"GigaOM"

10 Argumente gegen den Cloud-Computing-Hype

Thomas Cloer war viele Jahre lang verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
Er sorgt außerdem ziemlich rund um die Uhr bei Twitter dafür, dass niemand Weltbewegendes verpasst, treibt sich auch sonst im Social Web herum (auch wieder bei Facebook) und bloggt auf teezeh.de. Apple-affin, bei Smartphones polymorph-pervers.
Das Hightech-Blog "GigaOM" glaubt zwar auch an Cloud Computing, sieht allerdings für Unternehmen noch gravierende Probleme beim derzeit stark gehypten Paradigmenwechsel.

Viele Firmengründer steckten dieser Tage mit ihren Köpfen in den "Wolken", konstatiert die Autorin Stacey Higginbotham - entweder lagerten sie gerade den Großteil ihrer Netzinfrastruktur an Dienstleister wie Amazon Web Services (AWS) aus oder bauten selbst solche Infrastruktur auf, um von dem enormen Schwung rund um Cloud Computing zu profitieren. Cloud Computing sei zweifellos das "Next Big Thing" in der IT, aber derzeit gebe es schon ein bisschen viel Lärm darum. Zwar könnte Cloud Computing ebenso alltäglich werden wie PCs, vernetzte Campusse oder andere große Innovationen in unserer Arbeitswelt, noch aber gebe es das nicht.

Auch wenn Cloud Computing für Start-ups und vereinzelte Projekte in großen Unternehmen bereits von großer Bedeutung sei, habe es insgesamt noch einen weiten Weg vor sich. Es sei an der Zeit, das Hype-Rauschen ein wenig herunterzuregeln und eine Prise Realität hinzuzugeben. Higginbotham führt im Folgenden zehn Gründe an, warum Unternehmen "der Cloud" noch nicht vertrauen könnten (diese betreffen natürlich auch Start-ups sowie kleine und mittlere Unternehmen):

  1. Sie ist nicht sicher. Wir leben in einer Zeit, in der 41 Prozent der Firmen (in den USA, Anm. d. Red.) jemanden beschäftigen, der die E-Mails seiner Kollegen mitliest. Bestimmte Firmen und Branchen müssen ihre Daten ständig unter Beobachtung halten, weil sie durch gesetzliche Vorgaben dazu gezwungen oder extrem paranoid sind - das heißt, sie werden ihre Daten nicht über ihre Firewall-Grenzen hinauslassen.

  2. Sie lässt sich nicht loggen. Ähnlich gelagert wie die Sicherheitsbedenken sind Sorgen, bestimmte Daten in der Cloud ließen sich nicht zu Compliance-Zwecken nachverfolgen. Hiergegen gibt es vermutlich technische Abhilfe, und zweifellos lauern bereits Start-ups darauf, ihre Produkte zu lancieren, die "Unterhaltungen" zwischen virtualisierten Servern in der Cloud mitschneiden - das alles steckt aber noch in den Kinderschuhen.

  3. Sie ist nicht plattformagnostisch. Die meisten Clouds zwingen Anwender dazu, sich auf eine einzige Plattform zu stützen, oder hosten nur einen Produkttyp. AWS baut auf dem LAMP-Stack auf, Google Apps Engine zwingt Nutzer auf proprietäre Formate und für Windows-Liebhaber gibt es immerhin "GoGrid" von ServePath. Wer aber wie die meisten Unternehmen mehrere Plattformen unterstützen muss, der hat es mit mehreren Wolken zu tun. Und diese zu managen, kann ein Albtraum werden.

  4. Zuverlässigkeit ist immer noch ein Problem. Amazons Storage-Dienst "S3" ist früher in diesem Jahr schon ausgefallen. Auch in Unternehmen fallen Server oder Rechenzentren einmal aus. Allerdings wird dies im Allgemeinen besser kommuniziert, und oft gibt es Fail-over-Optionen. Und auch wenn Amazon Schritte unternimmt, um (für teures Geld) Informationen und Support für AWS anzubieten - es ist viel beruhigender, sich auf einen vom Unternehmen bezahlten IT-Menschen verlassen zu können.

  5. Die Portabilität ist nicht nahtlos. Auch wenn die Wolke allumfassend scheint, besteht sie doch aus mehreren Teilwolken. Und Daten von einer zur anderen zu transportieren, ist nicht so einfach, wie IT-Manager das gern hätten. Das hängt mit Plattform-Problemen zusammen (die Daten in ein Format überführen, das nur wenige oder gar keine anderen Clouds akzeptieren) und spiegelt außerdem die Bandbreitenkosten wieder, die für den Umzug von Daten zwischen Clouds anfallen.

  6. Sie ist nicht Umwelt-nachhaltig. Darauf hat neulich unter anderem der "Economist" in einem Artikel hingewiesen. Die Rechner saugen mit stets größerem Appetit ihrer Megawatt, und nicht alle Clouds entsprechen aktuellen Standards in puncto Energieeffizienz. RZ-Aufgaben in die Wolke zu verlagern, ist da unter Umständen so, als kippe man seinen Müll auf eine Deponie statt auf den eigenen Hof. Das Problem bleibt, man hat es nur nicht mehr vor Augen. Allerdings ist zu erwarten, dass Unternehmen ihrer Energiebilanz künftig stärkere Aufmerksamkeit widmen, und hier spielt die IT eine wichtige Rolle.

  7. Auch Cloud Computing lebt auf physischen Servern. Es mag nebulös anmuten, aber die Daten liegen noch immer auf Servern rund um den Globus, und wo genau kann im Einzelfall nicht zuletzt aus rechtlichen Gründen sehr wohl von Interesse sein. Kanada sorgt sich zum Beispiel, dass Projekte seiner Öffentlichen Hände auf Servern in den USA gehostet werden, wo sie die dortige Regierung gemäß dem U.S. Patriot Act einsehen könnte.

  8. In manchen Firmen kommt es noch immer auf Geschwindigkeit an. Wer Daten in die Cloud packt, akzeptiert damit automatisch die Wartezeiten, die bei der Übertragung von Daten quer durchs Land (oder rund um die Welt) anfallen und die Wartezeiten für Anwender im Unternehmen, die die Wolke anpingen und auf eine Antwort warten. Das lässt sich mit Offline-Syncing teilweise umgehen, wie es zum Beispiel "Live Mesh" von Microsoft bietet, steht aber einer weiteren Verbreitung trotzdem noch im Wege.

  9. Große Konzerne haben längst eine interne Cloud. Viele große Unternehmen haben interne IT-Shops, die gegenüber den verschiedenen Bereichen unter dem Firmendach als Cloud agieren. Und diese internen Abteilungen sitzen nicht nur vorteilhaft innerhalb der Firewall, sondern strengen sich üblicherweise auch ordentlich an, um aus Kostensicht wettbewerbsfähig gegenüber externen Ressourcen zu sein. Das schwächt die Argumente für einen Umzug von IT-Aufgaben in die Cloud (draußen).

  10. Bürokratie zieht alles in die Länge. Und wird den Wechsel länger dauern lassen als den Bau neuer Häuser nach der Flutkatastrophe in New Orleans. Große Unternehmen sind konservativ, und Änderungen in der IT-Landschaft können sich über Jahre hinziehen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Bemühungen von HP, seine Rechenzentren zu konsolidieren. Die Mitarbeiter von Hewlett-Packard benutzten mehr als 6600 (!) verschiedene Anwendungen und sperrten sich zum Teil gegen jegliches Streamlining. Und last, but not least werden natürlich interne IT-Manager sich nach Kräften dagegen wehren, dass ihre Existenzgrundlage in die Cloud ausgelagert wird (und dabei die obigen Argumente anführen).

Cloud Computing werde groß werden, im Unternehmen und auch außerhalb, schließt Higginbotham. Ein Bewusstsein für die Probleme werde den Technikanbietern dabei helfen, diese zu umschiffen, und den Cloud-Anbietern aufzeigen, womit sie konfrontiert seien.