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DMMK: Multimedia-Branche träumt von besseren Zeiten

24.04.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Auf dem 10. Deutschen Multimediakongresses (DMMK) in Stuttgart legten die Branchenvertreter viel Zweckoptimismus an den Tag. Doch immer wieder war die Sorge durchzuhören, ob genügend Investitionen den Multimedia-Motor am Laufen halten werden. Als Visionär versuchte sich zu Beginn des dreitägigen Kongresses Telekom-Chef Ron Sommer. In seiner Keynote beschwor er die Möglichkeit, das Internet mit Hilfe der Breitbandkommunikation neu zu erfinden. Durch die verbesserte Datenübertragung könnten multimediale Inhalte wie zum Beispiel Videos schneller übertragen werden.

Die Zeichen dafür stehen seiner Ansicht nach gut. Bereits rund 2,5 Millionen Kunden hätten sich für einen DSL-Anschluss der Telekom entschieden. Auch in Sachen Mobile Internet seien die Weichen mit dem künftigen Standard UMTS bereits gestellt. Unter diesen Voraussetzungen befinde sich die Multimedia-Kommunikation kurz vor dem Durchbruch zum Massenmarkt, prognostizierte der Telekom-Boss.

Allerdings müssten die Unternehmen dazu die bisher aufgebauten Strukturen in Frage stellen. Dazu seien Mut und Visionen notwendig, fordert Sommer, da die augenblickliche Situation in der Medienbranche zweifellos schwierig sei. So müssten sich beispielsweise die Nutzer von der Kostenlos-Mentalität im World Wide Web verabschieden. Es koste Geld, multimediale Inhalte zu entwickeln und im Netz anzubieten. Er zweifle nicht daran, dass die Anwender bereit seien, für attraktive und nutzbringende Inhalte zu zahlen, versichert der Telekom-Chef.

Das Thema Geld stand bei vielen Diskussionen der 1600 Kongressteilnehmer im Mittelpunkt des Interesses. So haben nach Einschätzung von Florian Dehnhard, E-Business-Consultant bei der Firma Concept, die Controller in den meisten Unternehmen nach wie vor die Oberhand. Online-Projekte müssten deshalb verstärkt in die Gesamtprozesse eingebunden werden.

Pragmatismus macht sich auch in der Führungsebene des Deutschen Multimediaverbandes (DMMV) breit. So sei der Kongress in der Vergangenheit oft eine Bühne für Seifenblasenakrobaten gewesen, erklärt Geschäftsführer Alexander Felsenberg selbstkritisch. Doch dies sei vorbei. Jedes Jahr habe die Branche eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Das dürfe man heute unter dem Punkt "falsch gelaufen" abhaken. "Wir sind wohl erwachsen geworden", resümiert Rainer Wiedmann, Präsident des Verbandes. "Unsere Branche ist der Motor der Gesamtwirtschaft, die auf die Digitalisierung angewiesen ist."

Hoffnung versucht auch Joe Schoendorf, Gründungsmitglied des Venture-Capital-Unternehmens Accel Partners, zu verbreiten. So sei zwar das "Tal der Tränen" noch nicht durchschritten, doch entständen die besten Geschäftsideen oft dann, wenn der Markt am Boden liege. Bestes Beispiel seien Hewlett-Packard (HP) und Cisco, die während der Krisenphasen 1939 und 1984 gegründet wurden.

Doch sei es in der momentanen Konjunkturdelle nicht gerade einfach, eine Firma zu gründen, räumt Peter Ladwig von der Börse Stuttgart ein. Lag das Geld in den Jahren 1999 und 2000 quasi noch auf der Straße, bleibt es heute meist auf der Bank, so seine Einschätzung. Kaum noch ein Kapitalgeber glaube an Technologiefirmen, die sich in Sachen Software oder Internet engagierten. Deshalb bekämen auch gute Geschäftsmodelle momentan oft keine Chance.

Unternehmer müssten sich heute besser verkaufen, fordert der Börsenmann. Sie hätten ihre Geschäftsidee genau zu prüfen und ihre Strategie strikt auf Ertrag auszurichten. Außerdem forderten die Geldgeber verstärkt Erfahrungen darin, wie man ein Unternehmen aufbaut und zu führt. Die Einschätzung vergangener Jahre, "wer Geld verdient, ist nicht unternehmerisch genug", gelte nicht mehr.

Allerdings hat der spärliche Fluss des Risikokapitals auch Vorteile, glaubt Peter Würtenberger, Managing Director von Bild.de. Die Unternehmen seien damit nicht mehr so abhängig von den Geldgebern, die oft nicht warten wollten, bis eine neue Technik ausgereift und vermittelbar ist. Bestes Beispiel sei die WAP-Technik, die durch ihren zu frühen Marktauftritt gescheitert sei.

Das richtige Timing scheint aber gerade im mobilen Sektor keine einfache Angelegenheit zu sein. Nach Einschätzung des unabhängigen Beraters Detlef Marsch gibt es im Augenblick keine Serviceangebote, die sich rechnen. Dies werde sich auch mittel- und langfristig nicht ändern. Zu viele Glieder in der Wertschöpfungskette wollten mitverdienen. Um ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu etablieren, müssten die Hersteller außerdem noch viele Probleme wie zum Beispiel die fehlenden Standards lösen. Auch die Frage, welche Inhalte die Kunden wünschten, sei nicht gelöst, kritisiert Marsch.

Mit diesem Problem kämpft jedoch die gesamte Branche. So ließen sich die Bedürfnisse der Menschen nicht so einfach vorhersagen, erläuterte der Internet-Investor und Publizist Florian Langenscheidt. Es gebe immer wieder Überraschungen, wie das Beispiel Short Message Services (SMS) zeige, das, als Nebenprodukt geplant, zum Massenmedium avancierte. Die Anbieter müssten sich verstärkt in ihre Kunden hineinversetzen und fragen, welche Inhalte ihnen Geld wert sein könnten.

Dabei ist jedoch Kreativität gefragt. Auch Kapitalgeber Schoendorf fordert, dass mit jeder neuen Plattform auch eine neue Art Entertainment erfunden werden müsse. So sei die Zahl der verkauften TV-Geräte auch erst in den 50er Jahren explodiert, als eine neue Fernseh-Show für die entsprechende Nachfrage sorgte. Kritiker bemängeln jedoch, dass es der Branche genau an dieser nötigen Kreativität fehle.

Wirkliche Innovationen suchte man auf dem Kongress vergebens. (ba)