Eine radikale Neuausrichtung der Industrie schweben Siemens und Nvidia vor. Mit KI als neuem „Betriebssystem“ und dem Digital Twin Composer sollen reale und digitale Welt zu einem industriellen Metaverse verschmelzen.

Der Digital Twin Composer von Siemens ermöglicht es Unternehmen, industrielle KI, Simulationen und physikalische Echtzeitdaten zu nutzen, um Entscheidungen virtuell zu treffen.
Siemens
Siemens hält mit Nvidia und anderen Partnern auf der CES (vormals Consumer Electronics Show) eine Keynote zu KI in der Industrie. Allein diese Tatsache sollte dem letzten KI-Zweifler verdeutlichen: Die Idee ist in der Realität angekommen. Und die Unternehmen befinden sich nach Industrie 4.0 und Co. mittendrin in der nächsten großen Transformation.
Während die Welt noch über die Möglichkeiten von ChatGPT staunt, haben der Siemens-Vorstandsvorsitzende Roland Busch und der Nvidia-Gründer Jensen Huang in Las Vegas eine Vision präsentiert, die die Industrie in den nächsten Jahren prägen könnte. Ihr Ziel: KI zum Betriebssystem der Industrie zu machen. Diese Partnerschaft soll die gesamte industrielle Wertschöpfungskette revolutionieren – vom ersten Designentwurf über die Produktion bis hin zu komplexen Lieferketten.
„So wie einst die Elektrizität die Welt revolutionierte, erlebt die Industrie heute einen tiefgreifenden Wandel“, erklärte Roland Busch während der Keynote. Es gehe nicht mehr nur um einzelne Funktionen, sondern um eine „integrierte Intelligenz“, die es Unternehmen ermögliche, Probleme vorauszusehen, bevor sie entstehen.
Digital Twin Composer als Brücke ins Metaverse
Das Herzstück dieser technologischen Offensive bildet der neue Digital Twin Composer. Ab Mitte 2026 soll diese Software auf dem Siemens Xcelerator Marketplace verfügbar sein und das industrielle Metaverse in großem Maßstab realisierbar machen.
Die Technologie kombiniert dazu die Digitalen Zwillinge von Siemens mit den fotorealistischen Nvidia-Omniverse-Bibliotheken und Echtzeit-Engineering-Daten. Nutzer können so in einer virtuellen 3D-Umgebung buchstäblich die Zeit vor- und zurückspulen. Auf diese Weise sind sie in der Lage, Auswirkungen von Wetterveränderungen oder technischen Anpassungen an Anlagen zu simulieren. Oder anders formuliert: Der User erhält eine Art Kristallkugel für die Fabrikplanung. Diese erlaubt es, Fehler in der virtuellen Welt zu korrigieren, bevor „auch nur ein einziges Atom in die reale Welt gebracht wird“, so Rev Lebaredian, Vice President of Omniverse and Simulation Technology bei Nvidia.
PepsiCo und der Digital Twin Composer

PepsiCo digitalisiert ausgewählte Produktionsstätten und Lagerhäuser in den USA mithilfe des Digital Twin Composer.
PepsiCo
Dass dies keine ferne Zukunftsmusik ist, zeigt der Getränke- und Lebensmittelkonzern PepsiCo. In seinen US-amerikanischen Werken nutzt das Unternehmen den Digital Twin Composer bereits, um Produktions- und Lagerstandorte digital abzubilden. Dabei sprechen die Ergebnisse laut PepsiCo für sich:
• 90 Prozent der potenziellen Probleme werden erkannt, bevor physische Änderungen erfolgen.
• Der Durchsatz konnte bereits bei der ersten Implementierung um 20 Prozent gesteigert werden.
• Die Investitionskosten (Capex) sanken um 10 bis 15 Prozent.
KI-Copiloten für die Fabrik der Zukunft
Siemens geht jedoch noch weiter. Insgesamt neun neue industrielle Copiloten sollen die Arbeit in der Fertigung intelligenter machen. Dazu helfen sie, die Navigation in Produktdaten zu optimieren und die Markteinführungszeit zu verkürzen. Und die Technologie soll tragbar werden. In Kooperation mit Meta und Ray-Ban werden KI-Brillen entwickelt, die Fabrikarbeitern Echtzeit-Audioführungen und Sicherheitsinformationen direkt ins Sichtfeld liefern.
Den Beweis dafür, dass dies mehr als nur PowerPoint-Präsentationen sind, will Siemens noch in diesem Jahr liefern. Dazu soll das Siemens Gerätewerk in Erlangen zur weltweit ersten vollständig KI-gesteuerten, adaptiven Fertigungsstätte umgebaut werden. Damit bilde es eine Blaupause für die „AI Factories“ der nächsten Generation.
Doch die Auswirkungen der industriellen KI reichen weit über die Fabrikhalle hinaus. Im Bereich Life Sciences sorgt die Integration von Forschungsdaten dafür, dass lebensverändernde Therapien bis zu 50 Prozent schneller zu den Patienten gelangen können. Gleichzeitig arbeitet das Unternehmen Commonwealth Fusion Systems mit Siemens-Technologie daran, den Weg zur kommerziellen Kernfusion zu ebnen.





