Wir haben einen Digitalminister, eine Hightech-Agenda und bald auch eine RZ-Strategie. Aber reicht das? Jürgen Michels, Chefvolkswirt der BayernLB, gibt im Podcast „TechTalk Smart Leadership“ die Antwort auf diese Frage.

BayernLB
Ist das Glas halbvoll oder halbleer, wenn es um den digitalen Standort Deutschland geht? Jürgen Michels, Chefvolkswirt und Leiter Research der Bayern LB, zeigt sich im Podcast „TechTalk Smart Leadership“ von COMPUTERWOCHE und CIO-Magazin kritisch, aber keineswegs desillusioniert.
Sicher gebe es geopolitische Herausforderungen, etwa durch die Zollpolitik der USA, Chinas Aufstieg in vielen Branchen – insbesondere der für Deutschland wichtigen Automobilindustrie – oder technologische Disruptionen, wie sie etwa durch die KI verursacht würden. Hinzu kämen die alternde Gesellschaft, eine über viele Jahre vernachlässigte Infrastruktur und Unternehmen, die nicht immer innovationsfreudig seien.
Doch es gibt auch großartige Chancen, wie Michels unterstreicht: „Wir verfügen trotz PISA immer noch über gut ausgebildete Menschen, haben eine starke Grundlagenforschung und auch die finanziellen Mittel, daraus etwas zu machen.“
Entscheidend für den Erfolg sei es aber, mehr zu riskieren und sich für die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen und Einrichtungen weiter zu öffnen – europaweit.
Auch kritische Daten teilen
Insbesondere mittelständische Betriebe hätten sich oft zu lange auf die eigenen Stärken verlassen und mit Blick auf ihr geistiges Eigentum davor zurückgeschreckt, weitreichende Kooperationen einzugehen. „Gerade in Bezug auf Digitalisierung ist es aber wichtig, dass man sich mit Partnern zusammenschließt und bereit ist, auch das eine oder andere Betriebsgeheimnis zu teilen“, erklärt Michels. Es gebe hierzulande eine Art „Scheuklappensyndrom“, meint der Experte: Man konzentriere sich zu sehr auf sich selbst und sei zu wenig bereit, sich zu öffnen.
Ein Problem sei auch die Finanzierung der Betriebe: Viele wollten aus eigener Kraft wachsen und scheuten sich, externe Kapitalgeber reinzuholen. Die Chance bestehe aber darin, dass externe Geldgeber nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch Know-how mitbrächten.
In Deutschland sind es laut Michels vor allem die Volksbanken und Sparkassen, die Mittelständler lokal unterstützen, meist für die Anschaffung von Maschinen oder den Bau von Fabrikhallen. Doch das reiche nicht mehr, erklärt er: Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit seien heute virtuelle Assets, es gehe um Daten und KI. Dafür in Vorlage zu gehen, überfordere die Gesprächspartner in den Instituten mitunter.
Wo die KI ihre Spuren hinterlassen wird
„Im Banken- und Versicherungsbereich wird die KI große Fortschritte in Sachen Effizienz bringen. In der Pharmabranche und im Maschinenbau führt sie außerdem zu neuen Möglichkeiten in der Produktentwicklung“, führt Michels aus. Alle Unternehmen könnten davon profitieren, doch momentan seien die Strukturen eher so, dass es sich nur die großen Konzerne erlauben könnten, zu investieren.
Die richtigen Daten zu sammeln und für die KI verfügbar zu machen, könne enorme Rechenkapazitäten erfordern. Viele Betriebe seien aber nicht in der Lage einzuschätzen, ob sich der Aufwand wirklich lohne. Sie seien gezwungen, ungewöhnlich hohe Risiken einzugehen. „Das ist die Falle, in der wir alle stecken“, sagt Michels. „Die Anfangsinvestitionen in KI leisten sich derzeit eher die großen Konzerne. Das führt zu einer deutlichen Konzentration von Marktmacht.“
Können staatliche Eingriffe und Subventionen helfen? Michels beobachtet tatsächlich weltweit ein „Revival der Industriepolitik“, Volkswirtschaften wollten ihre Wettbewerbsfähigkeit sicherstellen. Beispielsweise habe China in seinem neuen Fünf-Jahresplan gezielt festgelegt, welche Industrien nach vorne gebracht werden sollen. „Da wird dann auch richtig groß Geld in die Hand genommen. Universitäten und Forschungseinrichtungen sind in die Planungen einbezogen“, kommentiert er.
Auch in den USA laufen viele Regierungsprogramme. Gleichzeitig zwingt US-Präsident Donald Trump ausländische Unternehmen zu Investitionen, nur wenn sie in den Vereinigten Staaten investieren, können sie hohe Zölle vermeiden.
Förder-Wirrwarr hilft den Betrieben nicht
Und Deutschland? Michels kritisiert in Sachen Industriepolitik die bürokratischen Abläufe hierzulande. Es gebe Fördertöpfe auf Bundes-, Länder- und EU-Ebene, gerade mittelgroße Betriebe hätten Schwierigkeiten, den Überblick zu behalten. Dem Wirtschaftsexperten zufolge sollte der Staat seine wichtigsten Aufgaben darin sehen, die Infrastrukturen bereitzustellen, die Schulen und Universitäten gut auszustatten und ansonsten über den großen Hebel der Steuererleichterungen zu unterstützen. Ansonsten hält er viel von einem „wirklich ambitionierten Bürokratieabbau“.
„Wir sollten auch die nationalen Brillen abnehmen und gucken: Wo in Europa können wir optimal zusammenarbeiten? Wo haben wir die Einrichtungen und Qualifikationen, um bestimmte Technologien nach vorne zu bringen“, rät der Chefvolkswirt der bayerischen Landesbank. „Hier sollten wir wirklich klotzen und nicht auf Ebene der EU-Länder ein bisschen herumkleckern.“
Kritiker bemängelten oft, dass Europa in einer Sandwich-Position zwischen den USA und China gefangen sei. Michels glaubt indes, dass in der EU viel erreicht werden könne, wenn die Stärken erkannt und gebündelt würden. Vor allem müsse Europa daran gehen, die vielen Hindernisse aus dem Weg zu räumen. „Eine Sandwich-Position ist nichts Schlechtes“, sagt Michels, nicht wegen des Brötchens, sondern wegen der Füllung werde ein Hamburger gekauft. (mb)





