Nachruf

Die Rezession hat SOA das Genick gebrochen

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
SOA ist tot, doch Softwareservices werden weiter bestehen, schreibt Anne Thomas Manes von der renommierten Burton Group in einem Nachruf auf das Konzept der Service-orientierten Architektur.

In der Kritik stand SOA schon lange. Zu teuer, zu komplex, zuviel Marketing und zu wenig konkreter Nutzen für das Geschäft, lauteten gängige Argumente. Nun hat die amerikanische Analystin Anne Thomas Manes, eine der prominentesten Expertinnen auf dem Gebiet, einen Nachruf verfasst. "SOA ist am 1. Januar 2009 untergegangen", schreibt sie in einem Blog-Posting. "Die katastrophalen Auswirkungen der Rezession hätten der Idee den Todesstoß versetzt. Überleben werden ihrer Einschätzung nach einige Abkömmlinge der SOA: Mashups, Business-Process-Management (BPM), SaaS, Cloud Computing und andere Architekturansätze, die von Services abhingen (siehe auch: Das Ende des SOA-Hypes).

Wir müssen SOA aus unserem Vokabular streichen, rät die US-Analystin Anne Thomas Manes.
Wir müssen SOA aus unserem Vokabular streichen, rät die US-Analystin Anne Thomas Manes.

Statt eines Heilsbringers habe sich SOA in den meisten Organisationen zu einem "großen gescheiterten Projekt" entwickelt, kritisiert Manes. Die mit SOA verbundenen Versprechen seien nicht eingelöst worden. Nachdem Unternehmen Millionen in das Konzept investiert hätten ständen IT-Systeme nicht besser da als zuvor. In einigen Fällen habe sich die Situation durch höhere Kosten und längere Projektlaufzeiten sogar verschlimmert (siehe auch: Warum SOA-Projekte scheitern).

Erfolgreiche SOA-Einführungen hingen stets mit grundlegenden Veränderungen in der IT zusammen und nicht mit einigen Schnittstellen für bestehende Anwendungen, erläuterte die Analystin in einem Interview: Firmen, die eine solche Transformation geschafft haben, könnten auf spektakuläre Erfolge verweisen. Allerdings sei SOA in solchen Fällen nur Teil einer größeren Initiative gewesen.

Manes, die bei der amerikanischen Marktforschungs- und Beratungsfirma Burton Group die Position eines Research Director innehat, erklärte auch, was Unternehmen ihrer Meinung nach besser machen müssen. Entscheidend sei es, IT-Vorhaben mit den Business-Anforderungen in Einklang zu bringen und die damit einhergehenden Probleme zu verstehen. IT-Verantwortliche sollten die Anwendungsarchitektur als Ganzes unter die Lupe nehmen anstatt nur einzelne Integrationsprojekte zu fahren. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation ließen sich aber immer weniger SOA-Initiativen finanzieren. Die entscheidenden Personen in den Unternehmen seien enttäuscht über die ausbleibenden Erfolge und deshalb nicht mehr bereit, noch mehr Geld für SOA auszugeben.

Dessen ungeachtet bleibe die Nachfrage nach Softwarediensten wie etwa Cloud-Services bestehen, betont die Analystin. Angesichts der geballten öffentlichen Kritik sollten Unternehmen aber auf das Akronym verzichten und stattdessen eher über Begriffe wie Enterprise Service Bus (ESB) reden. Manes: "SOA ist zu einem Unwort geworden. Wir müssen es aus unserem Vokabular streichen."

Mehr zum Thema Service-orientierte Architekturen und Business-Process-Management (BPM) im CW-Experten-Blog SOA meets BPM.