Aus Fehlern lernen

Perfekt in die neue Führungsposition starten

05.03.2020
Von   IDG ExpertenNetzwerk


Bianca Fuhrmann, Diplom-Ingenieurin und Business-Coach, unterstützt Führungskräfte, ihre eigene, starke Führungssignatur zu entwickeln. Davor war die Autorin (zuletzt „Stark führen“) über ein Jahrzehnt selbst Projektleiterin und Führungskraft – in der technischen Produktentwicklung und im Anlagenbau, in Konzernen ebenso wie im Mittelstand. In Summe hat sie mittlerweile über 100 Projekte in der IT, der Führungs- und Organisationsentwicklung erfolgreich abgeschlossen.
Fehler Nummer eins in neuer Führungsposition ist der fehlende Abschluss. Nur wer das Alte beendet, kann die ersten 100 Tage im neuen Team optimal nutzen.

Die ersten 100 Tage sind für Führungskräfte in neuer Position die wichtigsten. In diesem Zeitraum haben sie die beste Möglichkeit, ihr Team neu auszurichten. Danach wird es schwieriger, wenn die Basis für eine Veränderung nicht geschaffen wurde. Deshalb sind Change Management und Teamentwicklung in den ersten drei Monaten die Kernaufgabe einer neuen Führungskraft, um später eine schlagkräftige und loyale Mannschaft hinter sich stehen zu haben.

Doch um gemeinsam etwas Neues zu beginnen, müssen sowohl Manager als auch das Team das Alte hinter sich lassen. Diesen Abschluss für beide Seiten aktiv zu gestalten, muss immer der erste Schritt sein. Oft wird er jedoch nicht getan. Das rächt sich später, weil immer wieder dieselben Fehler begangen werden. Dabei versteht die Führungskraft nicht, wie es so weit kommen konnte, sitzt sie doch dem Trugschluss auf, dass in der neuen Position alles anders wird.

Wer durchstarten will, muss das Alte hinter sich lassen.
Wer durchstarten will, muss das Alte hinter sich lassen.
Foto: Who is Danny - shutterstock.com

Bevor sich Führungskräfte mit der kommenden Aufgabe und dem neuen Team befassen, müssen sie selbst mit ihrer alten Stelle abschließen. Allerdings machen viele den Fehler, sich in ihrer aktuellen Stelle schon mit den neuen Aufgaben zu beschäftigen. Sie denken beispielsweise bereits über die strategische Neuausrichtung nach oder nehmen an Telefonkonferenzen und Workshops teil, die ihren künftigen Bereich betreffen.

Das ist alles verständlich und menschlich, aber so verpassen sie den Übergang von der "alten Welt" in die "neue Welt", weil sie gedanklich schon in den neuen Job springen. Das führt dazu, dass sie ihr Leistung im bisherigen Job nicht würdigen, aber auch kein Fehlerbewusstsein erzeugen. Gerade Letzteres ist aber fatal, weil sie alte Fehler deshalb immer wieder neu begehen.

Der Rückblick bestimmt den Anfang

Daher ist es essenziell, kritisch zu reflektieren und sich mit dem noch aktuellen Job auseinanderzusetzen. Für den Neustart sind folgende Lessons-Learned-Checkliste und Fragen hilfreich:

1. Welche Leistungen und Erfolge können Sie verbuchen?

2. Welche Situationen haben Sie besonders gut gemeistert?

3. Wo hatten Sie Probleme?

4. Welche Risiken haben Sie übersehen?

5. Welche Chancen haben Sie nicht wahrgenommen?

6. Was würden Sie mit Ihrer heutigen Erfahrung in der Vergangenheit anders machen?

7. Was können Sie aus Ihrer alten Führungsposition lernen?

8. Welche Erfahrungen nehmen Sie mit in die neue Position?

9. Welche Fehler werden Sie zukünftig vermeiden?

10. Welche Frühwarnindikatoren können Sie für sich in der neuen Position aufstellen?

Mithilfe dieser Checkliste gelingt es, unter der alten Position einen Schlussstrich zu ziehen und mit geschärften Sinnen die neue anzutreten. Auch mit dem alten Team sollten Führungskräfte Abschlussgespräche führen. So erfahren sie vielleicht noch etwas über ihr Führungsverhalten, was ihnen bisher nicht bewusst war.

Neuanfang mit Vertrauensbonus

Wer kennt das nicht: Der neue Chef ist da und es entsteht der Eindruck, Dinge werden nur um der Veränderung willen geändert. Viele Führungskräfte glauben, gleich zu Beginn "Duftmarken" setzen und strategische Pflöcke einschlagen zu müssen, um dem Team zu zeigen, dass "ein neuer Sheriff in der Stadt ist". Als erstes muss jedoch das Vertrauen der Teammitglieder gewonnen werden, was mit der Sheriff-Methode nicht funktioniert. Wer hier den Drill-Sergeant gibt, wird schnell auf Widerstand stoßen.

Vielmehr sollten sich Führungskräfte die Zeit nehmen, ihre neuen Mitarbeiter in Einzel- und Teamgesprächen kennenzulernen und zu hinterfragen: Wie ticken die Mitarbeiter? Wie war es unter dem Vorgänger? Was ist gut gelaufen und was nicht? Was will jeder Einzelne? Welche Erwartungshaltung hat jeder Einzelne an die neue Führungskraft? Hier gilt es für den neuen Vorgesetzten aufmerksam zuhören und sich ein möglichst präzises Bild zu machen, um eine gemeinsame Basis für die Zukunft entwickeln zu können.

Es geht darum, die früheren Leistungen des Teams zu würdigen, gleichzeitig aber auch das Bewusstsein für die neue Teamleitung zu schärfen. Aber auch das Team muss den Freiraum bekommen, sich von der alten Führung zu lösen. Die gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Alten ist der erste Schritt hin zum Neuen. So können Führungskräfte eine neue Strategie entwickeln.

Bei stark gewachsenen Unternehmen hört man bei solchen Teamgesprächen oftmals heraus: "Wir wollen, dass es wieder so wird wie früher, als wir noch ein Startup waren." Hier müssen Manager klarstellen, dass die Zeit nicht stillsteht und sich neue Verantwortlichkeiten eingestellt haben.

Klarheit für Zukunft schaffen

Die neue Führungskraft und das Team müssen ihre jeweilige alte Welt hinter sich lassen, um gemeinsam eine neue beschreiten zu können. Das heißt für die neue Autorität, Aufgaben bei Bedarf sinnvoll neu zu verteilen, die beidseitigen Erwartungshaltungen zu klären und zusammen mit dem Team eine eigene Vision zu entwickeln.

Starke Führungskräfte sind im Alltag der Fels in der Brandung. Aber es ist auch ganz normal, dass sie sich beim Wechsel in eine andere Position selbst erst neu justieren und stabilisieren müssen. Orientierung und Sicherheit schaffen Vorgesetzte durch Klarheit, konsequentes Handeln und einen Vertrauensbonus. Innere Klarheit erreicht man durch Reflexion, indem man aus Fehlern lernt, die Zukunft vorausdenkt und dabei die Realität stets im Auge behält. So aufgestellt, gewinnen Führungskräfte ihre Mitarbeiter für sich und starten gemeinsam mit dem Team erfolgreich durch.