60 Millionen Euro versenkt

Bundesagentur für Arbeit stoppt IT-Projekt ROBASO

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Nach sieben Jahren Entwicklung hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) nun das 60 Millionen Euro schwere IT-Projekt ROBASO gestoppt. Die Fehler ließen sich nicht zeitnah und wirtschaftlich beheben.

Ziel des 2010 begonnenen IT-Projekts ROBASO (Rollenbasierte Oberflächen, PDF) war es, den Mitarbeitern in den Arbeitsagenturen das Arbeiten auf einer einzigen IT-Plattform ohne Doppeleingaben und Programmwechsel zu ermöglichen und zu vereinfachen. Dazu sollte ROBASO die diversen IT-Verfahren über eine Service Orientierte Architektur (SOA) miteinander verbinden und Anwenderinnen und Anwendern somit eine medienbruchfreie Oberfläche mit genau den Informationen und Inhalten bieten, die für die jeweiligen Aufgaben und Rollen notwendig sind. Soweit zur Theorie.

Die Bundesagentur für Arbeit betreibt eine der größten IT-Landschaften Deutschlands
Die Bundesagentur für Arbeit betreibt eine der größten IT-Landschaften Deutschlands
Foto: Bundesagentur für Arbeit

Im praktischen Einsatz im Kundengeschäft zeigte sich dann allerdings, dass die Software zu wenig flexibel war, um der Komplexität der Kundenanliegen gerecht zu werden. Medienberichten zufolge sei es in dem System nicht einmal möglich gewesen, nachträgliche Änderungen wie die Korrektur einer Kontonummer vorzunehmen. Vielmehr hätte man für eine solche kleine Änderung sämtliche Leistungs- und Vermittlungsdaten neu eingeben müssen, hieß es.

Ein Prototyp der Robaso-Oberfläche, Stand 2012
Ein Prototyp der Robaso-Oberfläche, Stand 2012
Foto: Bundesagentur für Arbeit

Die Schwachstellen der Software seien erst bei ihrer Verwendung unter realen Bedingungen erkannt worden, erklärte die BA, immerhin Betreiberin einer der größten IT-Landschaften Deutschlands, in einer Stellungnahme. Nachdem die Defizite nicht zeitnah und wirtschaftlich behoben werden können, habe man sich daher entschlossen, das Projekt, in das seit dem Start 2010 insgesamt 60 Millionen Euro investiert wurden, zu beenden.

Bundesagentur gelobt Besserung

Immerhin: Zwischenzeitlich seien Vorkehrungen getroffen worden, damit sich ein solcher Projektabbruch nicht wiederholt, gab die Bundesagentur für Arbeit an: Die Entwicklung neuer Software erfolge in überschaubaren Stufen mit begleitenden Anwendertests in der Praxis. Großprojekte würden während der Projektlaufzeit regelmäßig extern auditiert, um das Riskomanagement zu überprüfen. Außerdem soll es keine weiteren Zeitbomben in der BA-IT geben: Anlässlich der gewonnenen Erkenntnisse habe man alle anderen derzeit laufenden IT-Projekte der BA überprüft. Es gebe keine Projekte mit vergleichbaren Konstellationen.

 

Johann Valentinitsch

Im Sinne einer Besserung ist ein agiler Ansatz gerade bei der Entwicklung großer, komplexer Systeme und Software dringend zu empfehlen.

Neben der iterativen Vorgehensweise trägt vor allem die frühe Auslieferung *nutzbarer* Software (Produktinkremente) dazu bei, Fehler frühzeitig zu erkennen und schnell zu beheben.
Eine weitere Grundlage für eine erfolgreiche Realisierung mit agilen Methoden bilden die agilen Werte und Prinzipien. Ein Beispiel dazu ist die Fokussierung: Realisiere das Wichtigste mit dem größten Nutzen zuerst, "First Things First". Alleine damit wird schon für sehr viel Besserung bei der Realisierung großer, komplexer Systeme gesorgt.

In diesem Zusammenhang bitte auch gleich die Möglichkeiten zur Umstellung der
bereits laufenden Großprojekte auf agile Methoden prüfen!

Norbert Paul

Vermutlich war der eigentlich sinnvolle Anspruch sämtliche heterogenen Systeme unter einer einheitlichen Oberfläche im Rahmen einer service-orientierten Architektur zu integrieren schlicht zu komplex. Es scheint so zu sein: Je komplexer, desto höher die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Eigentlich bekannt, daher wäre bei diesem komplexen System / Projekt wäre vermutlich ein iterativerer Ansatz sinnvoll gewesen. Aber letztlich weiß man das nicht.
Was ich nicht verstehe, wieso so etwas Einfaches wie das Ändern einer Kontonummer in dieser SOA-Architektur nicht möglich sein soll. Eigentlich müsste dies doch ein simpler "Service" sein, dies in irgendeinem der Systeme durchzuführen. Besteht die Schwierigkeit darin, das dies ggf. parallel in mehren Systemen geändert werden muss?
Welche Erkenntnisse / Lessons Learned gibt es aus diesem Projekt? Wer hat hierzu Erkenntnisse?

comments powered by Disqus