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Clement prangert Hire-and-Fire-Politik an

08.11.2001
Während der WDR-Computernacht diskutierte die COMPUTERWOCHE mit Edelgard Bulmahn über den Forschungsstandort Deutschland und mit Wolfgang Clement über den deutschen IT-Arbeitsmarkt.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) -Während der WDR-Computernacht diskutierte die COMPUTERWOCHE mit Bundesministerin Edelgard Bulmahn über den Forschungsstandort Deutschland und mit NRWs Ministerpräsident Wolfgang Clement über den deutschen IT-Arbeitsmarkt.

Tipp: Eine Aufzeichnung der Live-Streams vom vergangenen Wochenende können Interessierte in Kürze in unserer "Treffpunkt"-Rubrik abrufen.

Die Diskussion um den Forschungsstandort Deutschland offenbarte zum Teil gegensätzliche Positionen der Teilnehmer. Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung, verteidigte die deutsche IT-Forschung. Diese sei in Bereichen wie der Mobilfunktechnik und den Embedded-Systemen gut aufgestellt. Außerdem habe man in vielen Universitäten und Instituten wie der Fraunhofer-Gesellschaft hervorragende Forschungseinrichtungen. "Diese Stärken muss man weiter ausbauen", forderte die Ministerin.

Darin stimmte Manfred Broy, Professor für Informatik an der TU München, mit Bulmahn überein. Allerdings würden andere Bereiche wie die klassische PC-Software von der Forschungsförderung eher stiefmütterlich behandelt. Hier müsse man sich stärker engagieren. Ein Vergleich zeige, dass die Informatik nur mit einem Fünftel der Mittel unterstützt werde, die beispielsweise für Biologie aufgewendet würden. "Das ist eine katastrophale Zahl." Broy forderte Sonderprogramme, um diese Defizite auszugleichen. Außerdem müsse die Industrie stärker in die Pflicht genommen werden.

Forschung ist besser als ihr Ruf

Für Jose Luis Encarnacao, Direktor bei der Fraunhofer-Gesellschaft, stellt sich die Situation nicht ganz so dramatisch dar. "Internationale Vergleiche zeigen, dass wir mit unserem Know-how besser sind, als wir uns darstellen." Jedoch müsse man auch auf Veränderungen reagieren. Da zurzeit mehr Technologie vorhanden sei, als sinnvoll eingesetzt werden könne, werde die künftige Forschung verstärkt von der Anwendungsseite und den Inhalten geprägt.

Auch Broy warnte davor, den Anwendungsbereich zu unterschätzen. "Software ist schon heute Teil unserer kritischen Infrastruktur." Das sei vielen gar nicht bewusst. Hier müsse mehr Grundlagenforschung betrieben werden. Die Amerikaner würden dieses Segment wesentlich stärker unterstützen. "Wir sind nicht mehr konkurrenzfähig", mahnte der Wissenschaftler.

Es gehe jedoch nicht allein um die Frage, ob nur Grundlagen- oder Anwendungsforschung zu unterstützen sei, so Bulmahn. Die Verantwortlichen in den Unternehmen müssten ihre Aktivitäten nach Stärken priorisieren, an die die Forschung anknüpfen könne. Dann könnten auch wieder mehr junge Leute für die IT-Forschung begeistert werden. "Wir dürfen nicht in ein Klima verfallen, wo wir sagen, es ist schon alles zu spät."

Doch genau in diesem Bereich sei in der Vergangenheit zu wenig getan worden, klagte Broy. Die CDU/CSU-Vorgängerregierung habe es versäumt, die IT-Forschung richtig zu fördern. Die Unterstützung habe nicht mit der raschen IT-Entwicklung mithalten können. Das wirke sich heute noch aus. "Ich verliere im Augenblick wertvolle Leute in die USA", schimpfte er. Dies lasse sich nur verhindern, wenn sich auch in Deutschland die Arbeitsbedingungen verbesserten.

Es genüge jedoch nicht, nur Spezialisten heranzubilden, warnte Encarnacao. Die Forscher müssten auch in der Lage sein, ihre Ergebnisse in Produkte umzusetzen. Daran mangelte es in der Vergangenheit, erklärt Siegfried Wendt, Geschäftsführer des Hasso-Plattner-Instituts. "In Deutschland wird man zum Beamten erzogen, in den USA zum Unternehmer." Viele Forscher erzielten gute Ergebnisse, dächten aber nicht an die wirtschaftliche Relevanz.

Forscher sollen von Ergebnissen profitieren

Um hier Abhilfe zu schaffen, müssten Strukturen geändert und Forscher gezielter gefördert werden, erklärte Bulmahn. So habe man bei der Zahl der angemeldeten Patente mit den USA gleichziehen können, allerdings fänden in Deutschland wesentlich weniger Erfindungen den Weg zur praktischen Anwendung. Dagegen wäre anzugehen, indem man die Forscher von den Lizenzen und Patenten ihrer Entwicklungen direkt profitieren lasse. Dies sei das Erfolgsrezept der amerikanischen Universitäten.

Encarnacao forderte eine stärkere internationale Ausrichtung der deutschen Forschung. "Es gibt keine Forschung in Hessen oder Deutschland. Es gibt nur eine internationale Forschung." Dieser Herausforderung müsse man sich stellen, sonst bleibe alles eine provinzielle Diskussion.

Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement verlangte in der zweiten großen Diskussion der Nacht zum Thema IT-Arbeitsmarkt ein stärkeres internationales Engagement. Die aktuelle Jobsituation will er jedoch nicht so schwarz sehen, wie das viele momentan tun. Nach wie vor sei die IT eine Wachstumsbranche. Steigerungsraten von über vier Prozent würden in anderen Bereichen für Freudenstürme sorgen.

Gerade vor diesem Hintergrund sei jedoch das Tempo, in dem viele Unternehmen Mitarbeiter auf die Straße setzen, nicht zu verstehen. Vor kurzem habe man noch händeringend nach qualifizierten Leuten gesucht und diese mit erheblichen Mitteln ausgebildet. "Und nun wird besinnungslos gefeuert." Dies sei überaus kurzsichtig, kritisierte der Ministerpräsident. Die großen Unternehmen müssten ein bisschen mehr darüber nachdenken, was sie eigentlich tun. Clement befürchtet, dass die Firmen mit ihrer leichtfertigen Kompetenzverschleuderung "in die Vorzeit der IT-Industrie zurückrutschen".

Momentan gebe es branchenweit einen Normalisierungsprozess, versuchte Bitkom-Vorstandsmitglied Heinz Bonn zu beschwichtigen. Es bestehe kein Grund zum Jammern. Bei den Beschäftigtenzahlen im IT-Bereich könne man laut den jüngsten Erhebungen des Verbandes von einer Steigerung um zwei Prozent im laufenden Jahr ausgehen. Die Personalreduktionen seien in vielen Einzelfällen auch begründet, argumentierte Bonn. Daraus eine Krise abzuleiten sei falsch. "Ich sehe momentan eine Delle und eine Fokussierung auf höhere Qualifikation."

Green-Card-Inhaber sollen bleiben Matthias Bellmann, Personalchef des Siemens-Bereichs ICM, wollte sich nicht den schwarzen Peter in Sachen Personalabbau zuschieben lassen. So seien zwar in den letzten Monaten allein im Mobilfunksektor weltweit 407.000 Arbeitsplätze gestrichen worden, davon jedoch nur ein kleiner Teil in Deutschland. Überreagiert werde vor allem im Ausland. Hiesige Unternehmen gingen mit mehr Augenmaß vor. Grund dafür sei, dass in den vergangenen Jahren viel Geld in die Qualifizierung der Mitarbeiter geflossen sei. Diese Investitionen wolle sich zum Beispiel ICM erhalten. Deshalb würden alle Auszubildenden, die ihren Abschluss schaffen, übernommen, verspricht Bellmann. Außerdem werde kein Green-Card-Inhaber wieder nach Hause geschickt.

Michael Jäkel aus dem Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi sieht in den allzu gezielten Qualifizierungen der Mitarbeiter ein Problem. Seien genau diese Fähigkeiten nicht mehr gefragt, ständen die Leute schnell auf der Strasse. "Je spezieller ich ausgebildet werde, desto höher ist mein Arbeitslosigkeitsrisiko", resümierte er. Bereits in der Ausbildung müsse breiter qualifiziert werden. "Man darf keine Mercedes-Fahrer heranbilden, sondern Autofahrer", forderte der Gewerkschafter.

Frühe Ausbildung gefordert

Für Clement muss die Ausbildung bereits in der Schule beginnen. Keiner dürfe die Schule heute ohne eine gewisse Internet-Kompetenz verlassen, forderte der Ministerpräsident.

Wilhelm Schäfer, Professor für praktische Informatik an der Universität Paderborn, geht davon aus, dass sich die Ausbildungssituation in den nächsten Jahren verbessern wird. Das Phänomen, dass viele Informatikstudenten bereits nach dem dritten oder vierten Semester von Firmen aus der Hochschule herausgekauft werden, entwickle sich momentan zurück. Deshalb werde sich der Output an fertig ausgebildeten Informatikern auch wieder erhöhen.

Allerdings gebe es immer noch das Problem von Massenstudiengängen. Wenn in Paderborn in den Einführungsvorlesungen bis zu 800 Studenten säßen, bewege dies sicher den einen oder anderen zum Abbruch oder Wechsel. Ein anderes Problem sind nach Ansicht Jäkels die Studieninhalte. So werde oft zu technikzentriert ausgebildet. Fragen, wie man die Technik sinnvoll einsetzen könne, würden kaum behandelt.

Auch Clement beklagte die mangelnde Praxisorientierung. So würden viele Techniker mit glänzenden Augen von den technischen Features ihrer Entwicklungen erzählen, Fragen nach dem praktischen Nutzen blieben jedoch oft unbeantwortet. Als Beispiel führt der SPD-Politiker die Mobilfunktechnik UMTS an. Die Firmen hätten sich eine Riesenschlacht um die Frequenzen geliefert. Im Grunde aber habe noch keiner eine Ahnung davon, welche Inhalte man mit der neuen Technik vermitteln könne. Auch hier fehle es an Qualifizierung.

Sicherheit wurde groß geschrieben

Das Thema Sicherheit stand für die Verantwortlichen der dritten WDR-Computernacht an erster Stelle. Das mussten auch die über 2500 Besucher erfahren, die zum Teil lange in der Novemberkälte Paderborns ausharrten, bis sie ins Heinrich-Nixdorf-Museum eingelassen wurden. Sicherheitsbeamte durchleuchteten jede Tasche und scannten alle Personen nach Metallgegenständen ab.

Die Vorfreude auf das Computerereignis schmälerte das lange Warten jedoch nicht. Fast alle Besucher zeigten Verständnis für die Sicherheitsmaßnahmen. Im Museum lockten vor allem die Zukunftsthemen viele Besucher an. Die Sonderausstellung "Computer.Gehirn", die noch bis zum 1. März 2002 zu sehen ist, präsentierte die neuesten Forschungen in Sachen Roboter. Neben Spielereien wie Sonys Roboterhund "Aibo" präsentieren die Forscher ihre Visionen zur Entwicklung von Künstlicher Intelligenz.

Auch die Unterhaltung kam nicht zu kurz. Viele Besucher, darunter auch Wolfgang Clement, maßen sich mit dem Tischtennisroboter der Firma Schöler & Micke. Und selbst ganz alltägliche Dinge, wie zum Beispiel das Binden einer Krawatte, bekam durch den Vortrag von Ralf Blossey von der Universität Essen über die Physik des Krawattenknotens eine neue Dimension.

Großes Interesse an XP

Das Thema Windows XP ließ das Auditorium des Heinz-Nixdorf-Museums aus allen Nähten platzen. Über 500 Besucher wollten erfahren, was denn nun das aktuelle Microsoft-Betriebssystem bringe. Im Grunde wenig Neues, erklärten Andreas Kroschel und Thorsten Eggeling, Redakteure der CW-Schwesterpublikation "PC-Welt". Zwar präsentierten sich Benutzeroberflächen und Fenster etwas bunter, das System könne aber genauso wie die Vorgängerversionen abstürzen, wenn Software oder Treiber unsauber programmiert seien. Höhnisches Gejohle im Publikum rief der Hinweis auf die notwendige Aktivierung des Programms hervor. Zwar sei das dabei übertragene Datenvolumen gering, man wisse aber nicht genau, welche Informationen an Microsoft gesendet werden, erläuterte Eggeling. Gelächter verursachte auch die lapidare Schlussfolgerung, man müsse einfach Vertrauen zur Gates-Company haben.