Kinder an die elektronische Leine

Eltern setzen auf Tracking-Apps

21.10.2015
Ist das der Traum der Helikopter-Eltern? Mit Tracking-Apps kann der Nachwuchs jederzeit geortet und überwacht werden. Doch Kindervertreter und Datenschützer schlagen Alarm.

Den Schulweg verfolgen, Facebook-Freundschaften und Instagram-Bilder durchstöbern oder das Handy aus der Ferne für andere Funktionen sperren, bis die Tochter zurückruft: Mit Hilfe diverser Apps können Eltern ihren Nachwuchs auf Schritt und Tritt überwachen. Der US-Anbieter "Qustodio" etwa wirbt unverblümt: "Der einfachste Weg Ihre Kinder online zu kontrollieren". Im Angebot: Ortung, Überwachung sozialer Netzwerke, Sperren unerwünschter Kontakte. Und der "Unsichtbar-Modus" sorge dafür, dass das Kind die Kontrolle gar nicht mitbekomme.

Kontrolle sei besser, proklamieren Anbieter wie Qustodio.
Kontrolle sei besser, proklamieren Anbieter wie Qustodio.

"Ich halte das für einen vollkommen falschen Weg", sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker. "Alle in Deutschland haben mit Betroffenheit erlebt, wie uns die NSA überwacht. Niemand will das. Ich kann nicht nachvollziehen, warum wir das bei unseren eigenen Kindern machen, nur weil sie Kinder sind."

In einer Notlage oder bei demenzkranken Menschen mag so eine Funktion sinnvoll sein. Als Schutz vor einem Sexualtäter könne aber auch eine Tracking-App meist wenig ausrichten, meint der frühere Polizeidirektor. "Der weitaus größte Teil der sexuellen Übergriffe kommt aus dem unmittelbaren Nahbereich des Kindes, etwa vom Stiefvater oder Onkel." Nach Ansicht von Becker gefährden die Apps den Persönlichkeitsschutz und die Entwicklung der Jungen und Mädchen, die ihren Freiraum brauchen. "Ein Kind, das ständig überwacht wird, muss denken, dass man ihm nicht vertraut und ihm nichts zutraut. Wie soll es so ein Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen bilden?"

Anders sieht es Ralf Kiene. Kein Wunder, der zweifache Vater aus Saarbrücken hat 2010 die "iNanny" entwickelt, eine GPS-Funktion, mit der Menschen geortet und Bewegungsabläufe verfolgt werden können. "Eltern, die ihren Kindern hinterherschnüffeln - und die gibt es ja auch - finden immer Mittel und Wege." 50.000 "Nannies" seien bereits in Deutschland im Einsatz, für Demenzkranke, Familienmitglieder und ja, auch für Kinder.

Aber wer benutzt überhaupt solche Angebote? "Ich finde das total fatal. Man muss doch ein Urvertrauen in sich selbst und in die Kinder haben", sagt eine dreifache Mutter aus Frankfurt. "Es gehört dazu, Grenzen zu überschreiten." Nein, sie benutze nicht solche Apps, beteuert auch eine Berliner Mutter. Aber sie habe das Gefühl, dass das Interesse an solchen Produkten wachse. "Das ist so ähnlich wie mit Botox, keiner gibt es zu - aber dann machen es doch viele."

Und der Markt ist vielfältig. "Wo ist Lilly?" war ursprünglich auf GPS-Sender für Hunde und Katzen spezialisiert. Doch längst hat die Berliner Firma bunte GPS-Kinderuhren für 199 Euro im Angebot. Per dazugehöriger App können diese lokalisiert werden. Ein "Geo-Zaun" ermöglicht die Markierung eines Bewegungsfelds. "Wenn das Kind sich aus diesem Radius entfernt, erhalten Sie eine Meldung darüber. Zudem wird Ihnen signalisiert, sobald das Kind die Uhr ablegt, da auch hier ein Sensor verbaut ist", heißt es auf der Homepage. Die Nutzer sind begeistert: "Der Weg von der Schule nach Hause ist nun kein Problem mehr. Eine kurze Ortung und man weiß Bescheid", schreibt eine Mutter.

Eine digitale Schutzzone gibt es auch bei der "iNanny". Den Vorwurf der Überwachung will Macher Kiene nicht gelten lassen. "Das Gros der Eltern nutzt das Angebot, um den Nachwuchs zu beschützen, ihm mehr Freiheiten zu überlassen - und nicht um zu spionieren." Auch er habe die "iNanny" verwendet, als seine Kinder noch kleiner waren. Heutzutage sei sie noch manchmal im Einsatz, etwa im Skiurlaub.

Datenschützer sehen die Entwicklung dennoch kritisch: Schleichend werde eine Überwachungsstruktur geschaffen, "an die sich alle Beteiligten gewöhnen", sagt Klaus Globig, der stellvertretende Landesdatenschutzbeauftragte aus Rheinland-Pfalz. Er warnt vor Missbrauchsmöglichkeiten. "Die Frage ist, wer kann auf solche Standortinformationen zugreifen? Im technischen Bereich ist ja nie etwas absolut sicher und unknackbar."

"Auf die Helikopter-Eltern folgen offenbar die Drohnen-Eltern", schrieb bereits der "Spiegel" vor einigen Wochen. Und das Angebot ist erstaunlich: Der US-Anbieter "Ignore No More" etwa hat sich auf das Wegdrücken und Ignorieren elterlicher Anrufe spezialisiert. Gehen die Kinder nicht ans Handy, können Papa und Mama es solange sperren, bis der Nachwuchs sich zurückgemeldet hat. Mit "MamaBear" können Eltern Aktivitäten auf sozialen Netzwerken verfolgen oder Textnachrichten mitlesen. Und wenn das Kind etwa bei WhatsApp Wörter benutzt, die auf selbstgesetzten Index-Liste stehen, wird Alarm per App geschlagen.

"Auch Kinder haben das Recht auf das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis", sagt Becker von der Kinderhilfe. Die gesamte Entwicklung sei kritisch. "Das ist ein Geschäft mit dem schlechten Gewissen der Eltern. Eltern, die ihre Kinder begleiten - und ich meine nicht kontrollieren - die bekommen in der Regel mit, wenn sich etwas verändert oder nicht in Ordnung ist." Es bringe nichts, ein Versagen in der Erziehung mit einer Technik kompensieren zu wollen. (dpa/tc)