Mit dem neuen NFON-CEO Andreas Wesselmann diskutiert CW-Redakteur Jürgen Hill über die dringende Notwendigkeit technologischer Eigenständigkeit in Europa - und was der Mittelstand dazu beitragen kann.

Andreas Wesselmann ist seit 1. Oktober der neue CEO der NFON AG.
NFON
Herr Wesselmann, die Begriffe „Digitale Souveränität“ und „technologische Unabhängigkeit“ sind derzeit omnipräsent. Wie definieren Sie als Mittelständler diese Begriffe und warum ist das Thema gerade jetzt so relevant?
Andreas Wesselmann: Ich denke, die Relevanz ist gerade jetzt im Hinblick auf die globale Situation offensichtlich. KI-getriebene Innovation findet primär in den USA und in China statt. Deshalb ist es essenziell, dass wir in Europa unabhängig werden. Wir dürfen nicht erneut in eine ähnliche Situation geraten wie im Ukraine-Konflikt, wo wir anfangs von Gaslieferungen aus Russland abhängig waren. Es ist wichtig, dass Europa bei diesen kritischen Technologiethemen eigenständig ist und keine Abhängigkeit besteht.
Sicher, das sind die strategischen Aspekte. Aber was motiviert Sie persönlich an diesem Thema?
Wesselmann: Es geht ein bisschen darum, das unterschätzte Potenzial dessen hervorzuheben, was wir in Deutschland und Europa eigentlich leisten können. Aus meiner Sicht ist etwas verloren gegangen – der Stolz und das Selbstbewusstsein des deutschen Mittelstands als Weltmarktführer in zahlreichen Marktsegmenten. Ich möchte aktiv daran mitarbeiten, dass wir dieses Gefühl von Dynamik und Stolz wieder zurückgewinnen. Indem wir etwa als Unternehmen diese Entwicklung prägen und mittelständischen Unternehmen Lösungen aus und in Europa anbieten.
Sie sprachen die technologische Unabhängigkeit an. Wo sehen Sie die größten Chancen und Herausforderungen für europäische Unternehmen im KI-Umfeld – auch im Kontext von Initiativen wie dem EU-AI-Act oder der Apply AI Strategy?
Europas Chance ist die Anwendung der KI
Wesselmann: Die größte Chance liegt in der Anwendung der KI-Technologie. Wir sollten uns darauf fokussieren, diese Technologie anzuwenden und sie in industriespezifische Kontexte und Lösungen zu gießen. Es wäre der falsche Ansatz, wenn wir jetzt versuchen würden, das nächste OpenAI zu bauen – dafür haben wir mit Mistral bereits einen sehr guten europäischen Akteur. Die Differenzierung findet in der Anwendung statt. Das ist analog zur Industrie 4.0: Wir können von unserem spezifischen Domänenwissen profitieren und dieses mit KI verknüpfen.
Anwendungen benötigen aber eine Infrastruktur. Was kann die europäische Cloud-Industrie zur digitalen Eigenständigkeit beitragen? Gerade, wenn man die Herausforderung sieht, dass die Worte nicht immer in Taten umgesetzt werden?

CEO Wesselmann im Gespräch mit CW-Redakteur Jürgen Hill.
NFON
Wesselmann: Nehmen wir direkt NFON als Beispiel: Wir haben eigene Rechenzentren und nutzen auch andere Rechenzentren. Es ist wichtig, eine Flexibilität in der Anwendung zu haben. Die Bundesregierung geht mit dem Aufbau des Deutschland-Stacks in die richtige Richtung.
Obwohl man Technologien von anderswo nutzen kann, müssen sie so zur Verfügung gestellt werden, dass sie sich in einem geschützten Raum befinden. Die Frage “Wo sind meine Daten? Was passiert mit ihnen?” wird für Unternehmen immer wichtiger, denn sie wollen nicht, dass ihre Kern-IPs (Intellectual Properities) zum Training fremder Modelle verwendet werden.
Die Willensbekundungen auf politischer Ebene sind da, jetzt müssen aber den Worten Taten folgen. Die größte Herausforderung ist die Lücke zwischen den Plänen und der Execution. Da brauchen wir einen Ruck.
Gesunder Pragmatismus ist gefragt
Neigen wir in Europa nicht dazu, zu viel zu diskutieren und zu regulieren. Was empfehlen Sie, um mehr Tempo auf die Straße zu bringen?
Wesselmann: Wir brauchen einen gesunden Pragmatismus. Wir sollten uns mehr von anderen Nationen abschauen und weniger über alle Eventualitäten diskutieren, sondern einfach mehr machen und dann schnell iterativ lernen. Das erfordert aber auch ein engeres Zusammenarbeiten zwischen Großunternehmen, dem Mittelstand und den Institutionen. Ich sehe aktuell tatsächlich mehr Dynamik und Bewegung als noch vor vier oder fünf Jahren.
Woran machen Sie diesen Sinneswandel fest?
Wesselmann: Ein Beispiel ist für mich das neue Ministerium für Staatsmodernisierung und Digitalisierung. Ein Ministerium mit einer gewissen Startup-Mentalität über andere Ministerien hinweg zu etablieren, um die Modernisierung voranzutreiben – das ist ein neuer Weg, den die Regierung einschlägt. Das ist ein anderer Ansatz, den man braucht, um ein bisschen mehr out of the box zu denken.
Mit KI macht die Arbeit mehr Spaß
Wie passt NFON in dieses Bild der digitalen Souveränität, und welchen Beitrag leisten Sie konkret?
Wesselmann: Als Erstes: Wir wenden die Technologie selbst an. Das ist ein Schlüsselfaktor für unsere künftige Wettbewerbsfähigkeit. Wir nutzen KI quer über alle Funktionen hinweg: Entwicklung, Marketing, Vertrieb, Finanzen und Compliance. Die Mitarbeiter sind dadurch deutlich produktiver und haben mehr Spaß an der Arbeit. Das führt dazu, dass wir schneller innovative Lösungen an den Markt bringen können. So generieren wir schneller mehr Umsatz. Unsere Lösungen stellen wir dann auch anderen Firmen zur Verfügung, idealerweise in Europa und aus Europa heraus.
Wie weit hat denn schon Ihre Belegschaft diesen KI-Spirit verinnerlicht? Oft hört man von Leuchtturmprojekten, aber in der Praxis herrscht dann große KI-Skepsis bei der Belegschaft.
Wesselmann: Die Einstellung zu KI hat sich in den letzten anderthalb Jahren bei uns drastisch gewandelt. Anfang 2024 herrschte noch die Haltung: „Was ist das? Das ist unbekannt.” Wir haben bei uns im Unternehmen eine Initiative gestartet, bei der jeder, der privat oder beruflich interessiert ist, sich melden konnte. Daraus entstand ein AI-Competence-Center. Wir haben dazu einen pragmatischen Ansatz gewählt: Wer eine gute Idee hat, soll einen einseitigen Business Case beschreiben und erhält dann Zugang zu Premiummodellen, bei denen die Datenverarbeitung bei uns im Haus bleibt.
Das hat sich schnell herumgesprochen. Unser NFON Intelligent Assistant (“Nia”) ist unser internes Leuchtturmprojekt. Schon Ende letzten Jahres war der geflügelte Satz bei uns: „Hast du schon Nia gefragt?“. Diese Dynamik ist so groß, dass wir jetzt sogar unsere gesamten Finanzzahlen dort hinterlegt haben.
Agentic AI
Das heißt, man kann intern abfragen, welchen Umsatz NFON in welcher Region im letzten Quartal gemacht hat?
Wesselmann: Exakt. Man merkt die Freude der Mitarbeiter. Dieser Transformationsprozess hat dankenswerterweise nicht die üblichen drei Jahre, sondern nur ein gutes Jahr gedauert.
Blicken wir auf die Zukunft ihrer Produkte: Sie bauen KI quer durch Ihr Portfolio ein – von Business-Telefonie bis hin zu Chatbots. Welche neuen Entwicklungen zeichnen sich ab?
Wesselmann: Gerade mittelständische Kunden brauchen das Gefühl, dass ihre Daten im Land verarbeitet werden, und das gewährleisten wir. Wir nutzen die Technologie, um die Produktivität zu steigern und den Spaß an der Arbeit zu erhöhen. Beispielsweise können Gespräche zusammengefasst, in Action Items verwandelt und direkt in CRM-Systeme geschrieben werden. So muss man sich keine langen Texte durchlesen. Auch das Vorsortieren massenhafter E-Mails gehört dazu.
Die nächsten Schritte sehen wir im Bereich der Agentic AI – wie nutzt man KI, um bestimmte Arbeitsabläufe zu automatisieren und zu vereinfachen? Unser Nia Front Desk ist ein erster Schritt. Stellen Sie sich vor, ein Partner muss einen neuen Kunden anlegen, der einem Kunden von vor drei Monaten sehr ähnlich ist: Anstatt wieder von vorne anzufangen, kann er sagen: “Leg mir eine Kopie von Kunde A an”. Solche administrativen Aufgaben zu vereinfachen, das begeistert die Leute und macht die Technologie anfassbar.
Trend zu Open-Source-Modellen
Was den strategischen Unterbau betrifft: Lange Zeit wurde nur auf Google, OpenAI und Microsoft geschaut. Sehen Sie auch einen Trend hin zu Open-Source-Modellen?
Wesselmann: Ja, dem stimme ich komplett zu. Das ist eine spannende Entwicklung. Nachdem am Anfang geschlossene Modelle dominierten, hat Metas Lama-Modell die Tür geöffnet. Wir finden heute immer öfter in Open-Source-Modellen exzellente Lösungen für ganz spezifische Probleme. Der Qualitätsunterschied zwischen öffentlich zugänglichen Versionen und geschlossenen Modellen ist nicht mehr groß.
Zusätzlich werden die Modelle immer kompakter für Kernfragen. Wir werden sehen, dass Unternehmen sagen werden: „Dieses Modell ist gut für meine Industrie, könnten wir es nicht anwenden?“.
Also sehen Sie einen klaren Trend zu spezialisierten Small-Language-Modellen (SLMs)?
Wesselmann: Ja, gerade für industriespezifische Anwendungen. Man schränkt die großen Sprachmodelle ohnehin auf den geschäftlichen Kontext ein, der wichtig ist. Dann werden sie mit Wissen über Methoden wie RAG (Retrieval-Augmented Generation) und Vektordatenbanken angefüttert. Dabei ist entscheidend, ob die Qualität stimmt und ob es sich in die betriebswirtschaftlichen Prozesse integrieren lässt. Es ist weniger relevant, ob mein Modell Wissen über den Chemie-Nobelpreis hat. Die höhere Qualität in kompakter Form und der Open-Source-Trend werden einen Schub bringen, der stark zur Souveränität beiträgt.
Stichwort Souveränität. Was kann jeder Einzelne – egal, ob im Unternehmen oder in der Politik – dazu beitragen, damit wir im Sinne der digitalen Souveränität schneller vorankommen?
Wesselmann: Meine Empfehlung ist immer: Einfach ausprobieren und anfassen. Ob es der Chat von Mistral ist oder ein Premium-GPT-Account: Probieren Sie aus, wie Sie KI nutzen können. Vor anderthalb Jahren tippte man typischerweise etwas in Google ein; heute nehme ich meinen Premium-GPT-Account und stelle dort Fragen. Man kann durch die Nutzung lokaler, europäischer Modelle einen Beitrag zur Souveränität leisten. Oder man investiert 30 Euro, um seine Daten privat zu halten, damit sie nicht zum Training weitergegeben werden. Einfach ausprobieren. Der Mehrwert ist oft größer, als man initial denkt.





