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Deutschland online - "erkenne dich selbst"

12.12.2006
Von Jürgen Liebherr
Eine gemeinsame Studie der Telekom und des Burda-Verlags untersucht die Zukunft des Breitband-Internets.

Eines ist klar: Der Vormarsch des Breitband-Internets ist nicht mehr aufzuhalten. Viele Websites, Anwendungen, Web 2.0-Projekte oder auch Internetfernsehen sind ohne ordentlichen Breitbandanschluss kaum mehr denkbar. Soweit der Ist-Zustand. Doch wohin geht die Reise auf der immer schneller werdenden Datenautobahn? Welche Auswirkungen hat Breitband-Internet auf unsere Gesellschaft, Wirtschaft - ja im Prinzip sogar auf die Zukunft Deutschlands? Mit genau diesen Rätseln beschäftigt sich die über hundert Seiten starke Studie "Deutschland Online 4". Dutzende von Fragestellungen und Antworten, von Statistiken und Diagrammen orakeln über Dinge wie Triple Play, Konvergenz und das Social Web. Konzipiert wurde die nicht repräsentative Studie von der Deutschen Telekom, Hubert Burda Media und dem Uni-Professor Bernd Wirtz.

VoIP, E-Commerce, Web 2.0 und IPTV

Wie kann man den eingangs genannten Vormarsch von Breitbandtechnologie konkreter fassen? Folgt man der Prognose der so genannten "Breitband-Ökonomie-Experten", dann soll die Zahl der Breitbandzugänge von rund elf Millionen im Jahr 2005 (Quelle: Bundesnetzagentur) auf 21 Millionen im Jahr 2010 anwachsen. Auf Basis dieser Anschlussverdoppelung soll 2015 noch einmal eine Steigerung um mehr als 30 Prozent der Breitbandzugänge, auf über 27 Millionen erfolgen. Damit wären in acht bis neun Jahren nahezu 70 Prozent aller deutschen Haushalte ans Breitband-Internet angeschlossen.

Entwicklung der Breitbandnutzungsdaten bis 2015
Entwicklung der Breitbandnutzungsdaten bis 2015

In diesem Zusammenhang ist natürlich die Frage interessant, was denn zukünftig mit den schnellen DSL- oder gar VDSL-Anschlüssen angestellt wird? Im Moment sind zwar Infor mation und Kommunikation immer noch wichtige Nutzungszwecke, doch multimediale Inhalte sind stark im Kommen. Internettelefonie gehört für viele schon zum Alltag. Was denken also die Breitband-Ökonomie-Experten über zukünftige dominante Nutzungsformen? Laut "Deutschland Online 4" meinen sie (siehe Abb. 1), dass die Breitbandkommunikation, gefolgt von E-Commerce und breitbandigen Informationsservices, vorne liegen wird. Auffällig ist der hohe prognostizierte Anteil an User-generated Content (wie er von Web 2.0-Anwendungen bekannt ist) im Jahr 2010 sowie der weitere Anstieg in 2015. Betrachtet man diese Zahlen im Vergleich zu den "traditionell" von Medienunternehmen zur Verfügung gestellten Inhalten, dann deutet sich sogar ein Paradigmenwechsel in der Medienindustrie an. Dieser könnte in der Tat, wie die Studie selber klug feststellt, "dramatische Folgen für die Angebots- und Erlösstrukturen der traditionellen Medienunternehmen haben". Eine Erkenntnis, die Burda und Co. sicher nicht unberührt lassen wird.

Globale Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft

Auch der folgende Komplex sollte - gleichwohl die Ergebnisse wie fast immer nur hypothetisch sind - zum Nachdenken anregen. In welchem Zusammenhang stehen das Breitband-Internet und eine moderne wettbewerbsfähige Informationsgesellschaft beziehungsweise Wirtschaft? Über 90 Prozent der befragten "Experten der öffentlichen Institutionen" messen folgender Aussage eine hohe oder gar sehr hohe Bedeutung zu: "Eine leistungsfähige Breitband-Infrastruktur wird in den kommenden Jahren eine wesentliche Voraussetzung für die globale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen sein." Und immerhin 56 Prozent der Experten öffentlicher Institutionen sehen das Breitband-Internet als einen der Haupttreiber für Innovation und Investitionen in den kommenden Jahren in Deutschland.

Entwicklung der Informationsgesellschaft nach Weltregionen.
Entwicklung der Informationsgesellschaft nach Weltregionen.

Soweit, so gut. Doch schenkt man den folgenden, weitergehenden globalen Untersuchungsergebnissen Glauben, dann scheint echter Handlungsbedarf von Politik und Wirtschaft angesagt zu sein. Erstens: Die "internationalen Experten" sehen - befragt nach der Entwicklung der Informationsgesellschaft in der Triade USA, Asien, Europa - die USA am stärksten vorangeschritten (siehe Abb. 2). Auf dem zweiten Platz befindet sich Asien. Erst dann folgt, wiederum mit deutlichem Abstand, Europa. Zweitens: Auch bei einer Prognose bis zum Jahr 2010 sind die europäischen Staaten das Schlusslicht. Zwar sollen sich alle drei Blöcke in der Entwicklung annähern, aber die Führungsposition unter den Internet-Mächten wird zukünftig Asien zugesprochen, es folgt als zweiter die USA. Drittens: Beim Innovationsranking in Hinblick auf die Entwicklung und Anwendung von Breitband-Internet der einzelnen Staaten liegt Deutschland nur auf einem hinteren Platz. Die konkrete Rangfolge: 1. Südkorea, 2. Japan, 3. Singapur, 4. USA, 5. Hongkong, 6. Schweden, 7. Deutschland, 8. Großbritannien, 9. Frankreich, 10. Spanien. Diese Ergebnisse zeigen, dass Europa (und insbesondere Deutschland) wohl noch viel mehr Gas geben muss, um auf dem Weg zur globalen wettbewerbsfähigen Informationsgesellschaft nicht auf der Strecke zu bleiben.

Konvergenz und Profit

Das Internet und moderne Kommunikationsmittel lassen die Menschen auf der ganzen Welt zusammenrücken. Die fortgeschrittene Digitalisierung führt zudem dazu, dass auch Mediensysteme und Inhalte (die traditionell getrennt waren) zusammenwachsen. Das in diesem Zusammenhang beliebte Stichwort "Konvergenz" betrifft aber sogar ganze Branchen. Telekommunikationsindustrie, Internetbranche, Unterhaltungselektronik- und Medienindustrie nähern sich immer mehr an, konkurrieren um Anteile oder wachsen letztendlich vielleicht zu einem Gesamtmarkt zusammen. So glauben der Studie zufolge über 78 Prozent der Breitband-Experten, dass insbesondere der Wettbewerb der Netzanbieter (Telefon/Kabel/Satellit/Terrestrik) in Zukunft durch die Konvergenz erheblich zunehmen wird. Weitere Folge: Es werden integrierte Medienformate und neue Erlösmodelle entstehen.

Fragt sich nur noch, wer die Profiteure dieser umfangreichen Annährungsprozesse sind? Laut "Deutschland Online 4" dürften die Telekommunikationsunternehmen zwar am stärksten von der Konvergenz betroffen sein (gefolgt von Internetunternehmen, Medienunternehmen und TV-Kabelanbietern), nur leider spiegelt sich das nicht in der prognostizierten Wettbewerbsposition in der Konvergenz. Diesbezüglich billigen die internationalen Experten den Internet-Unternehmen die Pole-Position zu. Mit einigem Abstand folgen Medien- und Telekommunikationsunternehmen sowie schließlich die TV-Kabelanbieter. (ciw)

Fazit

Die Studie Deutschland Online 4 kann zwar nicht mit harten Fakten aufwarten; aber jeder, der will, kann aus den interessanten Er-gebnisse und Experten-Erwartungen lernen. Die geschickten, teils orakelnden Fragestel-lungen liefern Denkanstöße für Politik und Wirtschaft (insbesondere Telekom und Me-dienbranche). Nichts anderes bezweckte übri-gens auch einst das berühmte Orakel von Del-phi: Dort steht am Tempeleingang: „Erkenne dich selbst.“