Elektrische Lieferwagen

Amazon bringt E-Vans von Rivian auf deutsche Straßen

05.07.2023
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director a.D. von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO.
Amazon hat damit begonnen, seine maßgeschneiderten elektrischen Lieferwagen von Rivian auch auf deutsche Straßen zu bringen. Die ersten 300 Vans werden hierzulande bald in München, Berlin und Düsseldorf zu sehen sein.
Die Partnerschaft mit dem Startup Rivian trägt für Amazon Früchte: Erste E-Lieferwagen werden in Kürze in deutschen Städten zu sehen sein.
Die Partnerschaft mit dem Startup Rivian trägt für Amazon Früchte: Erste E-Lieferwagen werden in Kürze in deutschen Städten zu sehen sein.
Foto: Amazon

Schon jetzt betreibt Amazon eine große Flotte von elektrischen Lieferwagen in Europa. Allein auf deutschen Straßen sind mehr als 1.000 E-Transporter unterwegs, teilt das Unternehmen mit. Im vergangenen Jahr hatte der Konzern angekündigt, mehr als eine Milliarde Euro in die Elektrifizierung seines europäischen Transportnetzes zu investieren.

In den kommenden Wochen sollen nun zunächst 300 E-Vans von Rivian auf die deutschen Straßen losgelassen werden. Der Online-Händler ist an Rivian beteiligt und hatte insgesamt 100.000 Lieferwagen bestellt, die bis 2030 ausgeliefert werden sollen. Eigentlich sollten sie schon bis 2025 geliefert werden, doch diesen Zeitplan konnte Rivian nicht halten. Hintergrund für Amazons Engagement sind Nachhaltigkeitsziele: "Amazon hat sich verpflichtet, bis zum Jahr 2040 eine kohlenstofffreie Produktion zu erreichen, und die Reduzierung unserer lieferbezogenen Emissionen ist ein wichtiger Teil dieses Ziels", lässt sich Contry-Manager Rocco Bräuniger in einer Erklärung zitieren.

In den USA sind die E-Vans von Rivian schon im Einsatz

In den USA hatte Amazon vor einem Jahr damit begonnen, Lieferwagen von Rivian einzusetzen. Derzeit liefern jenseits des Atlantiks über 3.000 Fahrzeuge des Herstellers Pakete in mehr als 500 US-Städten und -Regionen aus. In Europa begann Amazon im vergangenen Sommer, Zustellungen mit Vorserien-Fahrzeugen von Rivian zu testen. Der Online-Händler nutzte das Feedback aus diesen Tests, um die Leistung, die Sicherheit, den Komfort, die Funktionalität und die Haltbarkeit der Fahrzeuge zu verbessern.

Die Rivian-Vans in Europa sind kürzer und nicht so breit wie ihre US-Pendants, damit sie besser durch die oft engen Gassen europäischer Städte und Dörfer kurven können. Sie haben eine überdurchschnittlich große Windschutzscheibe, um den Fahrern eine optimale Sicht zu ermöglichen. Außerdem sind die Fahrzeuge standardmäßig mit fortschrittlichen Fahrerassistenz-Systemen ausgestattet, verfügen über ein automatisches Notfall-Bremssystem, einen Tempomat und eine Kollisionswarnung.

Für Andy Jassy, den CEO von Amazon, war die Zusammenarbeit mit Rivian bislang nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig.
Für Andy Jassy, den CEO von Amazon, war die Zusammenarbeit mit Rivian bislang nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig.
Foto: DFree - shutterstock.com

Mindestens genauso wichtig sind Amazon integrierte Technologien, die den Zustellprozess optimieren. Dazu gehören Systeme rund um Routenplanung und Navigation, eine ergonomisch gestaltete Fahrerkabine, ein entlang der Arbeitsprozesse designter Laderaum sowie das automatische Schließsystem, das aktiv wird, wenn sich der Fahrer entfernt und wieder nähert. Zudem wurden Vorkehrungen getroffen, um die Sicherheit der Fahrer zu erhöhen. Beispielsweise bietet eine auf der Fahrerseite verstärkte Tür zusätzlichen Schutz.

Zur Unterstützung der E-Flotte hat Amazon inzwischen Tausende von Ladestationen in unmittelbarer Nähe seiner Lager und Gebäude in ganz Europa eingerichtet. Die Vans verwenden leichte, robuste und preiswerte Batterien, so die Anbieter.

Mit Beteiligung an Rivian verbrannte Amazon Milliarden

Positive Nachrichten rund um Rivian Automative sind für Amazon nicht ganz unwichtig: Als der Spezialist für E-Vans im November 2021 an die Börse ging, wurde bekannt, dass sich Amazon im großen Stil an Rivian beteiligt hatte. Zwei Jahre zuvor hatte der weltgrößte Online-Händler einen Exklusivvertrag mit dem Startup unterzeichnet, um sein Logistiknetzwerk mit dessen E-Fahrzeugen auszustatten. Ende 2022 besaß Amazon immer noch 17 Prozent der Aktien, deren Wert allerdings dramatisch geschrumpft war. Der Wert der Aktie lag zeitweilig um mehr als 80 Prozent unter dem IPO-Preis von 78 Dollar.

Der Börseneinbruch führte dazu, dass Amazon 2022 mehr als zwölf Milliarden Dollar auf seine Beteiligung an Rivian abschreiben musste. Infolgedessen verzeichnete das Unternehmen 2022 einen Nettoverlust von 2,7 Milliarden Dollar - nach einem Nettoertrag von 33,4 Milliarden Dollar im Jahr zuvor.

Zu seinem Börsengang hatte Rivian noch behauptet, es würde die 100.000 E-Lieferwagen bereits bis 2025 an Amazon liefern können. Im vergangenen Jahr verlängerten die Unternehmen diesen Zeitplan jedoch auf 2030. Zudem mehrten sich die Anzeichen dafür, dass die Beziehung zwischen den beiden Partnern gelitten hatte. So teilte Amazon mit, ab 2023 auch den elektrischen "Ram ProMaster" von Stellantis als Lieferfahrzeug einsetzen zu wollen. Von Rivian wollte Amazon im laufenden Jahr nur noch 10.000 Elektrofahrzeuge kaufen, was hinter den Erwartungen des Autoherstellers blieb. Rivian soll daraufhin Möglichkeiten geprüft haben, den Exklusivvertrag mit Amazon abzuändern.

Auch Walmart arbeitet mit E-Van-Startup zusammen

E-Lieferwagen für die Lieferung auf der letzten Meile werden in Zeiten des Online-Handels zu einem knappen und begehrten Gut. So traf auch Walmart im Juli 2022 eine Vereinbarung mit dem angeschlagenen Elektroautohersteller Canoo, die Amazons Partnerschaft mit Rivian ähnelt - allerdings in kleinerem Umfang. Walmart will zwischen 4.500 und 10.000 E-Vans von Canoo kaufen, aber nur dann, wenn das Unternehmen zusichert, den Rivalen Amazon nicht zu beliefern.

Marktbeobachter glauben, dass Amazon, Walmart und andere große Einzelhandels-Konzerne schon bald um ein weltweit begrenztes Angebot an Elektrofahrzeugen streiten werden. Für Amazon dürfte es kaum ausreichen, sich auf Rivian und Stellantis als Lieferanten zu verlassen. Der Konzern wird diversifizieren und seine Flotte weiter ausbauen müssen.