Gartner-Fellow Mark Raskino im Interview

"CIOs müssen mehr Risiken eingehen"

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Geschäftsführer und IT-Chefs haben wenig gemeinsam – wenn man Mark Raskino, Vice President und Gartner-Fellow, glauben will. Das gelte vor allem für den Umgang mit Risiken, so der Analyst im COMPUTERWOCHE-Interview.

Glaubt man den Ergebnissen der aktuellen CEO-Befragung des Analystenhauses Gartner, zählen für mehr als 40 Prozent der Unternehmenslenker IT-bezogene Themen zu den fünf wichtigsten Business-Anforderungen innerhalb der kommenden zwei Jahre. Gartner-Fellow Mark Raskino sieht diese Entwicklung als "historische Chance für den CIO" an. Wir haben mit Raskino über die Studienergebnisse und die Rolle des CIOs in den Unternehmen gesprochen.

Mark Raskino sieht die Bedeutung des CIOs in den kommenden Jahren wachsen.
Mark Raskino sieht die Bedeutung des CIOs in den kommenden Jahren wachsen.
Foto: Karin Quack

CW: Wenn IT so wichtig für die Unternehmen ist, wieso kommt es dann so selten vor, dass ein CIO zum CEO aufsteigt?

MARK RASKINO: Das Ziel des CEO ist es, Kunden zu gewinnen und Umsatz zu machen. Aber davon haben 75 bis 80 Prozent der CIOs keine Ahnung. Es ist sehr schwierig, Geschäftsführer eines Unternehmens zu werden, wenn man niemals für Gewinne und Verluste verantwortlich war.

Allenfalls 20 Prozent der Menschen, die irgendwann in ihrem Leben einmal CIOs gewesen sind, üben vorher oder nachher auch andere Führungsjobs aus, beispielsweise als COO, CFO oder Chef der Supply-Chain. Diese Individuen können eventuelle auch einmal CEOs werden. Aber es ist so gut wie ausgeschlossen, dass ein CIO direkt einen CEO beerbt. Das würde die Investoren schon ziemlich nervös machen.

Für Investoren ist der CIO doch der Typ, der in den vergangenen Jahren die Computer betrieben hat. Da hat der Personalverantwortliche noch bessere Aufstiegschancen, denn Mitarbeiter zu managen hat in den Augen der Investoren mehr Bezug zum Business als Computer zu betreuen. Wäre der Chief Information Officer wirklich für die Informationen verantwortlich, sähe das anders aus: Informationen bedeuten Macht. Aber paradoxerweise gehören dem CIO ja nicht die Daten, sondern nur die Behälter, in denen die Daten existieren.

CW: Datenorientierung sticht Prozessorientierung aus. Dabei galt letztere lange Zeit als das Evangelium der IT. Was ist passiert?

RASKINO: In den frühen Tagen des Computerzeitalters war der Prozess das, was das Business voranbringen sollte. Nicht zuletzt wegen des Erfolgs von Google repräsentieren heute Daten die zentrale Macht der IT. Wir sind auf dem Weg in eine Data-first-Process-second-Welt. Dabei geht es auch um Masse und Geschwindigkeit, aber vor allem um die unterschiedlichen Kategorien von Daten: DNA-Daten, geografische Daten, ja sogar emotionale Zustände in Datenform. Aus diesem Universum schöpfen die Unternehmen ihre Wettbewerbsvorteile.

Da ist es unvermeidlich, dass die Unternehmen jemanden brauchen, der für dieses Asset im Besonderen verantwortlich zeichnet. Die erste Version dieser Rolle ist der Chief Data Officer. Im Augenblick gibt es vermutlich nur etwa 200 davon, hauptsächlich in Banken und Behörden, manchmal auch im Gesundheitsbereich. Die Idee, Daten als Produktionsmittel zu betrachten, ist aber auch noch relativ neu.

Übrigens berichten mehr als 60 Prozent der Chief Data Officers derzeit nicht an den CIO, sondern häufig direkt an den CEO. Irgendwann l werden sie wohl an den Chief Information Officer berichten - aber erst dann, wenn diese Person wirklich für die Informationen zuständig ist. Der IT-Direktor, wie wir ihn heute kennen, hat nicht genug Macht, um sich gegen Torpedierungsversuche aus anderen Unternehmensbereichen durchzusetzen.

Bloße Befehlsempfänger

CW: Chief Data Officer oder Chief Digital Officer - Wozu sind diese neuen Rollen nötig, die viele CIOs als Teil ihrer ureigensten Aufgaben sehen?

RASKINO: Tatsächlich glaubt die Mehrzahl der CIOs, sie könnten diese Aufgaben erledigen. Aber sie können es nicht. Denn in vielen Unternehmen sind sie bloße Befehlsempfänger. In den vergangenen zehn Jahren haben sie das gemacht, was andere ihnen aufgetragen haben, beispielsweise die IT-Kosten verringert. Zu wenige von ihnen haben wirklich starke Geschäftsideen.

Die CEOs suchen nach Möglichkeiten, wie sie mit Hilfe von Technik ihr Geschäft verändern können. Wenn ein CIO hier helfen kann, dann sollte sie das unbedingt und sofort unter Beweis stellen. Aber die meisten haben tatsächlich noch nicht darüber nachgedacht oder sich gar praktisch damit beschäftigt. Deshalb suchen die CEOs nach Chief Digital Officers, die unternehmerisch denken und die gern Risiken eingehen. Die IT ist ja vor allem gut darin, Risiken zu vermeiden.

CW: Woher kommt die plötzliche Risikobereitschaft der Geschäftsführer und Vorstände, wenn es um den Einsatz neuer Techniken geht?

RASKINO: Das ist derzeit Mode. Blättern Sie durch das Wall Street Journal, und Sie finden: Tech, Tech, Tech… CEOs bewundern Unternehmen, die mit Hilfe von Technik richtig Geld machen: Google, Amazon, Facebook. Und egal, was das Unternehmen herstellt, jeder will so ein bisschen Apple-ness oder Google-ness für sich selbst. Im Augenblick ist Technologie einfach heiß, denn dort das Geld und die Macht - zumindest in unserer Gesellschaft.

Außerdem wissen alle, dass diese Unternehmen auch eine Bedrohung darstellen. Google kann der Automobilindustrie vorschreiben, was die machen soll, und Amazon kontrolliert die Buchindustrie. Und das bringt die CEO dazu, ebenfalls etwas tun zu wollen - genau jetzt. Vor der Rezession haben sie Geld mit billigen Krediten gemacht, in der Rezession waren sie mit Überleben beschäftigt, und jetzt ist der Zeitpunkt, an dem sie ihr Geschäft grundsätzlich neu überdenken.

Risiken eingehen? - "Das ist ihr Job"

CW: Der CIO ist also der Bedenkenträger. Aber was ist mit den tatsächlichen Risiken? Inwiefern wissen CEOs überhaupt darüber Bescheid, was da passieren könnte?

RASKINO: CEOs gehen jeden Tag Risiken ein. Das ist ihr Job. Und diese Risiken sind meist viel größer als diejenigen, die die IT mit sich bringt. Wenn ich der CEO einer Fluggesellschaft bin und einen Konkurrenten übernehme, lege ich Hunderte von Millionen von Dollars oder Euros auf den Tisch - bei üblicherweise geringen Margen und großen Beschäftigtenzahlen, wie sie in der Luftfahrtindustrie gang und gäbe sind. Baue ich hier Mist, zerstöre ich Hunderte oder Tausende von Lebensentwürfen meiner Mitmenschen. Das nenne ich ein Risiko.

Wenn der CIO von Gefahren spricht, sind die aus seiner Perspektive sicher schwerwiegend, aber das muss man in Relation zum Gesamtunternehmen sehen. Und was der CIO ein Risiko nennt, registriert der CEO oft nicht einmal. Deshalb gilt der CIO als überängstlich, risikoscheu und perfektionistisch. Gut, um die Ordnung zu erhalten, nicht gut, um neues Geschäft zu gewinnen.

CW: Die Investitionen in Technologie steigen, die IT-Budgets stagnieren. Wie passt das zusammen?

RASKINO: Im Durchschnitt berichten 60 Prozent der CIOs nicht direkt an den CEO - und zwar schon seit Jahren. Das heißt: Geschäftsführer oder Vorstände finden es offenbar nicht wichtig, dass sie sich direkt mit dem CIO austauschen können.

Die Technologie-Investitionen nehmen zwar rapide zu - aber meist außerhalb des IT-Bereichs. Und an dieser Situation tragen die CIOs teilweise selbst die Schuld: Jedes Mal, wenn ein CIO sagen: Diese Embedded-Technologie oder diese Website liegt nicht in der Verantwortung der IT, schwächt er sich selbst. Er weist genau das von sich, was für das Unternehmen den größten Unterschied macht. (sh)