Edwards. Außerdem haben wir Ende Januar umfangreiche Neuerungen für die bestehenden ERP-Produkte vorgestellt und werden im nächsten Jahr mit Fusion Application ein neues System auf den Markt bringen.

CW: Setzen Sie in Deutschland andere Prioritäten, etwa verstärkt auf Middleware und Datenbanken, weniger auf Geschäftsapplikationen?

KUNZ: Nein, alle drei Säulen sind gleich wichtig, und wir versuchen, in allen Bereichen zu wachsen. Im Übrigen hängen das Middleware- und das Applikationsgeschäft eng zusammen. Finanzinstitute etwa benötigen Integrationslösungen für ihre Legacy-Software. Sie machen sich zudem Gedanken über ihr nächstes Kernbanksystem. Seitdem wir die auf Bankensoftware spezialisierte i-flex übernommen haben, werden wir in dieser Branche auch als Anwendungslieferant ganz anders wahrgenommen.

CW: Stichwort Angebotsverbreiterung: Sie hatten sich mit Stellent auch in den Markt für das Content-Management eingekauft. Seit der Ankündigung ist es still geworden. Was ist los?

KUNZ: Die Integration ist hierzulande noch nicht vollzogen. Mit den Produkten von Stellent wollen wir Kunden dabei unterstützen, ihre gesetzlichen Auflagen zu erfüllen. Sie sind ein wesentlicher Teil unserer Governance-, Risk- and Compliance-Lösung.

CW: Oracle bleibt seit Jahren der CeBIT fern. Nun will sich die Messe verstärkt Business-Kunden zuwenden. Wird Hannover dadurch wieder interessant für Sie?

KUNZ: Das neue Konzept ist uns bekannt, doch wir bleiben bei unserer Einschätzung, dass die Messe sich in den letzten Jahren in Richtung Telekommunikation und Endkunden entwickelt hat. Wir setzen in Sachen Großveranstaltungen daher lieber auf unsere Hausmesse Oracle Openworld. Dafür nehmen unsere deutschen Kunden auch gern den Weg nach Kalifornien auf sich.

CW: Also auch 2008 kein Interesse an der CeBIT?

KUNZ: Kann ich mir nicht vorstellen.