Grandseigneur der Informatik tot

Eike Jessen ist gestorben

Jan-Bernd Meyer betreut als leitender Redakteur Sonderpublikationen und -projekte der COMPUTERWOCHE. Auch für die im Auftrag der Deutschen Messe AG publizierten "CeBIT News" ist Meyer zuständig. Inhaltlich betreut er darüber hinaus Hardware- und Green-IT- bzw. Nachhaltigkeitsthemen sowie alles was mit politischen Hintergründen in der ITK-Szene zu tun hat.   
Die Anzeigen des Hochschulrats und des Deutschen Forschungsnetzes (DFN) zum Tod des emeritierten Ordinarius für Informatik an der Technischen Universität Münchens, Eike Jessen, beweisen die große Hochachtung, die die Wissenschaft einem der Ihren entgegenbringt.

Jessen, der als herausragender Vertreter seiner Zunft in die Hall of Fame der IT der COMPUTERWOCHE aufgenommen wurde, ist am 18. März 2015 gestorben.

Foto: Eike Jessen, TU MÜNCHEN

Geboren wurde der vielleicht letzte Universalist der deutschen Informatik und Sohn des von den Nazis ermordeten Wirtschaftswissenschaftlers Jens Jessen am 28. August 1933. In Berlin aufgewachsen, studierte Jessen ab 1954 Nachrichtentechnik an der Technischen Universität in Berlin-Charlottenburg. Weitere Stationen seiner Laufbahn waren die Mitarbeit in einem Forschungsteam, das sich der Echtzeitverarbeitung von Radarinformationen widmete. In seiner Doktorarbeit beschäftigte sich Jessen mit den technischen Möglichkeiten von Assoziativspeichern.

Ein Meilenstein seiner Vita war die Tätigkeit bei AEG Telefunken in Konstanz. Dort trieb er federführend die Entwicklung des seinerzeit schnellsten Großrechners, des TR440, voran. Das vom Bund hälftig finanzierte Vorhaben kann man füglich als - heute würde man sagen - Leuchtturmprojekt bezeichnen. Der TR440 war damals der schnellste Time-Sharing-Großrechner Europas. Zum Vergleich: Seine Taktfrequenz betrug sensationelle 16 MHz. Herausragende Eigenschaft des Boliden: Er dürfte einer, wenn nicht der erste Rechner gewesen sein, den man mit einer Maus bedienen konnte.

1972 wechselte Jessen als Professor an die Universität Hamburg. Dort baute er einen Lehrstuhl für Rechnerarchitektur auf. 1983 führte ihn seine Laufbahn an die Technische Universität München. Dort konzentrierte sich Jessen auf die Fortführung der Systemanalyse und Modellierung von einzelnen Rechensystemen.

Im weiteren aber fokussierte er sich auf den Aufbau des DFN und die Entwicklung von Rechnernetzen, verteilten Systemen und Grids. 1984 wurde das DFN als Verein und als großes BMBF-Verbundprojekt gegründet. Dessen Vorstandsmitglied im Gründungsvorstand war Jessen von 1984 bis 1990. Von 1988 bis 1990 fungierte er als Vorstandsvorsitzender.

Eike Jessen wurde 1993 für seine Verdienste für die deutsche Informatik das Bundesverdienstkreuz am Band verliehen. Als zweiter Vizepräsident der TU München (1994-1996) konzipierte er den ersten Hochschulentwicklungsplan mit einem Schwerpunkt auf Auslandsbeziehungen. 1997 bis 2005 übernahm er erneut den Vorsitz des DFN. In dieser Zeit erhielt er 2004 von der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI), deren Gründungsvorstand er war, die Auszeichnung "Fellow der GI" für seine wissenschaftlichen Verdienste und ehrenamtlichen Tätigkeiten im langjährigen Engagement für das deutsche Forschungsnetz und das deutsche Wissenschaftsnetz. (jm)