Manfred Bremmer
Editorial Manager Computerwoche

Ohne KI geht kaum mehr was am (IT-)Arbeitsmarkt

News-Analyse
3. Nov. 20255 Minuten

Wie eine aktuelle Untersuchung zeigt, rollt mit KI eine gigantische Lawine auf die IT-Arbeitswelt zu. Experten zufolge sind mittelfristig aber auch andere Jobs betroffen.

KI-Einsatz Entwickler mit Führungskraft
Ohne KI-Kenntnisse finden IT-Experten künftig kaum noch einen Job.

DC Studio/Shutterstock.com

IT-ler, die bislang glaubten, KI sei nur ein vorübergehender Hype, sollten spätestens nach den Ergebnissen einer neuen Studie schnell ihre Meinung ändern. Denn, so das Fazit des Reports „ICT in Motion: The Next Wave of AI Integration“ vom AI Workforce Consortium: Der IT-Arbeitsmarkt erlebt dank KI eine Transformation wie nie zuvor und KI-Fähigkeiten werden zur Kernkompetenz in der IT-Branche.

Grundlage für diese Erkenntnis sind Auswertungen von Stellenanzeigendaten auf Cornerstone und Indeed, die das von Cisco geleitete Konsortium zwischen Juli 2024 und Juni 2025 in den G7-Ländern (Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Großbritannien und den USA) vorgenommen hat.

KI wird Standardkompetenz

Dabei zeigte sich, dass bereits in 78 Prozent der ausgeschriebenen IT-Stellenanzeigen explizit KI-Kompetenzen gefordert werden. Außerdem haben sieben der zehn am schnellsten wachsenden ITK-Berufe in den G7-Ländern einen direkten KI-Bezug.

In Deutschland zählen aktuell zu den gefragtesten Berufsbildern:

  • Softwareentwickler,
  • KI/ML-Entwickler,
  • Embedded Engineers,
  • Cloud Engineers, sowie
  • Data Engineers.

Gleichzeitig werden in Deutschland und weltweit Soft Skills wie Kommunikation, Teamarbeit und Führungsstärke immer wichtiger, um KI verantwortungsvoll einzusetzen.

Doch nicht nur IT-Fachkräfte sind betroffen. „Blickt man etwas in die Zukunft, etwa ins Jahr 2030, dann werden KI-Kompetenzen ebenso selbstverständlich vorausgesetzt werden wie heute PC-Kenntnisse“, erklärt Yasmin Weiß bei der Vorstellung der Studienergebnisse.

„Wer sich im Jahr 2030 auf eine Wissensarbeiterstelle bewirbt und nur unzureichende KI-Kompetenzen vorweisen kann, wird als ähnlich uninteressant wahrgenommen, wie jemand, der sich heute bewirbt und keinen PC bedienen kann“, so die Professorin mit Schwerpunkt Künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt.

ICT in Motion: The Next Wave of AI Integration - Ergebnisse für Deutschland
ICT in Motion: The Next Wave of AI Integration – Ergebnisse für Deutschland

Cisco

Gefährliches Ungleichgewicht

Aus ihrer Sicht liegt das World Economic Forum (WEF) nicht ganz falsch mit der Prognose, dass bis 2027 voraussichtlich 83 Millionen Arbeitsplätze durch Automatisierung wegfallen, während 698 Millionen neue geschaffen werden.

Wenn man den demografischen Wandel in den entwickelten Volkswirtschaften – Stichwort Babyboomer – wegrechne, halte sich das ungefähr die Waage, so Weiß. Das Problem sei, dass die Beschäftigten, deren Tätigkeiten durch KI oder andere Technologien ersetzt werden, meist nicht über die Qualifikationen für die neu entstehenden Rollen verfügen. Einfaches Upskilling reiche daher häufig nicht aus – nötig sei vielmehr Reskilling, also das Erlernen völlig neuer Qualifikationen.

„Dabei stellt sich die Frage, inwieweit solche Umschulungen realistisch sind – etwa ob ein ehemaliger Sachbearbeiter in kurzer Zeit zum Cyberforensiker werden kann“, so die KI-Expertin.

Neben der fachlichen Qualifizierung spiele auch ein tiefgreifender Mindset-Wandel eine entscheidende Rolle, erklärt Weiß. Zukünftig werden Menschen demnach häufiger verschiedene berufliche Identitäten im Laufe ihres Lebens annehmen. Dafür müssten Metakompetenzen wie Anpassungsfähigkeit, Lernfähigkeit und Offenheit für Veränderung deutlich gestärkt werden – sie bildeten die Grundlage für Erfolg in einer sich rasant wandelnden Arbeitswelt.

Christian Korff, VP Services, Strategy & Planning EMEA bei Cisco, weist darauf hin, dass derzeit im amerikanischen Sprachraum sehr viele Stellen für Learning Development ausgeschrieben werden, um eben diesen Transformationsprozess zu begleiten. Im Vergleich dazu hänge Europa und auch Deutschland noch ein bisschen hinterher, wenn es darum geht, in die Aus- und Weiterbildung zu investieren und Menschen mit auf diese Reise zu nehmen.

Wie Weiß aus ihrer Sicht als Dozentin berichtet, kann KI aber auch als Treiber und Enabler bei dieser Transformation agieren. So könnten Studierende heute mit digitalen Tools – etwa Chatbots – ganz individuell lernen und ihre beruflichen Perspektiven reflektieren. Solche Möglichkeiten habe es früher nicht gegeben.

Droht eine „Lost Generation“?

Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings, dass die Zahl der ausgeschriebenen Stellen für Berufseinsteiger, insbesondere in Kanzleien, Software- oder Beratungsfirmen, zurückgeht. Fehlt jungen Menschen dadurch eine Perspektive oder droht gar eine „Lost Generation“?

Cisco-Manager Korff widerspricht dieser pessimistischen Sicht. Zwar konzentrierten sich Unternehmen derzeit auf erfahrene Fachkräfte, um neue Technologien schnell voranzubringen. Gleichzeitig stünden jedoch viele ältere Mitarbeitende kurz vor dem Ruhestand.

In seinem Unternehmen wie auch in der gesamten ITK-Branche, zumindest in Deutschland, entstünden dadurch in den nächsten fünf bis sieben Jahren viele neue Chancen für junge Talente. Cisco investiere stark in Nachwuchsprogramme und eine interne Akademie, um den Generationswechsel aktiv zu gestalten.

„Und nebenbei“, bemerkt er, „die Menschen, die bei uns da anfangen, sind gut ausgebildet und engagiert, also alles andere als eine Lost Generation.“

Weiß räumt ein, dass insbesondere in Branchen wie der Rechtsberatung Einstiegspositionen derzeit stark von Automatisierung betroffen seien. Viele Tätigkeiten, die früher Berufseinsteiger erledigten, könnten heute von KI übernommen werden.

Das Domain-Wissen, das man früher lange Zeit erst einmal aufbauen musste, sei heute KI-basiert schneller zugänglich. Deswegen müsse man Einstiegspositionen neu denken, erklärt sie.  „Allerdings beginnen Unternehmen gerade erst, solche neuen Rollenprofile, die stärker auf komplexere, wissensbasierte Aufgaben ausgerichtet sind, zu entwickeln. Anstatt einfach Stellen zu streichen“, räumt sie ein.

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Manfred Bremmer
Editorial Manager Computerwoche

Manfred Bremmer ist Editorial Manager der Marke COMPUTERWOCHE von Foundry in Deutschland. Nachdem er bereits während seines Studiums als freier Journalist für die CW tätig war, stieg er Mitte 2001 fest als Online-Redakteur ein und blieb. Im Laufe der Jahre war Manfred in verschiedenen Ressorts tätig, darunter Unternehmen & Märkte, Communications und Mobile & Apps. Neben seiner Tätigkeit als Editorial Manager befasst sich der studierte Ethnologe mit zahlreichen IT-Trendthemen rund um die Digitalisierung und betreut den TechTalk-Podcast.

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