HPE-Juniper-Übernahme

Neue Konkurrenz für Cisco

04.04.2024 von Neal Weinberg
Mit der geplanten Übernahme von Juniper Networks durch HPE könnte ein neuer Big Player neben Cisco entstehen – mit Schwerpunkt KI. Anwender und Channel-Partner hegen noch Bedenken.
Mit der Übernahme von Juniper wird HPE zum Netzwerk-Player. Das Netzwerk-Business könnte künftig 56 Prozent des operativen Gewinns ausmachen.
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Die geplante, 14 Milliarden Dollar schwere Übernahme von Juniper Networks durch Hewlett Packard Enterprise (HPE) sorgt bei Unternehmenskunden und Service Providern für Unruhe. Sie befürchten, dass aufgrund von Produktüberschneidungen bestimmte Baureihen komplett aus dem Sortiment verschwinden könnten.

Auf der anderen Seite hat der Deal das Potenzial, für neue Dynamik im Netzwerkmarkt zu sorgen. Mit HPE-Juniper könnte ein neuer Player entstehen, der Platzhirsch Cisco endlich technologisch auf Augenhöhe begegnen kann.

Produktüberschneidungen

Dass es erhebliche Produktüberschneidungen zwischen den Portfolios von Juniper und HPE Aruba gibt, ist offensichtlich. Deshalb ist es nur zu verständlich, dass sich die Kunden sorgen, dass bestimmte Produktlinien konsolidiert oder schlicht gestrichen werden könnten. Zudem könnte es zu Konflikten zwischen den Vertriebskanälen kommen.

Letztlich sind das Befürchtungen, die bei jeder Übernahme dieser Größenordnung entstehen. Kunden und Partner machen sich Gedanken darüber, wie sich die Änderungen auf die Produkt-Roadmap sowie auf die Vertriebs- und Support-Teams auswirken könnten. Entscheidend ist jedoch, wie die Unternehmen mit diesen Sorgen und Fragen umgehen.

VMware-Broadcom als Negativ-Beispiel

Ein Paradebeispiel dafür, wie man es nicht machen sollte, ist derzeit die Übernahme von VMware durch Broadcom. Angesichts des unsensiblen Agierens seitens Broadcoms raten Analysten den Anwendern mittlerweile, dem Unternehmen den Rücken zu kehren und sich nach Alternativen umzusehen. Hier scheinen HPE und Juniper deutlich cleverer zu agieren, wie Analysten berichten. Beide würden proaktiv auf die Anwender zugehen und versuchen, die Bedenken zu zerstreuen.

Die Kundenkommunikation zählt

Angesichts der zahlreichen Überschneidungen im Netzwerk-Portfolio (im Bild ein Juniper-Router der PTX-Familie) fürchten viele Anwender, dass manche Baureihen komplett eingestellt werden.
Foto: Juniper Networks

Eine Erfahrung, die etwa Zeus Kerravala, Chefanalyst bei ZK Research, gemacht hat: "Ich habe mit Juniper-Kunden gesprochen, und anfangs gab es viele Bedenken. Welche Produkte werden überleben? Wie sieht das Portfolio nach dem Zusammenschluss aus?" Doch mittlerweile ist Kerravala davon beeindruckt, mit welcher Geschwindigkeit die beiden Unternehmen mit den Kunden gesprochen und erklärt hätten, dass es keine unmittelbaren Pläne zur Streichung von Produkten gebe.

Zudem habe ihm Phil Mottram, HPE Executive Vice-President und General Manager der Aruba Division, versichert, dass die Kunden im Falle einer Entscheidung, ein überflüssiges Produkt zu eliminieren, rechtzeitig informiert würden. "Normalerweise kündigt HPE das Ende der Produktlebensdauer fünf Jahre im Voraus an. Das scheint die Befürchtungen der Kunden zerstreut zu haben", ergänzt Kerravala.

Mögliches Streichpotenzial

Sian Morgan, Research Director bei der Dell'Oro Group, sieht das etwas anders: "Aufgrund der starken Überschneidungen in einigen Bereichen - etwa bei Wireless LAN - ist eine Verschlankung der Produktlinien zu erwarten. Dies macht die Kunden nervös, da niemand weiß, welche Produkte unverändert bleiben, welche sich ändern - oder schlimmer noch, welche verschwinden werden."

Für sie ist es deshalb nur verständlich, dass sich Unternehmen Sorgen über die Langlebigkeit der Hardware und Software machen, die sie in ihre Netzwerke integriert haben. Und die Marktzahlen scheinen ihr dabei recht zugeben, denn sie verheißen nichts Gutes für viele Produktlinien von Cisco.

Juniper und HPE in Zahlen

Zwar hat sich Juniper (1996 gegründet) als Alternative für Anwender positioniert, die sich nicht an Cisco binden wollen, doch HPE hat in vielen Marktsegmenten einen deutlich höheren Marktanteil. So gibt Dell'Oro Cisco einen Anteil von 43 Prozent am Gesamtmarkt für Unternehmensnetzwerke, während HPE mit 6 Prozent weit abgeschlagen dasteht. Der Gesamtmarktanteil von Juniper beträgt nur 3 Prozent. Ein Bericht von Gartner zeichnet ein ähnliches Bild und schätzt den Umsatz von Cisco im Bereich Enterprise Networking für 2022 auf 24,1 Milliarden Dollar, während HPE auf 3,7 Milliarden Dollar und Juniper auf 2,1 Milliarden Dollar kommt.

Vorteil HPE

Nach Angaben der Dell'Oro Group liegt HPE beim WLAN-Marktanteil an zweiter Stelle, während Juniper an siebter Stelle steht. HPE ist Dritter im Bereich Campus-Switching, Juniper ist Fünfter. HPE ist Sechster im Bereich Enterprise Routing, Juniper liegt an zwölfter Stelle. Der SASE-Umsatz von HPE ist fast viermal so groß wie der von Juniper.

Vorteil Juniper

Mit seinem KI-gestützten, virtuellen Netzwerkassistenten Marvis hat Juniper laut Analysten einen geschätzten Vorsprung von zwei Jahren gegenüber der Konkurrenz.
Foto: Juniper Networks

Die einzigen sich überschneidenden Bereiche, in denen Juniper einen höheren Marktanteil als HPE hat, sind laut Dell'Oro Switches für Unternehmensrechenzentren und Netzwerksicherheit. Dafür verfügt HPE über einige Produkte, die Juniper nicht anbietet, wie etwa Private 5G. Auf der anderen Seit hat Juniper Router für Service Provider und Firewalls der nächsten Generation im Portfolio.

Deshalb kommt Will Townsend, Principal Analyst bei Moor Insights and Strategy, zu dem Schluss: "Es gibt erhebliche Überschneidungen zwischen den Netzwerkportfolios von HPE Aruba und Juniper. Es wird eine ernsthafte Rationalisierung der Roadmap erforderlich sein, und zweifellos werden einige Lösungen auslaufen."

Streichungen unausweichlich?

Ähnlich sieht es Forrester-Analyst Andre Kindness, der darauf hinweist, dass das fusionierte Unternehmen mehrere Produktlinien für Wireless Access Points sowie redundante Routing- und Switching-Betriebssysteme und Verwaltungsplattformen haben wird. "Produkte werden verschwinden müssen, auch wenn dies nicht sofort der Fall sein wird", prognostiziert Kindness.

KI als Kronjuwel

Junipers AI Platform zählt zu den Kronjuwelen des Unternehmens und dürfte HPE zur der Übernahme veranlasst haben, um auf die Splunk-Übernahme durch Cisco zu reagieren.
Foto: Juniper Networks

Doch wo liegt nun das Asset der Übernahme, wenn HPE sich nicht nur einen Sack an Problemen einkaufen will? Das Kronjuwel ist die KI-Technologie von Juniper. Diese hatte das Unternehmen 2019 mit dem Kauf von Mist Systems 2019 erworben und in sein Produktportfolio integriert. So drehte sich auch jede öffentliche Aussage von HPE-CEO Antonio Neri zur Juniper-Übernahme um das Thema KI.

Zwei Jahre Vorsprung

Laut Kindness ist der KI-gestützte virtuelle Netzwerkassistent Juniper Marvis, "die bei weitem fortschrittlichste KI-Lösung auf dem Netzwerkmarkt". In seinen Augen hat Juniper dabei einen geschätzten Vorsprung von zwei Jahren gegenüber der Konkurrenz. Auch Townsend weist darauf hin, dass HPE weitere KI-Tiefe benötigt, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Juniper könnte in diesem Bereich liefern.

Vielleicht war es deshalb kein Zufall, dass sich HPE-Chef Neri Juniper gleich nach der Übernahme von Splunk durch Cisco geschnappt hat. Schließlich betonte Cisco-CEO Chuck Robbins, dass der Splunk-Deal Cisco in die Lage versetze, "die Art und Weise zu revolutionieren, wie unsere Kunden Daten nutzen, um jeden Aspekt ihrer Organisation zu verbinden und zu schützen, während wir helfen, die KI-Revolution voranzutreiben und zu schützen."

Dem kontert nun Neri mit dem Argument, dass ein konsolidierter Juniper/HPE-Stack mit Schlüsselkomponenten wie dem Slingshot-Interconnect von HPE in allen Bereichen mit Cisco konkurrieren könne. Tatsächlich wird HPE mit der Übernahme von Juniper zu einem Unternehmen, das sich in erster Linie auf Netzwerke konzentriert.

HPE wird zur Netz-Company

So entfallen künftig 31 Prozent des Gesamtumsatzes auf den Bereich Netzwerke, der damit zum größten Geschäftsbereich von HPE wird. Außerdem werden 56 Prozent des operativen Gewinns auf diesen Bereich entfallen. Dies spiegelt, so Forschungsdirektorin Morgan, die höheren Gewinnspannen rund um Netzwerkausrüstung wider. Dies könnte für HPE wichtig sein, denn das Unternehmen hat Schwierigkeiten, seinen Umsatz mit Servern und Speichern zu steigern.

Neue Chancen für Arista und Extreme

Allerdings weist Morgan auch daraufhin, dass selbst das kombinierte Unternehmen HPE-Juniper - unter der Prämisse, dass es seinen gesamten Umsatz mit Unternehmensnetzwerken ohne Kannibalisierung aufrechterhalten kann - immer noch weniger als ein Viertel des Marktanteils von Cisco erreichen würde. Mit Blick auf die Netzwerkbranche im weiteren Sinne haben Arista und Extreme laut Chefanalyst Kerravala bei der Übernahme am meisten zu gewinnen. So habe sich Arista als High-End-Alternative zu Cisco positioniert und arbeite sich auf dem Markt nach unten vor. Extreme habe die Übernahmen von Avaya, Brocade und Aerohive erfolgreich integriert, und "das Timing könnte nicht perfekter sein, da das Unternehmen jetzt konkurrenzfähig ist".

Schwere Zeiten für Dell?

Doch noch ein anderer Aspekt sollte bei der Übernahme von Juniper durch HPE nicht vergessen werden: Das Konkurrenzverhältnis von HPE zu Dell. Beide Unternehmen buhlen um Kunden, die ein Komplettangebot aus einer Hand wünschen, das ASICs, Netzwerke, Computerhardware, Software, KI und Dienstleistungen umfasst. "Und HPE hat hier jetzt einen deutlichen Vorteil gegenüber seinem größten Konkurrenten im Bereich Computing und Services. Denn Dell hat sich im Bereich Netzwerke schon immer schwergetan", meint Morgan.